Winter Soldier Megaband 2

Mit dem ersten Megaband gab Winter Soldier-Erfinder Ed Brubaker seine Abschiedsvorstellung von der Figur, der zweite Großband beinhaltet nun zwei separate Storys, einmal von dem neuen Cap-Autor Rick Remender sowie Jason Latours Abschluss-Kapitel der eigenständigen „Winter Solider“-Reihe.

Geister der Vergangenheit oder Geister im Weltraum. Oder beides?

Während Latours Geschichte, der zuletzt die Serie „Wolverine and the X-Men“ betreute, Bucky Barnes im Kampf gegen die Ex-Sowjet Agentin „Electric Ghost“ zeigt, greift Rick Remender mit seinem Kapitel „Der schwere Weg“ zurück in die Sowjet-Vergangenheit Barnes. Gehirnwäsche sei dank, verbrachte Bucky die wilden Siebziger bekanntermaßen als Auftragskiller für die russische Seite und stellt sich in Remenders ironischem James Bond-Verschnitt als ambivalenter Gegenspieler zur eigentlichen Hauptfigur, SHIELD-Agent Shen, heraus. Dieser soll ein Wissenschaftler-Pärchen, sowohl vor den russischen Soldaten als auch Hydra beschützen – denn alle wollen eine geheime Formel, welche die Forscher bei sich tragen. Und auch in Latours Storyline spielen Hydra, Sünden der Vergangenheit und alternde SHIELD-Haudegen eine große Rolle. Ach ja und in den Weltraum geht’s auch noch.

Sein Name ist Shen, Agent Shen.

Der Titel von Remenders „schwerem Weg“ könnte gut meine Beziehung zu dem neuen Cap-Autor beschreiben, schließlich hat der Mann mit seinem Einstieg ins Captain America-Universum Post-Brubaker meiner Meinung nach, alles falsch gemacht, was es falsch zu machen gab – und bis zum kommenden Band Zwei bleib ich skeptisch. Allerdings macht der Mann mit seinem Ausflug ins Jahr 1966 schon vieles besser und einiges richtig. Gerade Fans von James Bond und anderen Spionage-Thrillern werden hier mit einem Agenten-Abenteuer des kalten Krieges verwöhnt. Die Dynamik zwischen SHIELD-Agent Shen und Barnes funktioniert hier besonders gut; einerseits Shen als jemand, der nur versucht seine Soldatenpflichten zu erfüllen, andererseits Bucky der sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dazwischen wirft. Beide geben gute Protagonisten für die jeweilige Seite ab und halten die Auseinandersetzungen spannend, dazu schmeißt Remender noch einige Hydra-Schergen, die grinsend-böse ihrem Handwerk nachgehen und wie ein Oddjob oder Beißer ebenfalls schön „Bondig“ geraten. Dazu kommen abwechslungsreiche Schauplätze wie Schlägereien in Zug-Wagons oder Schießereien in verschneiten Bergdörfern. Hier machen Kolorist Chris Chuckry und Zeichner Roland Boschi endgültig den Unterschied zwischen simplen Thriller und nostalgischen Bond-Zitat aus – denn die kantigen Bilder vermitteln prima das Gefühl das Genre des Superhelden-Comics mal für ein paar Seiten hinter sich zu lassen – trotz Fury, Shield, Hydra und Co.
Winter Soldier 2 - Bild für Artikel
Nostalgie-Trip mit Altersschwächen

Alles Gut also an der Remender-Front? „Now I am a believer”? Nicht ganz, denn im Vergleich zu einem James Bond krankt Bucks und Shens Ausflug in die Siebziger an der Schwierigkeit die Nostalgie-Brille den ganzen Band über aufzubehalten. Als Zeugnisse ihrer Zeit sind natürlich auch sämtliche 007-Auftritte nicht von dieser Problematik befreit, meist machen diese aber hier durch besonderen Figuren-Charme und schelmisch gute Momente wieder vielen Boden gut. Das verpasst der Autor hier mehrmals, sowohl Shen als auch die beiden deutschen Wissenschaftler sind flach. Hier muss ich nochmals anmerken, dass diese Ansicht extrem subjektiv ist – als Hommage an den Agentenfilm, und mehr wollte Remender sicher nicht, funktioniert „der schwere Weg“ super, mir fällt es allerdings schwer, dass Ding uneingeschränkt zu genießen. Gerade so etwas wie die einseitige Schwarz-Weiß Zeichnung aus böser Russe und guter Amerikaner kann man einem Film von vor ein paar Jahrzehnten verzeihen, ich hätte mir aber hier, Homage hin oder her, eine etwas differenziertere Sicht der Dinge gewünscht. Dies hätte sicherlich verhindert, dass man immer wieder aus dem Lesevergnügen gerissen wird.

Interessante (und rein zufällige?) Parallelen?Winter Soldier 2 - Cover

Jason Latours Story-Arc „Electric Ghost“ spielt zwar in Barnes Gegenwart, erinnert aber dank ähnlicher Elemente frappierend an Remenders Ausflug ins 20. Jahrhundert. Denn auch hier geht es um Agenten, die auf sich allein gestellt sind und langsam drohen zu vergessen, für welche Seite sie überhaupt kämpfen. Während Bucky hier mit dem namensgebenden elektrischen Geist aneinander gerät, eine ehemalige Kinder-Soldatin, welche die Hölle auf Erden durchgemacht hat, dreht sich ein ebenfalls großer Teil der Handlung um SHIELD-Agent Joe Robards – der schon so lange undercover bei HYDRA agiert, dass er den Kampf (vielleicht?) schon aufgegeben hat. All das nimmt an so mancher Stelle überraschend psychedelische Züge an, was durch das sprunghaft bunte Colouring noch verschärft wird. Mit Sprüngen aus Rückblenden-Panels im sandig, grünen Dschungel vor in die Gegenwart einer verschneiten Eis-Hölle und von dort in den leeren Weltraum bekommt „Electric Ghost“ somit eine uneinheitliche, aber auch interessante Optik. Ähnlich wie die Präsentation springt auch die Handlung wild zwischen den verschiedenen Ebenen hin und her und damit Schwierigkeiten eine stetige Spannungskurve aufzubauen – was sie aber durch den ungewöhnlichen aber frischen Gesamteindruck mit Themen wie Identitätsverlust, Sünden der Vergangenheit und Vorherbestimmung in Teilen wieder gut machen kann.

Fazit:

„Der schwere Weg“ bietet mit seinen zwei Storys besonders eins: Abwechslung. Denn „Electric Ghost“ und „The Bitter March“ mögen sich Motive wie einsame Agenten, Sünden der Vergangenheit und James Bond-Handlanger teilen, da enden die Gemeinsamkeiten jedoch. Denn Autor Latour bietet uns ein buntes Epochen-Feuerwerk, dass nicht immer zu wissen scheint wo es hin will, während Remenders straighte Agenten-Hommage vollends auf Unterhaltung aus ist und, mir zumindest, fast schon zu klassisch geraten ist. Wer sich an diesen Punkten nicht stört kann bedenkenlos zugreifen und bekommt hier ordentlich Winter Soldier fürs Geld.

zur Leseprobe

„Winter Soldier – Megaband 2: Der schwere Weg“, erschienen bei Panini Comics im Softcover, 228 Seiten, 24,00€
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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2 Kommentare

  1. Ich habe ja nur die Latour-Story gelesen, finde aber da kann man mal das fantastische Artwork von Nic Klein hervorheben und den Guten auch ruhig mal beim Namen nennen.

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  2. Simon Traschinsky

    Heyo,

    ja, die guten Zeichner sind bei mir in den letzten Rezis etwas zu kurz gekommen – ne tolle Optik nimmt man ja gerne mal kommentarlos als selbstverständlich hin, während man als Rezensent bei kleinen Ungereimtheiten darauf achten muss diese nicht all zu platt zu treten.

    Danke für den Hinweis, auch von anderen Lesern per Facebook oder Twitter.
    Ich gelobe auf jeden Fall Besserung 😉

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