Ulysses 1781: Der Zyklop 1

Zuletzt Eiserner Vorhang und Western, jetzt amerikanischer Unabhängigkeitskrieg – Autor Xavier Dorison hüpft fröhlich weiter von Genre zu Genre, bleibt nur die Frage: Empfiehlt sich der Franzose damit als gekonnter Allrounder oder sollte der Schuster auch lieber mal bei seinen Leisten bleiben?

An American Tale?

Im Oktober 1781 haben die amerikanischen Unabhängigkeitskämpfer den englischen Rotröcken den entscheidenden Schlag versetzt. „Der Held von Yorktown“, Ulysses McHendricks, ein knurriger Veteran, feiert statt mit Trunk und Gesang allerdings mit Boxkämpfen und Glücksspiel bis kurze Zeit später sein Sohn auf der Matte steht. Den gespannten Verhältnissen zwischen den Beiden zum Trotz schafft es sein Sohn ihn zu überzeugen in ihr verschlafenes Heimatkaff New Itakee zurückzukehren. Denn ihre beschauliche Heimat wurde von englischen Freischälern besetzt, die dabei sind ein Terrorregime zu errichten. Ulysses schart eine Mannschaft aus getreuen Gefolgsleuten um sich, denn nur diese sind wohl mit seinem wahnsinnigen Plan einverstanden: Sein Kriegsschiff, die Acheron, per Pferd zum nächsten Flusslauf zu ziehen, um die Strecke beträchtlich abzukürzen. Dabei macht er auch vor einem verfluchten Tal nicht halt, trotz Indianer-Angriffen und mysteriösen Vorkommnissen. Und auch nicht trotz aller Warnungen, dass in dem Tal ein indianischer Rachegeist, ein Manitu, sein Unwesen treiben soll.

Hansdampf in allen Gassen

Fantastisches Equivalent zum englischen „Jack of all Trades“ von dem ich bis vor einer Google-Suche auch noch nie gehört hatte! Was ichUlysses - Cover  damit sagen möchte: Nachdem Dorisons „Red Skin“ zuletzt bei Marcus fleißig Punkte sammeln konnte und ich von dem Western-Zitat „Undertaker“ recht angetan war, ist auch „Ulysses“ trotz (oder vielleicht gerade wegen) einem erneuten Genre-Wechsel ein sehr guter Comic geworden. Dabei erfindet „Ulysses“ das Rad nicht neu, sondern experimentiert lieber fröhlich mit Versatzstücken, pickt sich frei heraus was gefällt und bastelt daraus einen angenehm homogenen Mix. Dieser hält Leser zusätzlich immer auf Trab, da durch die auftretenden Wechsel man sich nie zu sicher sein kann, ob die Geschichte sich auch wirklich lange auf dem aktuellen Genre-Terrain bewegen wird. Zum Einstieg bekommen wir bereits ein indianisches Totenritual irgendwo zwischen Voodoo und Monstermovie, nur um eine Seite später in die Nachwehen des amerikanischen Bürgerkrieges geschmissen zu werden. Hier treffen abgehärtete Veteranen auf einen Krieg der schon gewonnen aber noch beendet werden muss, denn nicht jeder englische General hat bereits kapituliert. Und obwohl damit Ulysses Zug gen Heimat samt Kameraden schon genug wäre, streut Dorison noch Odysee-Motive, „Horrorschocker“ aus dem Hause Weissblech und mit einem Kriegsschiff auf Rädern eine Prise Wahnsinn ala Werner Herzogs „Fitzcaraldo“ ein. Dabei ist aber groß hervorzuheben: „Ulysses 1781“ ist nie abgedrehter Genre-Mix, der er auch nicht sein will, sondern nimmt Plot und Figuren jederzeit ernst, was problemlos funktioniert. Lediglich die rasche Einführung der Hauptakteure erweckt das seltsame Gefühl, dass man einen Vorgängerband verpasst haben könnte. Man findet sich zu Recht, es bleibt jedoch durch die vielen Anspielungen und Kommentare auf Vergangenes das Gefühl als ob man den ersten Band irgendwie verpasst haben könnte.

Zwischen Grün und Blau

Mit einer ordentlichen Portion an Grün- und Blautönen sticht in „Ulysses“ Sébastien Lamirands Farbgebung ins Auge. Diesem tollen Farbeinsatz ist es sicher zu verdanken, dass ein simpler Indianerüberfall im Regen mit zum atmosphärischsten Moment im Band wird und Gott sei dank nicht nur als frühes Highlight zur Mitte der Geschichte verdampft. Auch in späteren Momenten kann die sumpfige Optik problemlos überzeugen und ist sicher mit dafür verantwortlich, dass die Geschichte ordentlich involvieren kann, obwohl Zeichner Éric Hérenguel bei der Mimik vieler Figuren auf Details verzichtet. Wie sooft bei französischen Publikationen aus dem Splitter-Verlag lässt sich an Optik und Aufmachung wenig ankreiden und „Ulysses 1781“ reiht sich in diese Riege widerspruchlos ein.

Fazit:

Mit den Veröffentlichungen Xavier Dorisons hat sich Splitter einen Qualitätsgaranten ins Programm geholt, der Vorfreude auf weitere Bände schürt. Nicht nur auf den nächsten „Ulysses“, schließlich steht uns der zweite Band erst noch ins Haus, sondern auch weiteren Titeln des Genre-Hüpfers. Denn wie schon in seinen anderen Comics macht Dorison zu viel richtig und zu wenig falsch um nicht einer breiten Masse an Lesern gefallen zu dürfen, noch zusätzlich unterstützt von einer schön düsteren Farbpalette und über durchschnittlich guten Zeichnungen. Wem Tagline und Genre zusagen, sollte zugreifen!

zur Leseprobe

„Ulysses 1781 Band 1: Der Zyklop“, geschrieben von Xavier Dorison, gezeichnet von Eric Hérenguel erscheint bei Splitter im Hardcover. 64 Seiten, 14,80€

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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