World of Tanks: Roll Out

Comic Tie-Ins zu großen Spielemarken sind absolut nichts Außergewöhnliches. Dass sich zu dem Comic-Ableger des F2P-Phänomens „World of Tanks“ allerdings einer der bekanntesten aktuellen Autoren gefunden hat, macht das Ganze für einen zweiten Blick durchaus interessant.

Load N Roll

Wo Story-Hintergründe in den rundenbasierten Panzerschlachten des PC-Spiels eine verschwindend kleine Rolle spielen, muss für den Comic also fleißig daher gedichtet werden. So erzählt „Roll Out“ eher ein Kriegs-Abenteuer nach bekannten Mustern: Eine frisch ausgehobene Panzerdivision der Briten bekommt es nach der Landung in der Normandie mit einem Veteranentrupp deutscher Panzerfahrer zu tun. Der Erfahrungsunterschied wäre schon schlimm genug, zusätzlich stellen sich die Cromwell-Panzer der Insel-Europäer aber schnell als unterlegen gegenüber den deutschen Stahlkolossen heraus. Die Feinde der Wehrmacht haben derweil mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen, nicht nur, dass Nachschub und Reparaturmittel dank der schwierigen Lage in der Heimat fast unmöglich zu bekommen sind. Nein, die Wehrmachtssoldaten müssen sich auch intern mit übereifrigen und skrupellosen „Kameraden“ der Waffen-SS herumschlagen, die sich weder für eine faire Zusammenarbeit untereinander und, schlimmer noch, erst recht nicht für eine „humane Kriegsführung“ interessieren.

Die zwei Seiten der Medaille

Garth Ennis, der Autor fürs Grobe und Brutale, für Rache-Geschichten des Punishers und Splatter-Orgien eines „Crossed“, ist auf den ersten Blick vielleicht gar nicht der Mann für eine Soldaten-Geschichte. Allerdings finden sich in seinem bisherigen Resumé unter den kleineren Titeln bereits einige Weltkriegs-Ausgaben und Ennis betont auch in Interviews immer wieder sein Interesse und die eigene Recherchelust zu dem Thema. Damit scheint er dann tatsächlich perfekt den Bogen zu schlagen, denn „World of Tanks“-Veteranen werden wohl auch eher zu den Fakten-Nerds und Freunden der historischen Genauigkeit gehören, sich an Panzermodellen und taktischen Manövern erfreuen und Ennis weiß hier zu liefern. Wie korrekt das Ganze ausfällt kann ich an dieser Stelle jedoch nicht beurteilen, dafür habe ich mit der Thematik viel zu wenig am Hut, allerdings dürfte Ennis hier eben wie gesagt genug liefern, woran sich der Hobby-Historiker für Panzerschlachten und Militär satt futtern kann. Mit dieser Klappe schlägt Ennis außerdem gleich zwei Fliegen, denn „Roll Out“ fährt überraschend zweigleisig, beide Erzählstränge, sowohl der Deutsche als auch der Britische, erhalten ungefähr den gleichen Erzählanteil. Das ist für den, gerade in der Pop-Kultur, als „moralisch guten“ Kampf gebrandmarkten 2. Weltkrieg ja meist die Ausnahme, zu gute Feindbilder geben die Nazis dafür ab. Der Autor legt hierbei aber nicht nur auf den oft vergessenen Unterschied zwischen Werhmachts- und SS-Soldat wert (Letztere bedeuten für die Kameraden von der Wehrmacht fast schon größere Widerstände als der alliierte Feind). Ennis macht aus „Roll Out“ außerdem nicht den bekannten Kampf aus „Gut gegen Böse“, sondern ein taktisches Duell der Strategen und Denker. Das lässt die Story durchaus faktisch werden, soll heißen wer eine Geschichte mit Plot und Charakterunterbau sucht, dürfte hier eher verkehrt sein, andererseits könnte sich das tatsächliche Zielpublikum, die PC-Spieler, hier wohl kaum besser wiederfinden. Denn diese sind im Verlaufe einer Partie wohl auch nur wenig daran interessiert, ob sie nun für die „Guten oder die Bösen“ ihren Stahlkoloss ins Gefecht rollen und viel mehr daran wie sie ihren Gegner mit taktischem Geschick und Kalkül schlagen können. Das ein Ur-Gestein des britischen Comics, Judge Dredd Miterfinder Carlos Ezquerra, hier sicher nicht seine beste Zeichenarbeit, aber selbst dann noch gelungenen, dreckigen Soldatencomic aufs Papier bringt, sollte sich dabei erübrigen. Wie auch bei der Wahl des Autors kann man hier „World of Tanks: Roll Out“ sicher nicht vorwerfen nur ein billiger Marketinggriff in den Geldbeutel der Fans sein zu wollen.

Fazit:

Auf den ersten Blick kaum ein Garth Ennis-Comic, dafür einfach viel zu ruhig, viel zu sehr an Zahlen interessiert, wenig Irre und überraschend sanftmütig, zeigt „World of Tanks: Roll Out“ auf den zweiten Blick gekonnt die andere Seite des Autors. Denn der Leidenschaftler für alles Historische was diese Epoche betrifft, geht hier einen eher lockeren, kalkulierenden, man möchte fast sagen, „spaßigen“ Weg. Und macht aus den Panzerschlachten einen Schlagabtausch des Könnens und Taktierens – ganz so wie es das PC-Spiel für Millionen von Spielern wohl genauso auf den Schirm gezaubert hat. Und wer mit diesem Weltkriegs-Comic dann doch zu sehr auf Blut, Gräuel und moralische Untiefen verzichten müsste, kann immer noch zu dem hervorragenden „Über“ von Ennis Landsmann Kieron Gillen greifen.

„World of Tanks: Roll Out 1“ von Garth Ennis und Carlos Ezquerra erscheint bei Panini Comics im Softcover, 16,99€, 124 Seiten.
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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