Wonder Woman 1: Lügen

Alter Autor, neuer Zeichner = ganz neue Wonder Woman?

„Die kleine Diana möchte gerne abgeholt werden“

Prinzessin Diana alias Wonder Woman findet ihren Heimweg zur Paradiesinsel nicht mehr. Woran das genau liegt scheint sie (noch) nicht zu wissen, auch über die Details ihrer Vergangenheit und Herkunft scheint sie sich unsicher zu sein. Wenn die Welt um einen herum sich ohne Fixpunkt zu drehen scheint, kann es nur noch helfen alte Bekannte als festen Halt zu suchen. Das wäre einmal der ehemals auf ihrer Heimatinsel gestrandete und nun langjähriger Freund Steve Trevor, aber auch Erz-Rivalin Cheetah. Denn sowohl Trevor als auch die Gepardenlady hat es in einen afrikanischen Dschungel verschlagen, Ersteren um einen Menschenschlepper und Warlord das Handwerk zu legen, Letztere als Gemahlin eines Dschungelgottes, der auch wenig Gutes im Schilde zu führen scheint. All der Verwirrung zum Trotz aber weiß Diana noch was richtig und was falsch ist – und falsch wäre es ihren alten Bekannten ihre Hilfe zu verweigern.

Viele Fragen und wenig Antworten

Mit der ersten Storyline „Lügen“ macht sich der erfahrene „Wonder Woman“-Autor Greg Rucka gleich an vielen Baustellen zu schaffen. Das Handwerk findet hier allerdings mehr unter Ausschluss der Öffentlichkeit ergo Leserschaft hinter dem Vorhang statt. Rucka wirft viele Fragen und Ideen in den Raum ohne konkret werden zu wollen, dank Ruckas Erfahrung mit der Figur kann das Ganze auch fast immer mehr interessieren als frustrieren. Beispielsweise war die unklar definierte Origin-Story der Figur schon immer ein Hinkefuß für neue Serienstarts, da sich verschiedene Autoren hier gerne den völlig unterschiedlichsten Ideen zu Dianas Herkunft bedienten. Auch Greg Rucka steht diesem Problem sicherlich gegenüber, spart eine definitive Antwort darauf aber im Moment noch aus. „Wonder Woman: Lügen“ ist daher voll mit Ungewissheiten, über Dianas Herkunft, über das Schicksal der Paradiesinsel oder die parallel zur Handlung etablierten Antagonisten der Zukunft. Das könnte alles auch lediglich versaute Informationsverteilung sein, an der ein oder anderen Stelle fühlt es sich vielleicht sogar mal so an, im Großen und Ganzen gibt das dem ersten Band aber eher die Struktur eines zu lösenden Krimis-Plots in einer Detektivgeschichte. Das ist ganz sicher nicht, was einige Leser erwarten, wenn sie einen Comic mit schwertschwingender Amazone auf dem Cover in den Einkaufskorb packen. Selbst wenn es natürlich im tiefsten Dschungeldickicht zu einigen handfesten Auseinandersetzungen kommt aber auch diese brechen hier zumindest mit einigen Traditionen – was sich als ganz besonderer Flair-Gewinn herausstellt.

Sanfte Gewalt und traditionelle Erzählmythen

Denn Diana liefert sich durchaus eine gewaltsame Auseinandersetzung mit Cheetah und den Hyänen-Jüngern ihres göttlichen Gemahls. Das Zeichnerduo Liam Sharp und Matthew Clark halten die nächtlichen Panel dabei dunkel und das afrikanische Dickicht düster – ungewöhnlich für die sonst eher bunten „Wonder Woman“-Comics, aber nicht die schlechteste Wahl. Auch weil die Beiden in angebrachten Momenten immer passend auf die Ikonographie Dianas zurückzugreifen wissen, seien es ihre eigenen Accessoires wie Lasso und Armschienen und auch mal der Helm des Kriegsgottes. Aber bei der dunklen Farbpalette alleine hört die Umkehr des Bekannten noch nicht auf, denn erzählerisch wildert das Abenteuer fröhlich in bekannten Erzähltraditionen um diese ins Gegenteil zu verkehren. Die Jagd auf einen menschenverschlingenden Dschungel-Gott könnte auch eiskalt einer Doc Samson-Story entsprungen sein, inkl. Opfer mit entblößter Brust unter erhobenem Ritualdolch und Rettung in letzter Sekunde. Nur, dass die Rollen hier eben umgekehrt wurden, Diana die Handlanger verprügelnde Retterin ist und Steve Trevor im letzten Augenblick vor der Opferung zu retten hat. Rucka geht diese durchscheinende Thematik traditioneller Rollenmuster dabei auch frontal an, ohne predigen zu müssen, dazu kommt eine alteingesessen feministische Figur wie Wonder Woman auch zu gelegen. Denn wenn sie dem bösen Dschungelgott mit klar ausgesprochen maskuliner Konnotation weibliche Wärme und Willenskraft entgegen zu setzen hätte, wäre das bei wahrscheinlich jeder anderen Figur zu einer hohlen Moralfloskel verkommen. Es geht Rucka nicht darum das raue männliche als schlecht und bemutternd weibliche als überlegen darzustellen, sondern schlicht und konsequent zu erzählen wie Wonder Woman als Charakter ihre Konflikte auflöst. Da ist es dann in sich nur logisch, ganz im Sinne der Herkunftsgeschichte der Figur Wonder Woman und ein treffend schöner Moment, dass Diana ihre Widersacherin Cheetah auch nicht mit Fausthieben und Tritten besiegt – sondern deren Wutanfall mit einer beherzten Umarmung besiegt.

Fazit:

Rucka, Sharp und Clark machen es mit ihrer neuen Wonder Woman dem Leser vielleicht nicht leicht, scheinen aber eine interessante Vision im Gepäck zu haben, der man gerne bei der Entfaltung zuschauen möchte. Der erste Band gibt dabei noch wenig Antworten auf seine aufgeworfenen Fragen, stellt den Fuß dafür aber thematisch bereits voll in die Tür. Wo viele Autoren Schwierigkeiten haben die größte weibliche Superheldin als Charakter überhaupt erst zu greifen (wir denken hier zurück an Meredith Finch) scheint dies jedoch bereits in diesem Erstling gesetzt. Der geneigte Fan dürfte der endgültigen Entwicklung dann auch gerne noch ein bis zwei Bände einräumen. Die Abenteuer Wonder Womans haben schon immer so manchen Leser verschreckt oder nicht angesprochen, das dürfte hier nicht anders sein, gleichzeitig scheint uns hier aber auch wieder etwas erfrischend anderes ins Haus zu stehen. Und davon kann es, gerade im Mainstream-Comic, ja nie genug geben.

zur Leseprobe
„Wonder Woman Rebirth 1: Lügen“ erscheint bei Panini Comics im Softcover, 164 Seiten, 16,99€. Von Matthew Clark, Liam Sharp und Greg Rucka.
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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