Swamp Thing: Die Toten schlafen nicht

„Spiel es noch einmal, Sam“ – Len Wein, der Urvater des grünen Sumpftrödlers, findet scheinbar Tote sollte man nicht ruhen lassen – und das einstige Comic-Kind wohl auch nicht. Daher bringt Wein zusammen mit Zeichner Kelley Jones nun nach Jahren erstmals wieder ein alleinstehendes Abenteuer des morastigen Monsters.

Geschichten aus dem Sumpf

Der Botaniker Alec Holland hat sein Leben so wohl nie am Vision-Board entworfen und sich aber dennoch mit den Umständen arrangiert. Nach einem Anschlag auf sein Leben wurde Holland zum Torfschleicher „Swamp Thing“, der Beschützer der Natur, aber auch unschuldiger Opfer in den Sümpfen Louisianas. Dennoch denkt er in all dem feuchten Mief durchaus mal zurück daran wie es war ein Mensch zu sein – ein Gedanke der schnell Wirklichkeit zu werden scheint als ein alter Bekannter mit einem magischen Artefakt auftaucht; und Holland anbietet an seiner statt zum Avatar des Grüns zu werden. Und obwohl der Deal fast zu perfekt wirkt, kann Holland zu diesem Angebot wohl nur schwer nein sagen. Zuvor hat er sich aber noch einem Untoten zu entledigen, der die hiesige Universität des Nachts unsicher macht indem er Angst und Schrecken unter seinen ehemaligen Mitstudenten verbreitet.
Trash, soweit das Auge reicht …

Wenn mit Len Wein nun also der Erfinder selbst wieder Hand bei der Story anlegt, sollte es keine Überraschung sein, dass die besonders trashigen Grundelemente des Swamp Things nun wieder eine große Rolle spielen. Der ganze Aufbau um die Figur ist natürlich mit Anleihen an die damaligen B-Movies um Sumpfmonster und Mutierte entstanden und Wein hat auch sichtlich Spaß daran wieder in diese Richtung zurückzugehen. Gerade die ersten Kapitel um Alec Hollands Auseinandersetzung mit einem untoten Wiedergänger versprühen beste „Tales from the Crypt“-Atmosphäre, Weins Swamp Thing hat hier viel mehr mit einem „Horrorschocker“ aus dem Hause Weissblech als mit dem restlichen Ton des DC-Kosmos gemeint. Und das obwohl es an Cameos bekannter Figuren aus der mystischen Ecke der Welt nicht mangelt – Zatanna, The Shade, Deadman, Phantom Stranger, alle machen ihre Aufwartung, letzterer sogar mit einer ordentlichen Prise Selbstironie. Denn nicht nur dem Leser scheint aufzufallen, dass der Herold der okkulten Bedrohungen immer erst dann seine Aufwartung mit kryptischen Warnungen macht, wenn es längst zu spät scheint. In diesen Momenten ist Weins Swamp Thing absolut starker Trash, der sich nie ernst nimmt und in den passenden Momenten mit der richtigen Portion Pseudo-Okkultismus zu punkten weiß – das Highlight dürfte hier sicherlich Hollands finale Auseinandersetzung mit dem Untoten sein, die statt mit einem knallharten Fausthagel lieber mit Nadel und Faden sowie einer ordentlichen Portion Salz erledigt wird. Super!

… der sein Tempo nicht ganz zu halten weiß.

Batman-Zeichner Kelley Jones ist dabei ein absoluter Glücksgriff, denn Jones lässt es im Sumpf ordentlich schmatzen und noch deutlicher krachen. Sehr cool, dass er sein Swamp Thing vom Aussehen dabei etwas von dem grünen Gorilla wegführt, den man vielleicht gewohnt sein dürfte, aber Jones Sumpfmonster mit weicheren Gesichtszügen passt ziemlich gut zu Weins Geschichte – wenn die Story schon wo sie kann mit den Augen zwinkert und über sich selbst schmunzelt ist es wohl nicht verkehrt, wenn auch das Ding aus dem Sumpf zu einigen Gesichtsausdrücken mehr in der Lage ist. Weiter profitiert Jones natürlich davon, dass „Swamp Thing“ schon immer einen der farblich interessantesten Superhelden abgegeben hat – hoch polierte Großstädte oder die schattigen Gassen eines Gotham Citys bekommen wir dauernd zu sehen, aber die braunen Sumpflandschaften in und um New Orleans herum sind immer wieder ein Novum. Die mystischen Elemente rund um Zauberei und „das Grün“ sind dabei noch die zusätzliche Kirsche oben drauf, für gelungene Abwechslung. Es werden hier aber auch schon Risse in Weins Idee des Erzählens deutlich, denn der trashige Ton kann über die enthaltenen Ausgaben nicht ganz gehalten werden. Hier rächen sich nostalgische Comic-Dialoge die ziemlich on-the-nose sind und fehlende Tiefe bei Figuren und Handlungssträngen schnell. Das kostet den Band nicht das komplette Lesevergnügen, aber gerade die letzten Seiten lesen sich für moderne Augen doch schon ungeheuer altbacken, monologisierende Bösewichte und „Atomraketen gegen den Weltuntergang“ inklusive. Wie gesagt, man hat das Gefühl, Wein darf das und für dieses sechs-Ausgaben umfassende Abenteuer ist das auch völlig in Ordnung. Aber es wird auch nur allzu deutlich wie viel mehr in der Figur Swamp Things eigentlich steckt, welche Fülle an Erzählideen Autoren wie Moore und Snyder aus der Geschichte zu ziehen wussten – und deutliche Zweifel, ob Wein in einem zweiten Band überhaupt noch frischen Trash zur Unterhaltung liefern könnte. All dies sind aber nur kurze Momente der Zweifel, die von hinten im Kopf an die Glasmurmeln klopfen, da „Swamp Thing“ seinen Kurzbesuch gerade noch so rechtzeitig wieder zu beenden weiß.

„Swamp Thing: Die Toten schlafen nicht“ von Len Wein und Kelley Jones, erscheint bei Panini im Softcover, 16,99€, 140 Seiten.
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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