Wonder Woman: Hiketeia

Eine Bittstellerin vor der Haustür und ein wohlüberlegtes Versprechen führen dazu, dass sich Batman und Wonder Woman auf unvereinbaren Seiten wiederfinden. Eine gewaltfreie Lösung scheint dabei nicht möglich.

Wenns nachts an der Türe klopft …

… macht man am besten gar nicht auf. Wie auch schon Ted Mosby in der seriellen Muttersuche für seine Kinder festgestellt hat: „Nach 2 Uhr nachts passiert nichts Gutes mehr.“ Das dürfte sich auch Ausstell-Amazone Wonder Woman denken als mitten in der Nacht eine völlig erschöpfte und abgekämpfte Frau namens Danielle auf ihrer Fußmatte sitzt – und auch noch um Hiketeia bittet. Diesem alten, antik-griechischen Brauch nach, unterwirft sich der Flehende komplett der Gnade seines erwünschten Retters, welcher fortan über ihn gebieten kann, seinen Bittsteller aber auch zu beschützen hat. Und das im Falle von Danielle sogar vor einem ganz besonderen Häscher im Fledermauskostüm. Denn Batman ist der Dame seit Gotham City auf den Fersen – und möchte sich auch nicht von klaren Worten der wesentlich verständnisvolleren Diana von seinem Gerechtigkeitskampf abbringen lassen.


Der Anfang vom Anfang

In den letzten 15 Jahren haben wohl zwei Autoren Wonder Woman im Besonderen geprägt – das dürfte einerseits Brian Azzarello mit seinen Ideen zur New52 Wonder Woman gewesen sein und dann eben noch „damals“ 2002 Greg Rucka, Pre Infinite Crisis. Auch eine Gail Simone, trotz ihrer offensichtlichen Liebe zur Figur, dürfte vom Impact und Aufmerksamkeit nicht so viele Spuren hinterlassen haben, wie die beiden Herren. Das dürfte auch an den jeweiligen Zeitpunkten liegen zu denen Azzarello und Rucka die Serie übernahmen. Ersterer konnte selbst aus der teils exzellenten Masse an New52-Flagschifftiteln noch einmal herausstechen, Rucka dagegen holte Diana damals sogar komplett zurück, nachdem sie in ihrer eigenen Serie etwas in der Obskurität versunken war. Mit einer absolut treffsicheren Charakterisierung lieferte er die perfekte Wonder Woman für das 21. Jahrhundert, irgendwo zwischen liebenswerter Muttergestalt, versöhnlicher Friedensbotschafterin aber auch zu moralischer Kompromisslosigkeit fähig. „Hiketeia“ war das Einzelabenteuer, dass Rucka damals für die Entscheider in der Chef-Etage überhaupt erst ins Licht rückte, „Wonder Woman“ komplett zu übernehmen. Und als solches Qualifikationsschreiben enthält „Hiketeia“ auch bereits alle zu erwartenden Elemente, die seiner späteren Serie den bekannten Pfiff verleihen sollte. Die Charakterisierung Dianas sitzt bereits zu 100% und das obwohl oder vielleicht gerade weil, die Dame hier fast ausschließlich in Captions monologisiert oder ihr Dasein von anderen kommentiert wird. Rucka hat dabei reichlich Erfahrung seine Geschichte mit ordentlich Textboxen zu erzählen, sahen seine Detektiv-Geschichten um bspw. Rene Montoya ja ähnlich aus. Was in anderer Hand also vielleicht schnell langweilen könnte, funktioniert hier gut. Dazu kommt, dass mit Zeichner J.G. Jones ebenfalls bereits der Künstler an Bord war, der auch Ruckas Run dann letztendlich begleiten sollte. Jones Handling für eine filmische Perspektivwahl passen sehr gut zu der, vom Schauplatz her eher auf Dianas Herrenhaus beschränkten Geschichte, denn so bleibt das Zuschauerinteresse auch ohne Abstecher in exotische Szenarien stets vorhanden.

Ein Comic, der sich selber überflüssig gemacht hat?

Alles paradiesisch also auf der Paradiesinsel? Ja, eigentlich schon und doch … „Hiketeia“ mag wie gesagt die perfekte Vorschau sein für alles was Rucka und Jones dann folgen ließen, aber ebenso wie selbst der fantastischste Trailer wird dieser doch dann fast überflüssig, sobald man den fertigen Film gesehen hat. Dianas Abenteuer geht es dabei ganz ähnlich, denn von den ikonischen Bildern des roten Stiefels auf Batmans Gesicht sollte man sich nicht zu abhängig machen (für mich selbst war dies bspw. der Hauptgrund den Comic nun mal nachzuholen), wer hier glaubt ein charakterdefinierendes Zusammentreffen der beiden Ikonen zu bekommen, dürfte sich zu viel versprechen. Über die meiste Strecke ist der Comic ausgesprochen ruhig und lieber an dem Mythischen und Persönlichem interessiert. Nicht der Schlagabtausch zwischen Batman und Wonder Woman steht im Vordergrund, sondern die moralischen Gegensätze welche die beiden präsentieren. Diese Gegensätze und ihre anhängliche Geschichte sind allerdings nicht dick genug, um den Comic alleine weiter interessant zu machen, was man auch an dem zwar konsequenten, aber auch hastig-simplem, Ende erkennen kann. Obwohl „Hiketeia“ also nicht so richtig alleinstehen kann, möchte man dem Comic auch nicht vorwerfen, dass er lediglich als nostalgisches Dokument dient, als Zeugnis wo Rucka und Jones mit ihren Ideen herkamen, bevor es in dem letztendlichen Run richtig los ging. Und doch gibt es außer diesem Interesse eher wenig, dass ein immer-wieder lesen des Bandes (und damit einen Kauf?) rechtfertigen würde, obwohl alles andere eben stimmen mag.

Fazit:

„Wonder Woman – Hiketeia“ ist mehr historisches Dokument als alleinstehendes Werk für die Unterhaltungsewigkeit. Als Grundstein für alle späteren Bände, die mit ihrer gelungenen Charakterisierung, einem tollen Nebencast und einnehmenden Zeichnungen auch nach unzähligen Lektüren nicht langweilig werden dürften, ist auch in „Hiketeia“ all diese DNA natürlich vorhanden. Und dennoch ist der Band für sich selbst stehend etwas zu dünn und thematisch, wenn auch fokussiert, eben nicht komplex genug, um wirklich dauerhaft in Erinnerung bleiben zu können. Wer immer mal sehen wollte, wo einer der besten Wonder Woman Runs denn genau herkam, muss hier reinschauen. Wer aber selten „Wonder Woman“ liest und auf ein fetziges Einzelabenteuer mit Amazone gegen Fledermaus gehofft hat, der wird hier eher nicht fündig.

zur Leseprobe
„Wonder Woman – Hiketeia“ erscheint bei Panini Comics im Softcover, 12,99€, 100 Seiten. Von Greg Rucka und J.G. Jones.

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

Share This Post On

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*