The Witcher: Im Glashaus

Bleichhaut und Hexer Geralt landet nach einer gefährlichen Reise in einem verwunschenen Haus. Stellt sich jedoch die Frage was schlimmer ist: gefräßige Waldschrate oder ein verfluchtes Anwesen?

Introduction to Geralt 101

Dank der Videospielerfolge von den polnischen CDProjekt-Studios sollte Geralt von Riva in Andrzej Sapkowskis „Witcher“-Saga inzwischen auch einem größeren Publikum bekannt sein, die große Anerkennung als Fantasy-Schwergewicht fehlt der Buchreihe aber noch. Zu Unrecht, denn für mich ist das siebenteilige Epos mit das Beste an fantastischer Literatur, dass man als Interessierter finden kann, einigen Alleinstellungsmerkmalen sei dank. Da wäre zu aller erst natürlich der kulturelle Hintergrund von Autor Sapkowski, der seine Erzählwelt zwar auch mit Zwergen und Elfen, ganz besonders aber mit Hexen und Monstern aus der slawischen Mythologie bevölkert, was für Leser typisch westlicher High-Fantasy eine willkommene Abwechslung darstellen sollte. Außerdem verbietet sich der Autor klaren Gut/Böse Kontrasten, selbst die unsympathischsten Figuren habe nachvollziehbare Motive und Geralt ist als Protagonist zwar der Hauptsympathieträger, gleichzeitig aber ein Anti-Held, in dessen Fußstapfen man so gar nicht treten möchte, schlägt ihm als mutierter Monsterjäger doch seitens der Bevölkerung fast immer Misstrauen oder blanker Rassismus entgegen. Das sorgt für aufgeladene Handlungsmomente, wo der nächste Schwerthieb immer nur ein falsches Wort entfernt scheint und hier kann Sapkowski über die Reihe hinweg mit einer weiteren Stärke punkten: Seinen unglaublich guten Dialogen, die oftmals nichts und gleichzeitig alles über die Handelnden offenbaren. Ein interessantes Szenario und treffende Zeilen bilden also ein perfektes Grundgerüst für die darstellerische und erzählerische Umsetzung zu einem Comic. Bleibt also nur zu klären, ob Adaptions-Veteran Paul Tobin und Zeichnerneuling Joe Querio alles richtig gemacht haben.

THEWITCHER1_Softcover_619Im Absatz oben drüber ist ne kleine Lüge versteckt

Denn so ganz stimmt das mit der Adaption von Sapkowskis Witcher-Welt gar nicht – „Im Glashaus“ ist nämlich keine direkte Umsetzung sondern ein von Comic-Autor Paul Tobin selbst entworfenes Abenteuer, dass man als Witcher-Leser aber leicht in den großen Mythos als „eines von Geralts vielen Abenteuern“ einordnen könnte. Und, großer Applaus an dieser Stelle, Tobin, der auch schon Comic-Auswertungen von TV-Serien wie „Falling Skies“ oder dem Film-Franchise „Prometheus“ verantwortete, macht alles richtig. Der karge Austausch zwischen Geralt und seinen Mitreisenden steht Sapkowskis Dialogen kaum nach, lediglich an einigen Stellen kann man sich dem Eindruck nicht erwehren, dass bei der Übersetzung vielleicht manch Schmankerl verloren gegangen ist. Ton und Atmosphäre allerdings stechen ins Schwarze; Geralts Abenteuer in verwunschenen Wäldern und dem mysteriösen Landhaus sind nicht wirklich Horror ODER Fantasy, sondern lassen sich besser als Schauermärchen für Erwachsene beschreiben. Ja, es gibt Monster wie ertrunkene Zombies oder den Leshen-Waldgeist mit dem Geweihkopf, aber wie immer im Hexer-Mythos sind diese Kreaturen keine simplen Menschenfresser sondern ein Ding zwischen Mensch und Tier, Lebend und Tot, dass Instinkten folgend, vielleicht nur eine düstere Nische zum Überleben sucht – und Geralt als „Monsterjäger“ damit, wieder einmal, mehr zum umstrittenen Schlächter aussterbender Arten als erlösenden Lebensretter macht.

„Großmutter, Großmutter! – Warum bist du so tot?“

Zeichner Joe Querio hat mit „The Witcher“ seinen ersten großen Auftrag gelandet, zeichnet aber, unterstützt durch ein düsteres Colouring von Carlos Badilla, stimmungsvoll und stilsicher wie ein Branchenveteran. Zu Beginn muss man sich daran gewöhnen, dass Gesichter nur in Close-Ups detaillierter gezeichnet, aus der Ferne aber nur umrissen werden, dafür weiß Querio aber bei Getier und Gezücht zu überzeugen. Besonders die Grabhexe, eine spukende Untote, die sich in der Nähe von Friedhöfen herum treibt ist frisch und dabei angenehm schaurig geraten. Der Look erinnert deshalb nicht von ungefähr ans Hellboy-Universum, hat Querio sich doch hier seine erste Sporen verdient. Hierbei muss man zugeben, kein Panel hat Wallpaper-Potenzial bei dem Lesers Kinn runter klappt, was bei einer auf Beklemmung abzielender Geschichte wie hier aber gar kein Problem ist. Die Verantwortlichen bei Dark Horse haben bereits angekündigt, dass Tobin und Querio im kommenden zweiten Band wieder das Creative-Team bilden werden – nicht nur optisch also sehr gute Vorzeichen.

Fazit:

Oft sind Werbe-Taglines so nichts-sagend wie überflüssig, aber wenn Panini hier mit einer „grandiosen Mischung aus Conan & Hellboy, Horror und Fantasy“ wirbt, trifft das den Nagel auf den Kopf. Mit spitzfindigen Dialogen, einer schaurigen Welt und interessanten Figuren erbt die Comic-Umsetzung alle Stärken der Vorlage und maximal eine Schwäche: Wer noch nie was vom Hexer gehört hat, bekommt hier keinen einführenden Band 1. Dennoch sollten nicht nur Witcher-Fans zuschlagen sondern auch Universum-Fremde einen Ausflug ins Glashaus wagen – denn es besteht eine gute Chance, dass man hiermit die Pforte in diese tolle Fantasy-Welt öffnet!

zur Leseprobe

„The Witcher 1: Im Glashaus“, erschienen bei Panini Comics im Softcover, 132 Seiten, von Paul Tobin und Joe Querio, 16,99€

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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