Ulysses 1781: Der Zyklop 2

Zum Ende vom letzten Band ging es erst richtig los – dort stand Kriegsheld und Abenteurer Ulysses einer monströsen Kreatur gegenüber, die seine Expedition nicht nur im düsteren Wishita-Tal gefangen hält, sondern auch seinen Sohn entführt hat. Und jetzt folg die Abrechnung.

Predator trifft Revenant trifft Bear Grylls

Der Einstiegsband war bereits ein bunter Genre-Mix, der in Teilen an „Manifest Destiny“ erinnerte, sich in anderen Momenten dann aber wieder eher im historischen Comic à la „Winter 1709“ bewegte. Zwischendrin gab es mit Indianerüberfällen und Boxkämpfen aber ordentlich was zu sehen und „Ulysses“ machte damit früh klar immer Abenteuer-Comic und nicht historische Studie sein zu wollen. Band zwei verschiebt nun erneut die Motive, in diesem finalen Austausch tritt (fast) alles außer Mensch gegen Wendigo in den Hintergrund, von Ulysses Mitstreitern sehen wir nicht viel, ebenso wenig wie von dem Kampf seiner Frau an der Heimatfront. Im Mittelpunkt steht dagegen der beinharte Kampf in den sumpfigen Weiten des Wishita-Tals. Dabei fühlt man sich sofort an die finalen Minuten von McTiermans Schwarzenegger-Vehikel „Predator“ erinnert, Mann gegen Monster, im Kampf ums nackte Überleben. Survival ist wohl trend, wer das Ganze dann noch verbunden mit schönen Bildern im Stile von „Revenant“ aus dem Jahre 2016 genießen möchte, sollte sich „Ulysses“ ganz oben auf die Liste schreiben. Denn wieder wird ein Gros der Stimmung über die gelungenen Zeichnungen von Éric Hérenguel und den noch besseren Farben Lamirands verkauft.

Kann er auch Odysseus?

Autor Xavier Dorison und seinen Co-Kreativen gelingt mit „Ulysses 2“ also endgültig ein im wahrsten Sinne einzigartiger, wenn auch irgendwie ungelenker, Gesamteindruck. Denn einerseits scheinen Zeichnungen und Geschichte eben genau zu wissen was sie sein wollen, ein Survival-Abenteuer im sumpfig-düsteren Blaugrün. Andererseits macht es einem der Comic auch im zweiten Band immer noch schwer den Finger auf den tatsächlichen Kern der Geschichte zu legen. Das beginnt mit der Hauptfigur Ulysses McHendricks, der ein tougher Anführer, aber ein wenig sympathischer Protagonist ist und endet mit den weiteren Unklarheiten, was die anderen Mitglieder des Casts angeht. Wichtig, all das ist per se nichts schlechtes, vielleicht, höchstwahrscheinlich sogar, zielt Dorison damit auch lediglich auf einen möglichst gelungenen Transfer des Odysseus-Mythos auf seine eigene Geschichte ab. Denn mit den Engländern die sich Freier-Gleich auf dem heimischen Hof breit machen, sind weitere Verweise klar. Allerdings schwebt man als Leser auch nach diesem zweiten Band vorerst noch zu sehr in der Luft, ob dieses Kunststück den Kreativen tatsächlich gelingen wird, es bleibt also abzuwarten. Solange dies aber in einem gut inszenierten, mit Action angereichertem Experiment wie diesem hier geschieht, gibt es keinen Grund lediglich auf das Endergebnis zu warten. Diese Reise mitzumachen lohnt sich noch absolut – bis jetzt.

zur Leseprobe
„Ulysses 1781: Der Zyklop 2“ erscheint im Splitter Verlag als Hardcover, 56 Seiten, 14,80. Von Xavier Dorison und Eric Herenguel.
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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