Wonder Woman: Erde Eins

Grant Morrison versucht sich an der Aufgabe Wonder Woman, die wohl stärkste und bekannteste Frauenfigur des DC Universums, zeitgemäß für das 21. Jahrhundert neu zu interpretieren. Das Ergebnis ist jedoch nicht nur mäßig innovativ und erzählerisch blutleer, sondern mieft auch noch nach den überkommenen Frauen- und Männerbildern.

Ausbruch aus dem Paradies

Diana ist die stolze Tochter Königin Hippolytas, die einst den brutalen und frauenverachtenden Herkules besiegte. Der Welt der Männer überdrüssig, schuf sie sich und ihren Amazonen die geheime Paradiesinsel, ein Rückzugsort für Frauen. Jeder Mann, der es wagt das Reich Hippolytas zu betreten, ist des Todes. Doch Diana fühlt sich in dieser harmonischen Welt beengt. Durch ihre königliche Herkunft mit unvergleichlicher Stärke und Intelligenz begünstigt, darf sie an den feierlichen Wettkämpfen der Amazonen nicht teilnehmen und kann ihre Kraft weder austesten noch beweisen. Auch hadert sie mit der Abschottung von der Außenwelt und bezweifelt, dass die Männerwelt so abgrundtief schlecht ist, wie es die Amazonendoktrin besagt. Als der Air Force Pilot Steve Trevor auf der Paradiesinsel abstürzt ist ihre Chance gekommen, auszubrechen und die Welt der Menschen zu sehen. Doch dadurch verrät sie nicht nur ihr Volk gefährlicher Kriegerinnen, sondern zieht auch den Zorn ihrer mächtigen Mutter und Herrscherin auf sich.

wonder-woman-erde-eins-bild-fuer-beitrag-1
Alle Jahre wieder: „Show, don’t tell“

Die Abenteuer Dianas werden im Rückblick erzählt, eingebettet in ihre Anhörung vor dem Amazonenrat, in dem ihr Verrat an ihren Schwestern verhandelt wird. So wird die Handlung jederzeit kommentiert und begleitet, aber leider auch stark verlangsamt. Was offensichtlich eine epische Erzählweise nachahmen wollte, stiehlt der Geschichte ihr Momentum. Viel zu oft wird vorweggenommen, was geschehen wird. Wendepunkten wird so ihre Kraft und vor allem der Überraschungseffekt geraubt. Das Prinzip „Show, don’t tell“ wird bitter vermisst. Da das Erzähltempo durch die Art der Erzählung bereits ohnehin sehr schleppend ist, fällt es umso negativer auf, dass der zentrale Konflikt auf sich warten lässt. Über lange Strecken wird wiedergekäut, dass Diana sich auf der Paradiesinsel nicht ausleben kann, die anderen sich aber nicht ändern wollen, Diana aber doch, die anderen aber nicht und so weiter. Die eigentliche Spannung entsteht aber erst, als Diana auf die Menschen- und Männerwelt trifft. Nicht nur, weil sie mit ihrem Powerfeminismus an jeder Stelle aneckt, sondern auch der Kampf zwischen Diana und den Amazonen eskaliert. Doch auch dieser schwungvolle Moment wird schnell ausgebremst. Im großen Finale wird wieder mehr geredet als die Handlung vorangebracht.

Oberflächlichkeit, Stereotype und ach so viel Sex

wonder-woman-erde-eins-bild-fuer-beitrag-2Ein dialoglastiger Comic der Action sparsam einsetzt kann an sich eine hervorragende Sache sein. „Wonder Woman – Erde Eins” fehlt dafür jedoch die inhaltliche Tiefe und emotionale Tragweite. Für einen Comic, der sich schon allein der Hauptfigur wegen intensiv mit Frauen- und Männerbildern auseinandersetzen muss, bleibt Morrisons Werk enttäuschend nah an Altbekanntem und Überkommenem. Er wagt kaum über Stereotype hinauszublicken und an der Oberfläche zu kratzen. Anstatt bei den Amazonen komplexe Persönlichkeiten zu entwickeln sind die Figuren völlig austauschbar und auf ihre sexuellen Reize reduziert. Die Lebensart der Amazone als eine auf lesbischer Liebe basierende Kultur darzustellen mag auf den ersten Blick mutig gewirkt haben, in der Umsetzung bleibt jedoch wenig mehr übrig als ein Sammelsurium erotischer Fantasien ohne emotionalen Kern und, leider, auch ohne überzeugende Handlung. So wird Dianas potenziell explosive Beziehung zu ihrer Mutter die müde neueste Version eines „beschützende Mutter, rebellierende Tochter“ Konflikts und die Liebesbeziehung zwischen Diana und Mala wird kaum gestreift – und das, obwohl Diana Mala aufs Schmerzhafteste hintergeht. Wichtiger ist es zu zeigen, dass die Amazonen sich alle gegenseitig unfassbar attraktiv, wohlduftend und hübsch finden und sie ekstatisch erotische Orgien feiern zu lassen. Auf moderne Frauendarstellungen und einen reifen Umgang mit unterschiedlichen Formen der Sexualität hofft man vergeblich.

Ein Rückschlag ins vergangene Jahrtausend

Dass die einzig übergewichtige Frau die im Comic vorkommt, Elizabeth Candy, als Running Gag von den Bewohnerinnen der Paradiesinsel wahlweise als „deformiert“, „aufgebläht“, „grotesk“ und „krank“ bezeichnet wird, ist dann der letzte Sargnagel. Zwar ist Elizabeth auch durchaus wehrhaft und selbstbewusst, hauptsächlich wird sie aber, wie so oft bei übergewichtigen Figuren, als plumpes, vorlautes Comic Relief eingesetzt – und noch dazu mit Aussprüchen wie „Heiliger Schokoladendonut!“ in die Ecke der ewig hungrigen Dicken verwiesen. Bei den Männern ist das Bild ebenfalls schnell festgelegt. Herkules = ganz, ganz böser Frauenverachter, Steve Trevor = lieber Frauenversteher. Sonderlich große Bemühungen um Zwischentöne wurden auch hier nicht angestrebt. An verschiedenen Stellen merkt man, dass Morrison verschiedene soziale Bewegungen unserer Zeit aufgreifen möchte um dem Comic Modernität zu verleihen. Durch die gezwungen wirkende Sexualisierung und einfache Reduzierung der Charaktere untergräbt er jedoch das eigene Unterfangen – wohl in der Hoffnung, konservativere oder auch einfach nur männliche Leser nicht zu vergraulen. Modernen Männern kann er jedoch getrost mehr zutrauen.

Visuell monumentaler Oberflächenrausch ohne Wirkungwonder-woman-erde-eins-1-cover

Yannick Paquettes Zeichnungen sind technisch auf höchstem Niveau. Er arbeitet detailliert, schafft monumental aussehende Bilder und fängt die Pracht der Paradiesinsel eindrucksvoll ein. Auch das Spiel von Licht und Schatten beherrscht er mühelos, ebenso sind die Übergänge zwischen den Panels voller kreativer Ideen. So ziehen sich die Schicksalsfäden der Moiren, den Weberinnen des Schicksals in der griechischen Sagentradition, immer wieder durch die Bildränder und betonen die mythischen Elemente der Geschichte. Trotzdem trägt auch er dazu bei, dass der Comic emotional wenig mitreißt und eher oberflächlich mit Reizen prahlen kann. Denn die Amazonen, so schön und individuell sie optisch auch gestaltet sind, verfügen über ein sehr limitiertes Minenspiel – in der Hauptsache dominiert ein leerer Schlafzimmerblick. Der geht mal ein bisschen in Richtung wütend, glücklich, oder enttäuscht, aber nie so weit, dass die emotional sterile Sexiness in Gefahr gebracht wird. Dass der Handlung selbst erzählerische wie gefühlvolle Tragweite fehlt wird somit noch verstärkt, denn zu den Figuren findet man kaum Zugang, auch nicht auf visueller Ebene.

Fazit

„Wonder Woman – Erde Eins“ kann das Versprechen einer modernen Neuinterpretation von Wonder Woman nicht einlösen. Morrisons Geschichte vermag kaum zu begeistern, denn er scheint selbst nicht so genau zu wissen, was er eigentlich sagen will. Er untergräbt kontinuierlich die eigenen Versuche, frischen Wind in alte Erzählmuster und Darstellungsweisen zu bringen und gibt sich mit müden Stereotypen zufrieden. Sex sells, aber nicht wenn es so viel mehr zu sagen gibt, ja bereits gesagt wurde. Für Leser, die betörendes Artwork schätzen und sich auf einen sinnlichen, aber oberflächlichen Comic einlassen möchten, wird sich ein Kauf lohnen. Wer Wonder Woman jedoch als die starke, warmherzige und vielschichtige Figur sehen möchte, die sie so ikonisch macht, sollte sich lieber ein weiteres Mal Gail Simones „The Circle“ und ähnliche Interpretationen zu Gemüte führen.

„Wonder Woman: Erde Eins“ erscheint bei Panini Comics im Softcover, 132 Seiten, 16,99€. Von Grant Morrison und Yanick Paquette
M. Lehn

Author: M. Lehn

Comics mochte ich eigentlich schon immer sehr gerne, zum klassischen Marvel/DC Superheldencomic habe ich aber relativ spät gefunden. Dafür ist meine Begeisterung jetzt umso größer! Meine große Leidenschaft waren allerdings immer Filme, mit der aktuellen Schwemme an Comicverfilmungen bin ich also mehr als glücklich!

Share This Post On

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*