Telltales Batman Episode 1

Mit Comic-Wurzeln gestartet und nun wieder zurück zu diesen – die Adventure-Bastler hinter dem fantastischen „The Walking Dead“ hatten zuletzt mit Ausflügen zu „Minecraft“, „Game of Thrones“ und „Borderlands“ andere Gewässer befahren. Und melden sich nun im Comic-Kosmos mit einem Adventure zu einem der größten Helden aller Zeiten zurück!

Willkommen im Fledermaushaus!

Zu erklären wer Batman ist erscheint auf einer Comic-Website so unnötig wie vom Joker zu erwarten, dass er brav seine Strafe in Arkham absitzt. Die Damen und Herren bei Telltale Games scheinen das ähnlich zu sehen, wer dank dem Titel „Episode 1“ die große Origin-Müdigkeit fürchtet, darf beruhigt sein. Und das obwohl wir uns nicht inmitten der Fledermaus-Saga wiederfinden: Harvey „Two-Face“ Dent hat noch überraschend viel Haut im Gesicht und trainiert sogar fürs Bürgermeisteramt statt für die Münzen-Flip Weltmeisterschaft, Batmans erster Zusammenstoß mit Meisterdiebin Catwoman lässt ihn genauso verwirrt zurück wie sie und bei Oswald Cobblepot handelt es sich noch um einen frustrierten Herumstreifer im Trenchcoat statt Waffenhändler im Frack. Telltale macht sich das Batman-Universum zu Eigen, um seine ganz eigene Geschichte zu erzählen, die zwar recht nahe am „Anfang“ des Mythos ihre Kreise zieht, aber sich nicht zwanghaft an die Anfänge der Fledermaus klammert. Zu Beginn also unterstützt Bruce Wayne wie er nur kann, seinen Freund und Bezirks-Staatsanwalt Harvey Dent bei seinem Ringen um die „Krone Gothams“ während er im Fledermauskostüm des Nachts die Straßen unsicher bzw. sicherer macht. Schwierig wird es allerdings als der Mafia-Boss Carmine Falcone nicht nur Bruce Wayne in aller Öffentlichkeit Vorschläge für eine Geschäftsbeziehung unterbreitet sondern auch noch Gerüchte um Bruce Eltern die Runde machen – das all das Vermögen und der gute Ruf um „Gothams greatest Son“ eine nicht so glänzende Vergangenheit haben könnte …

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Batman als Adventure – geht das?

Die „Telltale-Formel“ dürfte Fans inzwischen nur zu gut bekannt sein und die Spiele zeichnen sich gemeinhin gerne als deutliche Adventure-Erben und Filme zum Mitspielen aus. Wer ein herausforderndes Gameplay erwartet dürfte seit dem allerersten „The Walking Dead“ schon fehl am Platze gewesen sein, die Punkte haben die Spiele schon immer bei ihrer guten Sprecherarbeit, einem wendungsreichen Plot und den gut verfassten Dialogen geholt – wir erinnern uns an Lee und Clementine aus Telltales Erstlingswerk, die einfach mal die beste (Ersatz)vater/Kind-Beziehung der Videospielgeschichte auf den Monitor zauberte und damit mitunter zu Tränen rühren konnte. Wie passt dieses starre Adventure-Gameplay und das langsame Erzähltempo also zu einem Comic-Helden, noch dazu zu einem, dessen „Feeling“ mit den „Arkham“-Teilen aus dem Hause Rocksteady ja perfekt eingefangen wurde? In Stücken verdammt gut, denn was zwischen den Batmobil-Jagden, den Ninja-Angriffen aus dem Schatten und manischen Gegenspielern ja gerne mal vergessen wird ist, dass es sich bei Batman immer noch um den „great Detective“ handelt! Und welche Spiele eignen sich besser eine Kriminal-Geschichte zu erzählen als Adventures – so klappern wir mit Batman den Tatort eines geplatzten Waffen-Deals ab, untersuchen Hot-Points und, neu im Hause Telltale, müssen diese miteinander in Verbindung setzen. Das ist, in dieser ersten Episode, noch nicht sonderlich knifflig und dürfte gerade die Genre-Veteranen kaum fordern, passt aber wunderbar in den Kosmos des dunklen Rächers. Wenn es hier in zukünftigen Episoden also etwas knackiger zugehen sollte, dürfte ordentlich Batmansche Stimmung aufkommen

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Bruce Wayne – Batmans Alter Ego oder tatsächliche Verkleidung?

Selbiges gilt für die überraschend hohe Spielzeit die wir als Bruce Wayne selbst verbringen – wir geben Statements in Interviews, schütteln Hände bei einer Spendengala und Bruces alte Schulfreunde wieder. Dabei werden die Dialog-Antworten wie immer unter Zeitdruck verlangt, das Tempo ist an der ein oder anderen Stelle sogar etwas zu knackig. Wenn ein Gauner vor Bruces Gesicht mit der Waffe rumfuchtelt ist es ja verständlich, dass die Entscheidung vom Spieler in Sekundenbruchteilen zu erfolgen hat; bei einem Dialog zwischen Alfred und Bruce vorm lauschigen Kamin über Sinn- und Unsinn des Batman-Daseins hätten ein paar Sekunden mehr aber der Atmosphäre geschadet und dem Spieler trotzdem die Möglichkeit gelassen einen Moment zu grübeln „was für ein Bruce Wayne“ er sein möchte. Denn wie bei allen Telltale-Titeln weißt ein ploppendes Icon daraufhin, dass die Figur sich diese Antwort oder Reaktion merken wird – mit welchen (meist nicht all zu großen) Auswirkungen, wird oft erst später im Spiel deutlich. Damit gelingt es Telltale die Aspekte der Figur interessant zu machen, für die wohl die wenigsten ein Batman-Spiel installieren würden: Bruce Wayne. Wir bekommen einen stimmigen Einblick in das Leben von Bruce Wayne, zwischen Philanthropist und Fledermaus und können durch die Entscheidungsmöglichkeiten diesen Charakter zusätzlich „gefühlt“ beeinflussen. Denn wer sagt, dass ich meinen Bruce Wayne nicht als einen Milliardär spielen will, der auch mal einem Mafiosi die Hand schüttelt? Nicht um Bruce, völlig wider seines bekannten Characters, als geldgierigen Schnösel zu charakterisieren, sondern vielleicht als Grenzgänger, der so auch ohne Verkleidung hofft Zugang und Informationen aus der Welt zu bekommen, die er zu bekämpfen versucht. Mit Bruce Wayne hat Telltale hier außerdem erstmals einen bereits ausdefinierten Protagonisten vorliegen, von dem die meisten Spieler bereits eine Vorstellung haben sollten: Lee aus „Walking Dead“ war eine völlig neue Figur, der böse Wolf Bigby aus „Wolf among us“ wahrscheinlich den wenigsten Spielern bekannt, aber Bruce Wayne ist eine seit Jahrzehnten durch die Comic-Kultur tingelnde Figur. Hier dürfte es also interessant werden zu sehen, wie weit man diese Figur seiner Vorstellungen oder Experimentierfreude in zukünftigen Episoden biegen kann. Außerdem nutzt das Spiel die Entscheidungsmöglichkeiten auch in Batmans Sequenzen für manch interessanten Kniff: wollen wir vorbildlicher Vigilant sein oder knochenbrechender Furchterreger?

Quick Time Batman

In den gut geschriebenen und vertonten Dialogen (auch wenn Fans auf Kevin Conroy als Batman-Sprecher verzichten und dafür mit dem guten Troy Baker Vorlieb nehmen müssen) sowie beim Detektiv-Alltag greift die Telltale-Formel also, wie sieht das aber beim nächtlichen Patrouille-Gehen der Fledermaus aus? Schließlich ist Batman ein aus dem Schatten zuschlagender Dämon, schneller als jede Kugel, gefühlt überall, die den nervösen Schurken umhüllende Stimme in der … ja, es sind einfach Quick Time Events. Und davon eine Menge. Schon in den Vorgängern oft kritisiert, fallen die QTEs hier besonders ins Gewicht, da sie die einzige Möglichkeit darstellen, den schnellen Kampfstil eines Batmans in diese Engine einzubetten. Wer wie ich persönlich, QTEs zwar als innovationsarm sieht, aber sie nicht zusammen mit Pay2Win und InGame-Käufen als die Pest der aktuellen Spiele-Industrie beschreit, sollte noch ganz zufrieden vom Tisch gehen können. Denn ja, in Zeiten eines Rocksteady-Batman fühlen sich die Kämpfe in Telltales Batman kaum nach Energie an, allerdings sind sie aber auch gut getimed und daher nicht aufdringlich. Nervig würde es doch wirklich erst, wenn die Dinger auch noch sackschwer wären, kaum Fehlertoleranz haben und dauernd wiederholt werden müssten; das ist hier glücklicherweise nicht der Fall. Dennoch bleibt es auffällig wie unpassend die Engine und das Spielsystem für Batman scheint – wenn wir im späteren Verlauf der Episode einen Batman-typischen Angriff aus dem Schatten planen sollen, markieren wir per Drohne Gegner und wählen dann zwischen verschiedenen Vorgehensweisen; soll der Bodyguard an der Tür durchs Fenster hinaus befördert oder per runterfallender Lampe ausgeschaltet werden? Das alles macht spieltechnisch jedoch keinen Unterschied, ist kein Rätsel in sich, dass eine sinnvolle Aneinanderreihung belohnen würde. So fühlt sich das Planen per Drohne unnötig zäh und bremsend an und ist die sich darauf entfaltenden Cutscene (natürlich inklusive Quick Time Events) im Grade ihrer Aufregung kaum der Mühe zuvor wert.

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Fazit:

Wenn nach etwa zwei sehr unterhaltsamen Stunden der Abspann der ersten Episode von „Batman – A Telltale Series“ über den Bildschirm flackert, finden sich wenig überraschende, offensichtliche Erkenntnisse gleich neben positiven, Unerwarteten wieder. Denn ja, natürlich passt die Telltale-Formel erst einmal nicht zu einem schnellen Action-Gameplay, dass ein prügelnder Batman eigentlich verlangen würde und weiß sich hier nur mit überstrapazierten Quick Time Events zu helfen. Sie passt auch nicht zu elaborierten Schleichsequenzen, die dem Spieler Spaß an der Planung im Schatten bieten. Doch gleichzeitig macht die andere Seite so viel richtig, durch gute Autorenarbeit, einen interessanten Plot und gelungene Vertonung, dass die ruhigen Passagen eines Batman-Abenteuers, wie die Detektiv-Arbeit unterhalten können. Oder sogar, und das treibt es auf die Spitze, man sich wohl kaum hätte vorstellen können, dass es genauso viel Spaß machen kann Bruce Wayne zu spielen, statt nur sein dunkles Ich. Wer nach den Rocksteady-Spielen nach neuem Batman-Futter im selben Gewand sucht, wird hier sicher nicht fündig. Adventure-Hasen und Geschichtenlauscher sollten hier allerdings, wie in den vorherigen Telltales, eine willkommen-heißende Heimat finden und gleichzeitig vielleicht sogar eine eher unbekannte, ruhige Seite ihres Lieblingshelden entdecken. Wer sich an das bei Fans beliebten LucasArts-Point&Click „Indiana Jones and the Fate of Atlantis“ mit wohliger Wärme im Bauch erinnert, sollte zu Batman greifen. Denn obwohl Indy in Filmform eigentlich auch dann am Besten ist, wenn er die Peitsche schwingt oder an rasenden Verfolgungsjagden teilnimmt, konnte „Fate of Atlantis“ trotz geringerer Schlagzahl dennoch problemlos die Atmosphäre seiner Vorlage einfangen – und „Batman – A Telltale Series“ geht es nicht anders!

BATMAN – The Telltale Series Episode One: Realm of Shadows ist bereits als Download Titel für PC, Mac, PlayStation 3/4, Xbox One/360 so wie für mobile Geräte verfügbar
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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