Undertaker 3: Der Kannibale von Sutter Camp

Xavier Dorison, in jedem Genre zu Hause, wütet nach einer kurzen Verschnaufpause nun wieder im Wilden Westen. Und diesmal wird es noch eine Spur düsterer.

Nach dem Abschluss der Storyline aus den letzten zwei Bänden, stehen Jonas Crow und die ihn begleitenden Damen den Problemen der selbstständigen Geschäftswelt gegenüber. Dabei würde man doch meinen, gestorben wird immer und trotzdem fällt es den Dreien schwer lukrative Aufträge an Land zu ziehen – was durchaus an den wenig gesellschaftsfähigen Soft-Skills des Totengräbers liegen könnte. Als sich jedoch allzu bald doch eine Bestattung im guten Hause anschickt, währt die Freude über den Auftrag nur kurz. Der Patriarch des Hauses, ein altgedienter und abgekämpfter Colonel, kennt Jonas aus lange vergangenen Tagen und fordert eine Schuld ein; „Der Kannibale von Sutter Camp“, ein Monster aus vergangenen Kriegstagen, treibt weiter sein Unwesen und liegt nicht wie Crow glaubt schon lange unter der Erde. Crow setzt in der Folge alles daran, seinen Fehler wiedergutzumachen, seine Begleiter Miss Prairie und die Chinesin Lin, lassen sich aller Bitten zum Trotz nicht abschütteln. Und nur allzu bald finden sich alle Beteiligten einem Grauen gegenüber, dass sie wohl heillos unterschätzt haben dürften.


Clint Eastwood vs. Hannibal Lecter

Neuer Band, neue Geschichte; das knallige Finale des „Goldfresser“ hinter sich lassend gehen Dorison und Meyer neue Wege und schrauben das Spektakel erst einmal eine ganze Stufe zurück. Schießereien fallen fast komplett aus, stattdessen stehen listige Pläne und eine raffinierte Fährtensuche im Vordergrund. Das bietet Gelegenheit um die Dynamiken der immer noch frischen Gruppe weiter zu etablieren ist aber auch nur Vorspiel für das Zusammentreffen mit dem gesuchten Monstrum in Menschengestalt. Und hier kann das Zeichner/Autoren-Duo alle Register ziehen. Der charismatische Dr. Quint erinnert nicht von ungefähr an das faszinierende Monster Hannibal Lecter, auch Quint ist so erschreckend sympathisch wie verstörend. Dabei steht er schnell als Gefangener im Mittelpunkt der Gruppe und hier wird es besonders interessant, wenn die Geschichte sich fortan fast ausschließlich darum dreht, wie er die noch wenig gefestigte Partnerschaft zwischen den Dreien auszuhebeln und zu manipulieren weiß. Dabei umschifft Dorison gekonnt alle Untiefen, die so eine Geschichte mit sich bringt – die Story muss sich also nicht auf uncharakteristische Handlungen ihrer Figuren oder dumme Zufälle verlassen, um Quint zu einer Bedrohung zu machen. Zusätzlich sorgt dies dafür, dass auch Protagonist Crow in weiteren Facetten beleuchtet werden kann, denn im besten Sinne des Autorengelübdes „Dein Held ist nur so gut wie dein Schurke“ zwingt der intrigierende Quint der Hauptfigur immer wieder interessante Entscheidungen ab. Und so ganz nebenbei legt Dorison auch der gewieften Lin so einige Momente der Raffinesse in die Hand, was die Figur weiter vom simplen Stereotypen weg und hin zu einer tatsächlich ausgeklügelten Mitspielerin bewegt.

Eine Hatz im Feuerschein

Wo also alles mit dem Auftreten und der Inszenierung von Antagonisten Quint zu stehen und zu fallen scheint ist es eine gute Nachricht, dass auch Zeichner Ralph Meyer zusammen mit Koloristin Caroline Delabie, hier den richtigen Riecher beweist. Quint ist mit seinen warmherzigen Gesichtsausdrücken, die wie eine dünne Maske gerade so das brodelnde Unheil zu verdecken scheinen, in stummen Panels sogar noch eine Stufe gruseliger als in seinen wortgewandten Dialogen. Dazu kommt, dass die Beiden Nachtszenen und Lichtspiele im Feuerschein problemlos beherrschen, kühles Blau wechselt sich ab mit den orange-tönen eines Lagerfeuers und all das unterstützt die Atmosphäre des brodelnden Konflikts der kurz vor der Explosion steht.
Fazit:

Das nun schon dritte Abenteuer des Westernhelden Jonas Crow macht die Reihe endgültig zu einer klaren Empfehlung; Wo der erste Band noch mit Klischees des knurrigen Anti-Helden kämpfen musste, die das Finale des Abenteuers im Folgeband schon auszumerzen wusste, geht der dritte Band nun endgültig in die Richtung eines gelungenen Must-Read. Gut etablierte Figuren, deren Konflikte vor allem durchs Miteinander entstehen, statt simpel von außen herangetragen werden zu müssen, gepaart mit einer sauberen, atmosphärischen Präsentation sollten eigentlich keine Wünsche offenlassen. Selbst die Fans der eher schießwütigeren Western sollten dieses ruhige Intermezzo hier locker verzeihen können; es scheint so sicher wie das Amen in der Kirche, dass es auch wieder (vielleicht schon im kommenden Band 4) ordentlich krachen wird. Und bis dahin mit diesem gelungenen Katz-und-Maus-Spiel mit einem der besten Comics des Genres Vorlieb nehmen zu müssen, kann ja nichts Schlechtes sein.

zur Leseprobe
„Undertaker 3: Der Kannibale von Sutter Camp“, von Xavier Dorison, Ralph Meyer und Caroline Delabie erscheint bei Splitter im Hardcover, 64 Seiten, 15,80€.

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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