Velvet 1: Before the living End

Das Dreamteam ist back, Baby! Ed Brubaker und Steve Epting haben sich erneut zusammengetan und präsentieren mit „Velvet“ einen Spionagethriller irgendwo zwischen „Gotham Central“ und „James Bond“. Doch kann die neue Agentin so begeistern, wie ihre großen Vorbilder?

Am Anfang, war der Captain

Zeichner Steve Epting und Autor Ed Brubaker machten vor zehn Jahren aus „Captain America“ einen der besten Comics und Runs aller Zeiten. Eine der großen Besonderheiten war, dass Steve Rogers hier vom simplen Patrioten zum vielschichtigen Spionage-Helden wurde. Statt ausschließlich Prügeleien mit Faust und Schild bekamen wir Doppel-Agenten, Verrat, jahrzehntealte Fehden und … doch noch einige Superheldenprügeleien. Bebildert von Steve Epting in Panels die ans Breitbandformat im Kino erinnerten, war ein Ausnahme-Comic geboren, der über Jahre nicht von den Spitzenplätzen der Verkaufscharts und Bestenlisten zu vertreiben war.

Ihr Name ist Templeton. Velvet Templeton.

Velvet 1 - Bild 1Worum geht’s also, nach all dieser Lobhuldigung, in Brubakers/Eptings neustem Werk? Im Kern immer noch ums Gleiche; auch Sekretärin Velvet Templeton, die dekadenlangen Ballast und Geheimnisse mitbringt, verfängt sich hier in einem Netz aus Intrigen, Verrat und Maulwürfen. Als Mitarbeiterin des Geheimdienstes Arc-7 ist sie Undercover-Einsätze und Geheimhaltung gewohnt. Als allerdings einer der besten Agenten im Feld bei einem Einsatz zu Tode kommt, steht schnell der Verdacht des Verrats im Raum. Und fällt, schneller als sie reagieren kann, auf Velvet Templeton. Nach ihrer Fluchst ist es also an ihr selbst, zwischen den Spürhunden des Arc-7 und alten Feindschaften, die wahren Täter ausfindig zu machen. Und dabei verschlägt es sie, genretypisch, in die ganze Welt, egal ob dunkler Hafenpier oder geschmackvolles Glitzerkasino.

Perfekt funktionierender Autopilot statt riskantem Kunstflug

Wie die Inhaltsbeschreibung liest sich auch „Velvet 1 – Before the living End“ selbst wie die absolute Essenz des Agenten-Thrillers. Wie ein Best-Of aller Genre-Versatzstücke, vom Verrat innerhalb der eigenen Agentur bis hin zum unschuldigen Agenten auf der Flucht, präsentiert Velvet Cover Dani booksuns „Velvet“ die große Mischung aus allem was das Spionage-Thema so interessant macht. Dabei scheint sich Brubaker in seinem Genre inzwischen so sicher zu bewegen, dass er problemlos Twists und Rückblenden jongliert und aus diesen bekannten Versatzstücken, eine erneut spannende Geschichte, mit interessanten Figuren herauszukitzeln weiß. Dem Einführungsauftrag eines ersten Bandes ist es daher sicher auch mitgeschuldet, dass die großen Innovationen noch aus bleiben, allerdings gibt die Geschichte bereits Aussicht darauf, dass hier Einiges zu erwarten ist. Denn das in „Velvet“ die Vergangenheit aller Beteiligten, mit ihren zig Undercover-Missionen, Bekannt- und Feindschaften, die inzwischen ebenfalls mehrmals die Seiten gewechselt haben, so eine große Rolle spielt, lässt auf ordentlich Frische in kommenden Abenteuern hoffen. Und Zeichner Steve Epting? Epting scheint weiterhin wie berufen, um Brubakers Geschichten passend in Szene zu setzen. Des Weiteren sei hier Elizabeth Breitweisers Farbgestaltung ebenfalls hervorgehoben. Breitweiser, als ebenso bekannte Konstante des Teams Brubaker/Epting, trifft sämtliche Lichtstimmungen perfekt. Ob Noir-Flashback, nächtliche Verfolgungsjagd oder wilde Schießerei, hier gibt es wohl kaum etwas auszusetzen. Einziges Manko scheint auch hier zu sein, dass dem ersten Band der große WoW-Moment fehlt, hier darf in kommenden Ausgaben gerne mit ein paar ordentlichen Moneyshots nachgebessert werden. Aber auch das fühlt sich weniger wie ein ärgerlicher Einwurf und mehr wie ein Rechtschreibfehler in einer sonst tadellosen Bewerbung an.

Fazit:

Brubaker-Fans werden wohl sowieso längst zugeschlagen haben, aber auch alle anderen die „Fatale“ oder „Captain America: Winter Soldier“ etwas abgewinnen konnten, sollten hier zugreifen. Sogar noch über diese Schnittmenge hinaus, sollte jeder auch nur entfernte „James Bond“, „Jason Bourne“ oder Spy-Novel Fan, seine Freude an „Velvet“ haben. Denn wenn auch die ganz großen Innovationen ausbleiben und selbst für Epting sicher noch Luft nach oben ist, bekommt der Leser hier ein Best-Of des Genres, dass niemanden wirklich enttäuschen dürfte und gespanntes Umblättern garantieren sollte. Mit dem ersten Band  hat „Velvet“ die Walther PPK mit geübten Handgriffen durchgeladen, jetzt wird es spannend auf welchen Feind sie sich zukünftig richten wird.

(Rezensiert wurde der US-Originalband)

zur Leseprobe

„Velvet 1 – Before the living End“ von Ed Brubaker und Steve Epting. Auf Deutsch erschienen bei Dani Books, im Soft- und Hardcover. Softcover 128 Seiten, 16,99€ oder als E-Book für 8,99€
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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