Winter 1709: Band 1

„Kreuzzug“ trifft „Down Under“ – zumindest auf Autorenseite, denn Nathalie Sergeef und Phillipe Xavier haben sich für „Winter 1709“ vor der Schreibmaschine zusammengekuschelt. Was bei diesen Temperaturen auch dringend notwendig ist, brrrr.

Der Mönch in Schwarz floh durch die Schneewüste

Winter 1709 - Bild für Beitrag 2Wir finden uns im titelgebenden Jahr, in Frankreich, in einem der schlimmsten Winter aller Zeiten und im spanischen Erbfolgekrieg wieder. Wobei von „Krieg“ kaum noch die Rede sein kann, denn bei klirrender Kälte ist jedes Scharmützel unmöglich und die streitenden Parteien haben sich zur Hibernation auf Burgen, Höfe und Abteien zurückgezogen – und machen von dort aus das eigene Land unsicher. Denn in dieser eisigen Hölle ist Nahrung knapp und die Verzweiflung groß, so groß, dass auch ein scheinbarer Mann Gottes nicht davor halt macht einen ahnungslosen Boten zu überfallen, ermorden und sich einen Happs aus dessen Unterschenkel zu genehmigen. Der finstere Geselle flieht selbstverständlich vom Tatort, unwissend, dass sich in der erbeuteten Umhängetasche wichtige Papiere befinden, von denen das Ende der Not vieler Franzosen abhängen könnte. Genau diese Papiere soll der Abenteurer Loys Rohan wieder beschaffen und sieht sich Banditen, Fanatikern und der gnadenlosen Kälte gegenüber.

Eisige Einsamkeit

Den bleibensten Eindruck hinterlässt bei „Winter 1709“ wohl die wahnsinnig gute Optik. Das Groß der Splitter-Titel kann ja mit einer 1A-Inszenierung punkten, Phillipe Xavier schafft hier aber nichts anderes als den Namen zum Programm zu machen, denn: Wo Winter drauf steht ist auch Winter drin. Von gefrorenen Bächen, über zugeschneite Statuen bis hin zu den leeren Schneeöden, Xavier und Farbgeber Jean-Jacques Chagnaud wissen ihre Geschichts-Stunde zur bitteren Winter-Mär zu machen. Als absolutes Highlight darf hier sicher eine Szene aus der zweiten Hälfte gesehen werden, wo Sturm und mörderische Kälte die Figuren unter einem Mantel von Eiskristallen verschwinden lassen. „Winterwelt“ konnte schon eine tolle Frost-Apokalypse aufs Papier bringen, „Winter 1709“ weiß hier aber nochmal zu übertrumpfen. Selbstverständlich unterfüttern diese tollen Bilder das Gefühl um Verzweiflung, Stillstand und Sinnlosigkeit des Kampfes, mit dem sich ein großer Teil der Figuren, besonders die leidende Landbevölkerung, herumschlagen müssen. Mit seinem gewählten Schauplatz erhalten natürlich auch einige Elemente des Mantel & Degen-Film Einzug in die Handlung und wer für diese Bilder zur Serie greifen möchte, wird nicht enttäuscht. Auch wenn er sich, dank Gefrierbrand, auf ein etwas langsameres Tempo gefasst machen muss. Ausschweifende Fechtduelle mit der Akrobatik eines Zorros sollte man nicht erwarten, der Schlagabtausch ist wie die Jahreszeit hart, dreckig und brutal. Und kurz. Wenn man Xavier einen Vorwurf machen könnte, dann, dass er beim Charakterdesign noch etwas feiner hätte agieren können. Dieses geht zwar völlig in Ordnung, gepaart mit einigen Schwachpunkten in der Geschichte, hätten hier aber große Probleme aus der Welt geschafft werden können.

Winter 1709 - Bild für Beitrag 1
„Wer ist Es?“ im Schneesturm

Denn „Winter 1709“ ist bei Figuren und Handlungen nicht nur überraschend fordernd sondern auch zähneknirschend Winter 1709 - Coverunübersichtlich. Schöne Überraschung, was im Klappentext erst wie eine simple Verfolgungsjagd klingt, wird schnell zu einer komplexen Geschichtsstunde. Hier versucht Splitters Redaktion auch mit Sternchen und Anmerkungen zu den verschiedenen Parteien und Ereignissen rund um Frankreich, den Adel und seine Rolle im Erbfolgekrieg, Abhilfe zu schaffen. Das ist auch löblich allerdings nicht ausreichend hilfreich, ein erweitertes Interesse von Leserseite oder eine Portion Vorwissen ist hier nötig, um wirklich etwas aus „Winter 1709“ Geschichte zu machen. Das alleine wäre lediglich fordernd, wirklich ungelenk wird die Handlung allerdings durch die so schwer auseinanderzuhaltenden Figuren – hier hätte Xavier eben durch einige markante Details beim Kostüm/Figurendesign Abhilfe schaffen können. So dagegen fiel es mir schwer selbst Protagonist Loys Rohan in den Panels wieder zu finden und zuzuordnen, zum Finale hin kann es da absolut chaotisch werden, sodass ich teils gar nicht mehr wusste, wer jetzt überhaupt wo vor Ort ist und wen gefangen nimmt. Da darf man sich besonders an der „roten Baroness“ erfreuen, da diese als eine der wenigen Damen sowieso auffällig aus dem Rahmen fällt und dann auch noch mit einem namensgebenden Äußeren in Erscheinung tritt. So bleibt ihre Nebenrolle paradoxerweise mehr in Erinnerung als die aller anderen Figuren.

Fazit:

Xavier und Sergeef bringen uns eine detaillierte Geschichtsstunde im täuschend echten Schneemannskostüm aufs Papier, die den Leser dank seiner atmosphärischen Bilder an den Strapazen und frostigen Verhältnissen der Figuren, gekonnt teilhaben lässt. Hier muss allerdings jeder selbst entscheiden, ob er die winterliche Welt genießen kann, obwohl unter dicken Wintermänteln auch mal die Übersicht was die Charaktere angeht, verloren gehen kann – solange bis man vielleicht gar nicht mehr richtig mitbekommt, wer da eigentlich in welche Richtung durch den Schnee stapft. Wem dank der tollen Zeichnungen der Winter im Jahre 1709 aber mehrere Besuche wert ist, sollte auch diesen verschneiten Pfad nach und nach freischaufeln können.

zur Leseprobe

„Winter 1709 – Band 1“ geschrieben und gezeichnet von Nathalie Sergeef und Phillipe Xavier, erscheint bei Splitter im Album-Hardcover, 56 Seiten, 14,80€

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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