Uncanny Avengers 1: Wiedergeburt

Die Avengers als bunte Eingreiftruppe – unheimlich, oder? Um mit gutem Beispiel voran zu gehen scharrt Ex-Schildwerfer Steve Rogers Mutanten, Menschen und sogar Inhumans um sich – ein Team als strahlende Fackel für großartige Zusammenarbeit. Und dann schmeißt man noch Deadpool in den Mix …

Ein Secret Wars später

Der Band-Untertitel „Wiedergeburt“ ist Programm, denn die Uncanny Avengers präsentieren sich nicht nur mit neuer Seriennummer und Team-Aufbau, sondern sind Teil eines größeren Ganzen: Eine Neugestaltung des Marvel-Universums. Natürlich, Neugestaltungen finden sich bei den großen Zwei inzwischen so häufig wie coole Sprüche in der Deadpool-Sprechblase, nichtsdestotrotz muss man diesen Zustand erst einmal als das anerkennen, denn obwohl, wie bei jedem „Neustart“, vieles gleich bleibt, hat sich doch auch einiges geändert. Das wird uns zumindest erzählt, es scheint einen Konflikt bei der Co-Existenz zwischen Menschen, Mutanten und nun sogar den Inhumans zu geben, genau dagegen will der gealterte Rogers und aktuell Nicht-Captain America mit seiner Heldenversammlung gegensteuern. So wirklich viel von diesem Zwist erfahren wir allerdings noch nicht, stattdessen geht’s für Rogue, Quicksilver, Dr. Voodoo und sogar Spider-Man erstmal gegen den sporensprießenden „Shredded-Man“, der die Welt zu überwuchern droht. Davon sehen wir aber gar nicht all zu viel, denn das gute letzte Drittel des Bandes wird von einem verwandten, aber völlig anderen Abenteuer abgebildet. Denn ab hier nimmt Autor James Robinson für sein kurzesUncanny Avengers 1 - Bild für Beitrag „Uncanny Avengers Annual“-Stelldichein den Leser kurzerhand mit auf eine Reise zurück in den zweiten Weltkrieg – um uns einen funkensprühenden Feldzug von patriotischen Mystikern gegen Nazi-Hexen erleben zu lassen. Okay!

Wer es mollig mag, wird Hüftfleisch in der Mitte vermissen

Erst einmal abgesehen von der Qualität der Beiden, doch voneinander ziemlich unabhängigen, Erzählungen: „Uncanny Avengers 1“ hat durch sein Veröffentlichungsformat ein kleines, aber spürbares Problem. Für die vier enthaltenen US-Hefte (100 Seiten) verlangt Panini mit 12,99€ den für Bände dieser Art üblichen Preis, allerdings kommt hier kaum das Gefühl eines wirklichen Serien-Bandes sondern mehr einer Kollektion auf. Gerry Duggans knapper „Avengers 0“, als Einführung für die Hauptserie gedacht und hier mit abgedruckt, ist schnell durchgeblättert, dann hat Duggan zwei hastige Ausgaben Zeit, um sein Team und die erste Bedrohung zu etablieren, bevor wir die Geschichte komplett unterbrechen um Robinsons Sorcerer-Nazi-Tale zu folgen. Hier kommt absolut kein Gefühl auf einen wirklichen Band 1 in den Händen zu halten, vielleicht hätte das Warten auf 1-2 weitere US-Ausgaben und ein damit „dickeres“ Buch mehr Sinn für Panini Comics gemacht. Denn erstens hat der Band damit ein starkes Gewichtungsproblem, mit einem sich dünn anfühlenden Mittelteil, der von einer zwar gelungen, aber thematisch fast völlig fremden Geschichte, Robinsons zumindest noch zusammen gehalten wird. Und Zweitens macht „Wiedergeburt“ es damit verdammt schwer, sich ein Gesamtbild von den „Uncanny Avengers“ anhand dieses ersten Bandes zu verschaffen. Und das gilt nicht nur für den hier tippenden Rezensenten sondern wohl auch die breite Lesermasse. Eine Nummer 1 sollte das Setting vermitteln, die Teilnehmer und die Richtung wohin Autor und Zeichner ihr Publikum führen wollen – all dies gelingt mit den nur zwei enthaltenen Heften der tatsächlichen Serie fast gar nicht.

Fast die Summe seiner Teile

Immerhin schließt der Band, wie oben angerissen mit dem von Comic-Veteran James Robinson getippten Annual. Dieses verhindert mühelos, dass die restlichen Uncanny Avengers hinten aus dem Band purzeln. Mit seiner Pulp-Mischung aus Voodoo-Zombies, Nazi-Magiern und einer Eingreiftruppe rund um Zauberkünstler in Tradition eines Dr. Fates, ist das Zusatzabenteuer zwar auch schnell vorbei aber mindestens genauso unterhaltsam. Dazu kommt tolle Sepia-Stimmung von „Anno dazumal“ auf, dank der Koloristen Gandini/Boyd, die super zu dem magieumhauchten Setting passt. Andererseits ist es fast schon frech, wie Robinson spätestens auf der letzten Seite enthüllt, dass er hier kräftig die Werbetrommel für eine seiner eigenen Serien aus dem Marvel-Universum rührt, aber ehrlich:Uncanny Avengerrs 1 - Cover Wenns funktioniert, warum nicht? Mich hat dieser Ausflug zumindest neugierig genug gemacht, dass ich auch Robinsons weiteres, aktuelles Schaffen für Marvel genau deshalb im Auge behalten werde. Mission accomplished. Das kann man von den tatsächlichen Uncanny Avengers nicht wirklich sagen.

Urteil aufgeschoben

Hier ist und bleibt das Hauptproblem einfach, dass man zu wenig Zeit mit Figuren und Handlung verbringt. Natürlich sollte, theoretisch, EINE Ausgabe reichen, um sich ein ausreichendes Bild einer neuen Serie zu verschaffen, aber das habe ich mir früher schon nie zugetraut und damit fange ich auch jetzt nicht an, denn viel Gutes wäre mir damit durch die Lappen gegangen. Die Teile sind da, sogar schon offen an der Oberfläche, denn natürlich ist eine bunte Truppe grundsätzlich ein guter Ausgangspunkt für dynamische Abenteuer, wenn man aber einen Spaßmacher wie Deadpool und einen Sprücheklopfer wie Spidey mit reinschmeißt, dürfte das sofort doppelt gelten. Und Duggan liefert auch, in kleinen Portionen, nie aber ohne sicher die weitere Richtung vorzugeben sondern stattdessen eher Verwirrung zu stiften. Wenn Deadpool mit einem gewagten Kniff den ersten Widersacher des Teams ausschaltet, ist das absolut willkommen, Spideys Reaktion darauf jedoch nicht nachvollziehbar, übereilt und schreit förmlich danach, dass solche Sticheleien an einer späteren Stelle wohl besser gepasst hätten. Ich gebe dem Ganzen also noch Band Numero Zwei, bevor ich mich für einen Daumen Hoch oder Runter entscheide, wer aber partout nicht warten möchte, kann zugreifen und sich selbst ein Bild verschaffen und hat mit Robinsons Magiermärchen dann wenigstens schon mal garantierte Unterhaltung. Ein kleines Kuriosum noch am Schluss: In einem Marvel-Comic die Worte „Das ist dein Kryptonit!“ zu lesen, dürfte wohl selbst für den gestandenen Comic-Leser nicht alle Tage vorkommen.

zur Leseprobe

„Uncanny Avengers 1 – Wiedergeburt“, Autoren Gerry Duggan, James Robinson. Zeichner Ryan Stegman, Marc Laming. Erscheint bei Panini Comics im Softcover, 100 Seiten, 12,99€

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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