Wonder Woman: Göttin des Krieges 2

Zuletzt musste Diana einen Bürgerkrieg in den Reihen ihrer Schwestern schlichten, nun hat es ein junger Querulant auf ihre Position als Kriegsgott abgesehen. Und dann wäre da ja noch die Sache mit Donna Troy.

Theres no place like London

Über einen guten Teil der Handlung verschlägt es nicht nur unsere Titelheldin sondern auch die geflüchtete Donna Troy in die Göttin des Krieges 2 - Bild für Beitrag 2Gassen von Englands Kronjuwel. Donna Troy, nach dem Massaker an den Brüder der Amazonen in eine Sinnkrise gestürzt, trifft auf ihrer Suche nach den schicksalslenkenden Moiren auf eine quirlige Obdachlose, Diana muss sich währenddessen mit einem neuen Feind herumschlagen, ein hitzköpfiger Jungspund, der es auf sie abgesehen hat – und dabei auf göttliche Hilfe zu zählen können scheint. Ich erwähne die Momente im Herzen des Empires daher, da hier noch die meisten Lichtblicke zu finden sind. Die Punkerin Violet ist als Figur sicher nicht originell, aber unterhaltsam quirlig und bildet so natürlich einen guten Kontrast zur verlorenen Donna Troy, die sich in der Welt der Menschen nur schwer zurecht findet. Auch das erste Aufeinandertreffen zwischen Diana und ihrem neuen Widersacher kommt noch gut weg, generell darf man Artwork und Lichtstimmung durchaus als Treffer sehen. Lediglich die Art und Weise wie Zeichner David Finch die Münder seiner Figuren pinselt, geben Anlass zum Meckern, denn diese bewegen sich immer irgendwo zwischen leicht dümmlichen Lippenschürzen und zugespitzten Kusslippen. Das ist allerdings sofort verschmerzbar, besser noch, man wäre froh drum, wären dies nur die einzigen Fehler des Bandes. Denn Makel wie Kusslippen und fehlende Frische bei den Nebenfiguren werden von den großen Fehlschlägen die Autorin Meredith Finch begeht, regelrecht begraben.

Die Schonzeit ist vorbei und das Ergebnis …Göttin des Krieges 2 - Cover

Mit dem ersten Band „Göttin des Krieges“ trat das Ehepaar Finch ein schwieriges Erbe an, denn Brian Azzarello hat mit seinem Run nicht nur eine der besten Serien nach dem New52-Neustart zu bieten sondern dem Wonder Woman Kosmos im Generellen, eine neue, völlig eigene Seite, abgewonnen. Die Neue am Story-Ruder, Meredith Finch, genoss daher noch eine gehörige Portion an Welpenschutz, was die Tempo-Probleme im ersten Band und einige Probleme bei der Charakterisierung von Heldin Diana zwar nicht verschwinden, aber mit Wohlwollen aussitzen ließ. Nun allerdings, wo die Bandagen abgelegt sind, zeigt sich schnell das Finch nicht einmal mehr die Mittelmäßigkeit des ersten Bandes zu halten weiß. Denn „Götterzorn“ zeugt nicht nur deutlich von der fehlenden Erfahrung der Autorin sondern auch von einem völligen Unverständnis für die Figur selbst. Dazu kommen, wohl auf der Editorial-Ebene ersonnene, Ideen um einige Entscheidungen die Azzarello getroffen hatte, wieder rückgängig zu machen oder deutlich zu verändern und die Katastrophe ist perfekt.

Mutter, die keiner mag; Philosophie, die keinen Sinn macht; Comic, den keiner braucht

Was sich im Vorgängerband schon ankündigte, wird hier schnell Tatsache: Im Hause DC (und ja, ich vermute stark, dass diese Göttin des Krieges 2 - Bild für Beitrag 1Entscheidungen nicht Finch zu verbuchen hat) war man nicht glücklich mit der Welt die Azzarello für seine Amazone erschaffen hatte. Nicht nur, dass daraus ein gigantischer Bruch resultierte (Azzarellos Geschichte schien in einer eigenen Welt zu spielen, Start Meredith Finch wird Diana mit ihrer Beziehung zu Superman und Verpflichtungen in der Justice League geradezu überrollt) auch die grundsätzlichen Töne schienen ein paar Oberen nicht gefallen zu haben – daher das Massaker an den „Brüdern der Amazonen“, die sich zukünftig die Inseln eigentlich teilen sollten, daher nun einige krude und völlig unmotivierte Wiederbelebungen, die einer Ohrfeige für die ersten fünf Bände gleich kommen. All dies wäre für einen erfahrenen Autoren schon schwer genug zu stemmen und man wäre schnell gewillt Meredith Finch hier vom Kieker zu nehmen – jedoch sieht es um Wonder Woman, wenn man all diese „Entscheidungen von oben“ einfach mal als gegeben hin nimmt, immer noch unsäglich düster aus. Finch scheint jedes tieferes Verständnis für Dianas Figur zu fehlen; aus einer Ikone, die Gerechtigkeit und Mitgefühl über jede Selbsterhaltung stellen würde, wird ein bemutternder Haudrauf, die sich genauso gerne in Selbstmitleid ergeht und dadurch schnell regelrecht nervt. Die Autorin scheint sich dabei nicht besser zu helfen zu wissen als Diana bekannteste Plattitüden in den Mund zu legen von „Nicht dein Leben lenkt dich, sondern du lenkst dein Leben“ bis hin zu „du musst dir selbst verzeihen“. Dadurch verkommt Wonder Woman zur Besserwisserin, die es schwer hat, den Leser auf ihre Seite zu ziehen. Und auch mit den anderen Facetten des Charakters tut sich Finch wahnsinnig schwer. Wenn sich später herausstellt, wer im Geheimen gegen sie vorgegangen ist und eine Diskussion über ihre Rolle als Ares und die Notwendigkeit für Krieg entbrennt, ist das mächtiger Storystoff, den ein guter Autor vielleicht zu verweben gewusst hätte, Finch dagegen liefert uns Hipster-philosophische Ansätze, die genau für die drei Meter Sinn machen, die man nicht näher über sie nachdenkt. Und mit ihrem unweigerlichen Zerfleddern den Bösewicht, den Hauptfokus des Bandes und damit die komplette Geschichte, mal ebenso aus dem Fenster werfen. Finger weg!

zur Leseprobe

„Wonder Woman – Göttin des Krieges 2: Götterzorn“ gezeichnet von David Finch, geschrieben von Meredith Finch, erschienen bei Panini Comics im Softcover, 16,99€, 172 Seiten
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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