Thor 2: Die Herrscher von Midgard

Nach dem eher bedrückenden Etablieren des Status quo im ersten Band, steht nun ein Ausflug in leichtfüßigere Comic-Gefilde bevor und der Spaß an erster Stelle; „Herrscher von Midgard“ beschert uns nämlich Samurai-Minotauren-Lackfetisch-Wikinger-Hulks!

Geht es mehr COMIC?!

Die Geschehnisse aus dem Vorgängerheft ließen den Leser wenig optimistisch zurück: Jane Fosters Körper ist, trotz Thor-Avatar, vom Krebs zerfressen, der Allvater immer noch dem Wahnsinn verfallen, die Allmutter ermordet und die neun Welten werden von Loki, Malekith und dem skrupellosen Konzernriesen Roxxon heimgesucht. Statt aber weiter auf Welt und Charakteren herum zu prügeln, macht das Abenteuer erst mal einen historischen Sprung zurück – und präsentiert uns mit dem jungen Thor einen alten Vertrauten, in einem scheinbar alleinstehenden Abenteuer. Oder besser gesagt „Schlagabtausch“, denn erlebt wird hier wenig, stattdessen darf sich der Odinson mit einem berserkernden Wikinger herumschlagen. All das hängt dabei (auf den ersten Blick?) wenig mit der Gegenwart aus der zweiten Bandhälfte zusammen. Hier findet sich Jane Foster an Seite der Shield-Agentin Roz Solomon inmitten eines Bandenkrieges wieder – nur, dass es sich bei den „Banden“ nicht um Kleinganoven von der Straßenecke, sondern multinationale Konzernriesen und die superreichsten Schurken des Marvel-Universum handelt. Und auf dieser Gehaltsstufe wird dann auch mal mit milliardenschweren Cyber-Samurai-Rüstungen und goldenen Patronen gekämpft.


Zwei Teile, ein Ganzes?

Dabei könnte der Schnitt zwischen den beiden Geschichten deutlicher nicht sein, alleine schon wie sich die Abenteuer zeichnerisch präsentieren. Die seitenlange Prügelei zwischen dem jungen Thor und dem Berserker Bodolf sind von Rafa Garres cartoonig, schmierig gehalten, um das Ganze klar als Sagenmärchen auszuweisen. Garres Stil ist in manchen Panels dabei schon fast himmelschreiend unübersichtlich. Frustrierend wird dies allerdings nie; bei dieser erderschütternden Kneipenschlägerei steht das tatsächliche Sehen nämlich kaum an erster Stelle, das Tempo walzt auch vor sich hin und wenn gewollt, hätten die Kreativen Bodolfs Geschichte wahrscheinlich auch viel Seiteneffizienter erzählen können. Der insgesamt lockere Grundton und der Seitenhieb Lokis am Ende verweisen eher darauf, dass alle Beteiligten einfach nur mal sich selbst und ihre Serie feiern wollen – mit einigen Reminiszenzen an den altgedienten Odinson.

Das Spaßpedal voll durchgetreten

Im zweiten Part geht es dabei unter Zeichner Russel Dauterman wieder deutlich übersichtlicher daher, wenn Aaron auch hier bei einem eher lockeren Erzählstil bleibt. Aaron mausert sich mit „Die Herrscher von Midgard“ dabei einen weiteren Schritt an meinen persönlichen Autoren-Thron heran: das bunte, facettenreiche Universum Thors wusste er früher ja schon gekonnt zu erzählen, in letzter Zeit fällt aber immer deutlicher auf, wie gut es ihm gelingt Tempo- und besonders Stimmungswechsel vor seinen Karren zu spannen – wie nicht zuletzt erst in „Doctor Strange“, der sich so humorvoll wie einige Seiten später tragisch zu präsentieren weiß. Hier tritt die ganze Schwere des ersten Bandes vorerst in den Hintergrund, nicht um komplett zu verblassen, sondern lauernd ihre Schatten voraus zu werfen, denn das letzte Wort ist um das Schicksal der neun Welten, Lokis und der Allmutter sicher noch nicht gesprochen. Mit diesem Einschub jedoch ergeht sich Aaron in der vollen Absurdität des Superhelden-Comics. Und gibt dabei all seinen Figuren die Möglichkeit für Glanzmomente und knackige One-Liner. Der Silver-Samurai darf beispielsweise mit einem „Bringe niemals eine Pistole zu einem Schwertkampf“-Konter aufwarten und die noch taufrische SHIELD-Agentin Solomon kann mit der vergoldeten Munition, die hier verballert wird, scheinbar sogar ihre Studienschulden begleichen. Da ist es nur treffend, dass all dieses Gezänk im Superschurkenkindergarten zwar einerseits droht ganz Manhattan auszulöschen, andererseits aber im pampigen Gezeter endet, wer wohl die größere Anwalts-Armee sein Eigen nennt. Da macht es auch wenig aus, dass Jane FosTHOR hier selbst fast zu kurz kommt, denn auch sie darf trotzdem mit einigen Spitzen glänzen – und solange eine so unterhaltsame Keilerei bei rauskommt, dürfen Charakter- und Handlungsweiterentwicklung auch gerne auf den nächsten Band verschoben werden.

Fazit:

Ein knallbunter Prügler, besser lässt sich „Die Herrscher von Midgard“ wohl nicht zusammenfassen und es darf klar dazu aufgerufen werden, sich das Ding selber zu besorgen. Denn obwohl man Handlungstechnisch diesen Band vielleicht sogar auslassen könnte, macht all das Enthaltene doch viel zu viel Spaß um versäumt werden zu dürfen. Ein Schlagabtausch unter milliardenschweren Gangstergrößen, die sich aufführen wie zankende Teenies in der Schulkantine und inmitten all dem eine hammerschwingende Jane Foster als Kindergärtnerin sind einfach zu gut. Und mehr als gut genug, um mit dem Fortgang der Handlung auf Band 3 warten zu können.

zur Leseprobe
„Thor 2: Die Herrscher von Midgard“ erscheint bei Panini im Sofctover, 140 Seiten, 14,99€ von Jason Aaron, Russel Dauterman und Rafa Garres.
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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