Über 1: Das letzte Aufgebot

So richtig kann ich immer noch nicht sagen, was ich mir eigentlich von „Über“ versprochen hatte: das martialische Cover, mit einem Bergueber-1-bild-fuer-beitrag-1 aus Totenschädeln russischer Soldaten und mitten drin eine blonde Maid in SS-Uniform wie sie wohl nur dem feuchten Traum Goebbels entsprungen sein könnte, hätte mich eigentlich abschrecken müssen. Weniger wegen dem Martialischen des Themas an sich, sondern weil das doch alles nach ordentlich Motivik des (Nazi)-Explotaition-Kino aussieht – für jemanden wie mich, der bspw. Tarantino generell und „Inglourious Basterds“ im Besondern nur als „joah, ganz gut“ empfindet, also das eher falsche Kreuzfahrtschiff. Weder Zeichner White noch Kieron Gillen hatten mir bisher sonderlich viel gesagt. Wobei, doch, Gillen war mir zuletzt in ganz anderem Kontext begegnet. Ich bin über sein Manifest zu dem „New Games Journalism“ gestolpert, der für ein Weg vom einfachen Beschreiben des „Spaß“ und zu einem Hin der direkten Spiel-Erfahrung plädierte; und das alles als eigentlich gewachsener Musik-Journalist? Und jetzt auch noch Comic? Am Ende war dies wohl ein Mitgrund, ich wollte sehen ob und was Gillen also, zwischen Musik- und Games-Journalismus, in diesem Medium zu leisten wusste, auch weil „Über“ nicht seine erste Arbeit in diesem Bereich ist. Und dann wäre da doch noch einmal das Cover, denn: für eine popcorn-pulpige Blutballade, die uns den Sprüche klopfenden Alliierten vorsetzt, der sich mit Nazi-Karikaturen auf Supermensch-Level anlegt, war das Cover dann doch zu viel Schlucken und zu wenig wissendes Augenzwinkern. Wieso sollte gerade die wohl offensichtliche Schurkin unbedingt das Titelbild zieren?
ueber-1-bild-fuer-beitrag-2Ich rechnete wohl im schlimmsten/besten/interessantesten Falle mit einer Geschichte in der Stimmung David Laphams – der bspw. mit „Caligula“ und „Ferals“ Storys mit sattestem Zynismus und wenig Furcht vor ekligen Bildern erzählt, dabei gerne mal abschreckt, sich aber auch nicht einfach im Selbstzweck verliert. In diesen Handlungen will uns Lapham eine böse, verkommene und ihre Bewohner verschlingende Welt zeigen. Und Gillen scheint es auf den ersten Blick „nur“ ganz genauso zu halten. Denn in seiner Alternativ-Historie rund um die letzten Tage Berlins, beginnt alles bereits mit Verweisen auf die besonders düsteren Kapitel dieser Epoche, sei es das Leid der Zivilbevölkerung durch Raub und Vergewaltigung oder die Experimente und Zustände in Gefangenen- und Konzentrationslagern. Dabei gehen Zeichner und Autor mit einer lobenswerten Feinfühligkeit ans Werk und schaffen es Gräueltaten anzusprechen, falls auch nur als „Nebenwirkung“ des viel größeren Massensterbens, ohne sich zwischen naiver Bagatellisierung oder unreifer Schaufreude zu verlieren. In dieser Thematik eingebettet, könnte das fantastische Element „Über“, dass es den Nazis gelungen ist supermenschliche und fast unverwundbare Supersoldaten zu erschaffen, schnell zum unschönen Bruch führen. Hier behilft sich Autor Killen jedoch einer Recherche-Lust und einem historischen Ton, der es schafft die letzten Kriegstage mithilfe dieses Phantastik-Einschlags, so realistisch nachfühlbar wie nur möglich zu machen. Denn natürlich ist ein Trupp von Super-Nazis in der Lage die Straßenschlachten des zerbombten Berlins gegen einen überraschten Gegner für sich zu entscheiden und doch scheinen nur die ideologischsten Fanatiker in „Über“ daran zu glauben, dass dies tatsächlich der Anfang vom Endsieg sein könnte, wenn doch das Land verwüstet, die Moral und Wirtschaft am Boden und die Bevölkerung zerschlagen und geflüchtet ist.
Das führt zu einem faszinierend, abstrusen Lese-Gefühl und Fragen wie: „Kann man das, soll man das, darf man das?“, denn: die Geschichteuber-1-cover spielt zwar immer an mehreren Schauplätzen, dabei auch ein britisches Ausbildungszentrum für einen US-Soldaten, der im Eilverfahren zur alliierten Antwort auf die deutschen Übermenschen gezüchtet werden soll, aber viele Stränge sind im Milieu der deutschen Generalstabsschaft angesiedelt – mit ihren eigenen Konflikten und widersprüchlichen Sichtweisen. Das mag zuerst einmal lobenswert und realistisch sein, ist auf den zweiten Blick aber auch überraschend ungewohnt, denn als Leser ertappt man sich schnell dabei für die eigentlich „Bösen“ nicht nur Sympathien zu empfinden, sondern sogar in einer Form mit zu fiebern – wohl in keinem Moment greifbarer als in dem gewaltsamen Aufeinandertreffen zwischen „Schlachtschiff Sieglinde“ und dem alliierten Supermenschen Patrick O’Connor; und dem Gefühl, dass keiner von Beiden wirklich den Tod verdient habe, aber nur einer von Beiden das Schlachtfeld Paris lebend verlassen kann. Denn Sieglinde ist zwar Massenmörderin und Soldatin des dritten Reiches, aber eben auch „nur“ Soldat und Befehlsausführende, O’Conner das ebenso mächtige Pendant der Gegenseite. All dies ist nur möglich, weil es Gillen zu jederzeit schafft vielseitige Figuren auf beiden Seiten zu entwickeln, Klischee und Generika gekonnt zu umschiffen und dabei immer wieder die absolut richtigen Momente zu finden, die mit Canaan Whites Strich zusammen in den perfekt, perfiden Bildern münden, die „Über“ so außergewöhnlich und unangenehm werden lassen: Sei es ein Adolf Hitler, der erst kurz vor dem Moment seines Selbstmords mit Waffe im Mund davon erfährt, dass noch nicht alles verloren scheint oder wenn selbiger wenige Seiten später einem seiner Supersoldaten, dem wahnsinnigen Siegfried, befiehlt ihm eine „Oper“ zu schenken – und dieser darauf hin tausende russischer Kriegsgefangener in nur wenigen Sekunden massakriert. An dieser Stelle soll noch ein Lob für Übersetzer Marc-Oliver Frisch rausgehen dessen Arbeit hier in jedem Satz „sticht“, hier hätte „Über“ leicht Gefahr laufen können, viel von seiner Faszination einzubüßen, wären den Charakteren hier ein zu lockerer Ton in den Mund gelegt worden.

Fazit:

„Über – Das letzte Aufgebot“ ist blutig, bissig, böser Comic in so ekligen wie einnehmenden Bildern – und damit einer meiner Anwärter auf „Comic des Jahres“. Kieron Gillen und Caanan White gelingt eine perfekte Mischung, abseits der ausgetretenen Pfade des exploitativen Nazi-Metzeln eines „Inglourious Basterds“ oder überpatriotischer Helden-Fabel. Stattdessen stampft die Geschichte, beginnend vom Cover weiter über jede einzelne Seite und bis zum letzten Wendepunkt mit neugierigem Ausblick auf Kommendes, ihr Kernthema wieder und wieder in Lesers Gesicht. Und fasst sie an einem Punkt in den Worten Sieglindes selbst zusammen: Supermenschen werden nicht dafür sorgen, dass eine Seite gewinnt, sondern lediglich, dass Alle verlieren. Ich freue mich aber diesen Weltuntergang in seinen vielen, blutigen Facetten und Schauplätzen noch über hoffentlich viele, viele Bände folgen zu dürfen, wenn es Gillen und White gelingt dieses Niveau, diese Bitterkeit, aber auch Feinfühligkeit zu behalten.

„Über 1 – Das letzte Aufgebot“ erscheint bei Panini Comics im Softcover, 19,99€, 180 Seiten, gezeichnet von Caanan White, geschrieben von Kieron Gillen.

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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