Undertaker 1: Der Goldfresser

Revolverschwingende Westernhelden gibt es dank John Ford und Sergio Leone wie Sand am ausgetrockneten Wasserloch – Jonas Crow Fähigkeiten umfassen allerdings eher das Zimmern von Holzsärgen und Aufbereiten von Leichen. Naja, aber so ganz ohne Geballer kommt er natürlich auch nicht aus.

Für eine Handvoll Nuggets

Jonas Crow, seines Zeichens „Undertaker“ also Leichenbestatter, reist immer dahin wo es Arbeit gibt – in diesem Tätigkeitsfeld ist Bleivergiftung ein alter Bekannter. Umso überraschter ist der Mann in Schwarz daher als sich sein neuster Kunde, der Minenbesitzer Cusco, als (noch) recht lebendig erweist – ihm aber eine große Stange Geld dafür bietet seinen Leichnam zu überführen. Ein nicht toter Leichnam wäre als Paradoxon sicherlich schon schwer genug zu lösen, allerdings machen es ihm die restlichen Bewohner von Anoki-City nicht einfacher. Denn die Städter und Minenarbeiter haben ihre Gründe dafür Cusco nicht gehen zu lassen, ob tot oder lebendig und lassen sich auch von Crows Willen „nur seinen Job zu machen“ sicher nicht davon abhalten – was früher oder später ja dazu führen muss, dass mehr Särge nötig sein werden als alle Beteiligten eigentlich geplant hatten …

Ein pünktlicher Spätwestern?

Undertaker 1 - Beitrag Xavier Dorison wagt sich nach den Meeresuntiefen in „Heiligtum“ nun erstmals an das Genre des Wilden Westens und zeigt schon auf den ersten Seiten, dass Sergio Leone und der pessimistische Spaghetti-Western statt John Waynes raue Heldengeschichten, Vorbild für Jonas Crows Abenteuer sein sollen. Der Leichenbestatter vergleicht sich selbst in den ersten Panels mit einem Haufen Geier – niemand mag sie, aber einer muss sich um die Toten kümmern. Diese Haltung legt Crow und die ganze Geschichte auch nicht mehr ab, schafft es aber allzu pessimistische Töne angenehm zu umschiffen. Nichts gegen dekonstruktive Spät-Western, die mit beschönigten Mythen des alten Amerikas aufräumen, aber „Undertaker“ möchte seiner Grundstimmung zum Trotz unterhalten und nicht belehren. Deshalb sind auch große Schauplätze und Schießereien statt philosophischer Untertöne angesagt und Dorisons Geschichte trumpft mit schönen Showdowns plus passender Locations auf und bedient sich dabei aller bekannter Motive des Westerns – egal ob klapprige Hängebrücke in den staubigen Bergen oder ein vom bewaffneten Mob umstelltes Farmhaus.

Der Leser weiß was er bekommt und das schön verpackt

Dabei kann Dorison nicht nur auf seine gelungene Mischung aus Dialogen und Monologen zählen, die gekonnt Stereotypen umschiffen oder zumindest mit ihnen spielen – auch auf zeichnerischer Seite hat er mit Landsmann Ralph Meyer einen passenden Illustrator zur Seite. Zusammen erzählen die Beiden ihren Western sowohl in Bild und Schrift gerade und direkt, ohne Umschweife. Meyer liefert dabei mühelos stimmige Undertaker 1- coverWestern-Atmosphäre, die Kür besteht in einer Schießerei bei Nacht und Regen, die er problemlos meistert und durch eine stimmige Farbgebung aus dem guten Gesamteindruck des Bandes noch einmal hervor hebt. In Innenräumen bedient er sich an mancher Stelle an simplen, orangefarbenen Hintergründen ohne Details, was er aber an gleicher Stelle unter anderem mit einigen Schattenspielereien, wieder auszugleichen weiß. Ist „Undertaker 1: Der Goldfresser“ also ein ausnahmslos empfehlenswertes Stück Comic-Kunst? Sicher nicht, denn seiner Erzählökonomie schuldet Autor Dorison ein gehöriges Maß an Spannung. Dadurch, dass er sich der vielen, fast schon mythischen Western-Elemente bedient, ist seine Geschichte jederzeit stimmig, aber mitunter geizig an wirklichen Überraschungen. Jonas Crow als der wortkarge Einzelgänger, mit der dunklen Vergangenheit ist so ein krasser Proto-Held, dass wir ihm gerne zuschauen, aber weder über seine Fähigkeiten noch über seine Vergangenheit jemals wirklich überrascht sind. Und gleichzeitig verschießt Dorison das was er an frischem Pulver hat, schon recht früh im Band. Wo ich in der Inhaltsangabe, dass „Mysterium“ um den seltsamen Kunden Cusco extra möglichst offen gelassen habe, wird dieses innerhalb der Geschichte recht früh aufgelöst. Soll nicht heißen, dass es ab hier langweilig würde, allerdings ist gerade der wie bereits erwähnt toll inszenierte, klassische Showdown bei Nacht genau das: Ein Finale, typisch für einen Western, mit bekannten Höhen und Tiefen, bis hin zum zu erwartenden Cliffhanger.

Fazit:

Die beiden Franzosen Xavier Dorison und Ralph Meyer liefern uns mit „Undertaker 1: Der Goldfresser“ einen Spaghetti-Western, wie man ihm auch im Film bewundern könnte, voller harter Hunde, Schießereien und Pferdekutschen. Durch die zwar zynisch geprägte aber immer unterhaltsame Erzählweise und die tollen Zeichnungen macht der Band seine Sache sehr gut, fast schon zu gut, denn auf der anderen Seite lässt er durch das Feiern alter Western-Mythen wirkliche Überraschungen oder außergewöhnliche Charaktere vermissen. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn wie „Eine Handvoll Dollar“ oder „Spiel mir das Lied vom Tod“ wird ein fantastischer Western nicht dadurch schlechter, dass man die Elemente schon in- und auswendig kennt. „Undertaker“ ist für jeden schwelgenden Western-Enthusiasten sowieso, aber sicher auch ein super Geschichtchen für jeden der mit Wüste und Rio Bravo sonst nichts am Hut hat und einfach mal „ein“ Abenteuer im Wilden Westen lesen will. Wer Spiel und Variation mit den bekannten Formen haben möchte, greift zum grandiosen „Der Mann, der keine Feuerwaffen mochte“, ebenfalls aus dem Hause Splitter.

zur Leseprobe

„Undertaker 1: Der Goldfresser“ ist erschienen bei Splitter im Hardcover, 56 Seiten, 14,80€, geschrieben von Xavier Dorison, gezeichnet von Ralph Meyer
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

Share This Post On

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*