Wonder Woman: Göttin des Krieges 1

Azzarello und Chiang haben fertig, Wonder Woman aber noch lange nicht? Mit einem neuen Kreativteam geht die Serie um DCs Amazone in die nächste Runde und muss sich natürlich der Frage stellen: Lohnt es sich dabei zu bleiben?

Dianas 40 Stunden Tag

Seit ihrem Erstauftritt im neuen DC-Universum hat sich für Diana viel getan. Sehr viel. Nicht nur, dass Diana ihrer Mutter auf den Thron der Amazonen gefolgt ist, es gibt auch gleich ordentlich viel Ärger um ihre Regentschaft auf die Probe zu stellen. Unter den Amazonen brodelt es seit sich auf ihrer paradiesischen Heimatinsel ihre Brüder, Hephaistos Söhne, breit machen. Nach ihrer Hilfe im großen Finale gegen den Erstgeborenen hatte Diana ihnen nicht nur Unterschlupf gewährt und damit mit Jahrtausenden alten Traditionen gebrochen sondern im Zuge der Schlacht um den Olymp auch den Mantel der Kriegsgöttin angenommen. Schon mehr als genug Arbeit selbst um eine Unsterbliche zu zerreiben, dazu kommen aber noch Dianas Verpflichtungen gegenüber der Justice League sowie ihre Bemühungen die noch junge Beziehung zu Superman nicht zu gefährden. Das alles wird sicher nicht leichter als einige der Amazonen zum offenen Königssturz aufrufen und sich hinter einer neuen Königin versammeln wollen – Donna Troy!

Tschau Chiang, Hi Finch

Göttin des Krieges - Bild für BeitragMit dem neuen Kreativteam bestehend aus den Eheleuten Meredith und David Finch findet sich natürlich auch ein neuer Zeichner hinterm Brett wieder und hat ein schweres Erbe anzutreten. Denn Cliff Chiang versorgte uns, immer wieder unterstützt von Goran Sudzuka, die letzten sechs Bände mit vorzüglicher Olympatmosphäre die einer antiken Vase hätte entsprungen sein können. Diesen Bruch muss man erstmal hinnehmen, hatten doch die Zeichnungen im Vorgänger sich hervorragend ins Wonder Woman-Setting eingefügt. Doch David Finch macht einem langes Trauern schwer, beschert er uns zwar nicht ganz so passende aber doch richtig gute Zeichnungen für seinen Serieneinstieg. Einigen dürfte Finch bereits aus dem Crossover „Forever Evil“ bekannt sein und auch in „Wonder Woman“ zeichnet der Kanadier so selbstbewusst drauf los, dass es wenig Anlass zum Meckern gibt. Besonders bei Monstern wie metallischen Vögeln oder Hydren legt er durch ein cooles Design noch einmal eine Schippe drauf, die Kreaturen heben sich noch einmal ein Stück von ihren menschlichen Widersachern ab. Lichtstimmung, Choreographie, Ausdruck, hier gibt es überall einiges fürs Auge, einzig in einigen Momenten scheint Finch das Gesicht Dianas etwas zu püppig geraten zu sein. Das bezieht sich besonders auf ruhigere Charaktermomente, scheinbar ging es hier etwas zu weit, Dianas „weiche“ Seite zu zeigen, im großen Gesamtkontext fällt aber auch dies nicht weiter negativ auf. Auch wenn ich also Chiangs ausdefinierten Stil in Wonder Woman zukünftig vermissen werde, Finch macht einem die Übergangsphase viel leichter als man hätte erwarten dürfen. Und als Nostalgie-Schmankerl enthält der Band ja auch noch das „Wonder Woman Annual“, gezeichnet von Goran Sudzuka, der sich verspielt im Zeichenstil der ersten paar Bände suhlt.

Tempus fugit. Und zwar sowas von fugit.

Allerdings finden sich die Finches in ihrem ersten Story-Arc, „Kriegswunden“, mit einer großen Schwierigkeit im Gepäck wieder: dem Göttin Krieges - Coverhalsbrecherischen Tempo ihrer Storyline. Natürlich, dies könnte perfekt Dianas Zwiespalt zwischen all den vielen Erwartungen an sie abbilden, statt ein temporeiches Hin- und Her allerdings für dieses Thema zu Nutzen, verliert sich der Plot viel zu schnell in viel zu vielen Einzelheiten, denen dann der Raum fehlt um ausreichend erzählt zu werden. Gemessen an ihrer Bedeutung für den Wonder Woman Kosmos ist Donna Troys Erstauftritt im New52 geradezu wahnwitzig übereilt. Die enthaltenen sechs Ausgaben wären für Debüt, Konflikt und Abhandlung so schon bemessen kurz für die Art von Konflikt die Meredith Finch zwischen Diana und Donna erzählen will. Durch das Hineinstopfen einer kurzen und letztlich belanglosen Justice League-Storyline plus Charaktermomenten mit Partner Clark Kent UND einen Konflikt mit den Amazonen UND Gastauftritten, wird das Unterfangen aber vollends absurd. Besonders ärgerlich, wenn sich dem Leser jederzeit Momente zeigen, die ohne Probleme hätten gekürzt oder ganz ausgelassen werden können. Der beworbene Gastauftritt Swamp Things bspw. ist nicht nur in wenigen Panels abgehandelt sondern trägt letztendlich überhaupt nichts zum Verständnis beider Figuren bei. Den Platz hätten die Geschichte ganz sicher für Anderes gebrauchen können. Aber: Nicht alles ist verloren im Hause Finch und noch wichtiger für Dianas zukünftige Abenteuer. Denn abgesehen von dem aberwitzigen Tempo, stecken gute Ideen in „Göttin des Krieges“ und Meredith Finch scheint auch eine Vorstellung zu haben, wohin sie mit der Figur will.

Fazit:

„Kriegswunden“ schafft es trotz eines viel zu hohen Tempos und den unweigerlich hohen Erwartungen gemessen an den Vorgängern, Vorfreude auf die zukünftigen Abenteuer Dianas zu wecken. Denn die Autorin schafft es durchsickern zu lassen, dass sie genug Wonder Woman Futter für zukünftige Ausgaben mitbringt und kann sich so lange auf eine superbe Präsentation von David Finch verlassen. Der erste Band schafft es dadurch einen Totalabsturz zu verhindern und dürfte sich von den meisten Lesern eine zweite Chance ergattern, im kommenden Band sollte Diana aber unbedingt einen Gang zurückschalten. Bis dahin bleibt „Göttin des Krieges“ ein guter, wenn auch zu hastiger Serienstart.

zur Leseprobe

„Wonder Woman – Göttin des Krieges 1“ erscheint bei Panini Comics im Softcover, 156 Seiten, 16,99€ Geschrieben von Meredith Finch, gezeichnet von David Finch

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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