Supergod

Quiz frage: Wie würde unsere Welt aussehen, wenn Götter in unseren Städten herumspazieren würden? Würden diese für uns das Paradies auf Erden erschaffen oder uns noch zu Lebzeiten für unsere Sünden leiden lassen? Warren Ellis zumindest zeigt uns mit „Supergod“ seine Vision vom verkohlten Rest des ehemaligen Planeten Erde, nachdem gleich mehr als ein Messias, ausgestattet mit Kräften die jedes Atomarsenal wie ein Neujahrs-Feuerwerk erscheinen lassen, auf die Welt losgelassen wurden.

Die Götter müssen verrückt sein!

Simon Reddin, ehemaliger Wissenschaftler für die britische Regierung, sitzt in den Trümmern Londons und ist sich sicher, dass es mit der Welt zu Ende geht. Die Stadt brennt, die Themse ist voller Leichen und die letzten Menschen ziehen als marodierende Horde durchs Land. Reddin baut eine Funkverbindung zu Tommy, einem befreundeten Wissenschaftler aus den USA auf, mit dem Ziel ihm zu erklären, wie es zu alldem kommen konnte. Wie das Sterben der Welt damit begann, dass die Inder eine Maschine Krishna tauften und auf den Status eines Gottes erhoben, wie diese außer Kontrolle geriet und auf welche Weise die Nachbarstaaten dieses Krisengebietes auf den wandelnden Gott auf Erden reagierten. Das Wettrüsten, welches im kalten Krieg noch mit atomaren Waffen bestritten wurde, war bereits vor Jahren durch den Wettlauf um den mächtigsten, selbstgebauten Gott abgelöst worden und Reddin erzählt Tommy nun von dem Tag, als all diese Überwesen aufeinander los gingen.

Götterspeise in ungewohnter Verpackung

Die Erzählstruktur von „Supergod“ ist die auffälligste Eigenheit von Warren Ellis Darstellung der Apokalypse. Wir verfolgen die Geschichte zwar aus den Rückblicken von Simon Reddin, dieser erlebt die Handlung aber nicht selbst, sondern dient als allwissender Erzähler, der Zusammenhänge und Ereignisse meist innerhalb von Captions erläutert. Das ist so ungewohnt wie erfrischend, trägt sich aber nicht unbedingt über die Gesamtdauer des Bandes, vermisst man doch etwa ab der Mitte den roten Faden der Handlung. So ist diese Art des Berichten mehr nettes Experiment und weniger eine wirkliche Erzählalternative, die sich folgende Comics zum Vorbild nehmen sollten. Glücklicherweise fällt es Ellis leicht über die fehlenden Fixpunkte hinweg zu täuschen, enthüllt er doch mit jedem neuen Gott auch ein neues Konzept und beleuchtet immer eine andere Facette in Bereichen wie Glaube, Schicksal und Moral. Vor zu viel Tiefe kann und muss hier aber entwarnt werden, die meiste Zeit kratzt Ellis nur an der Oberfläche der genannten Themen und ein Großteil des Buches beschreibt schlicht die Zerstörungsorgien, die durch das Aufeinandertreffen dieser Götter hervorgerufen wurden. Das Anschneiden dieser Themen bewahrt „Supergod“ davor in einer reinen Materialschlacht zu enden, verführt aber auch kaum dazu etwas zu vermissen und nach mehr zu verlangen. Einzig bei der Figur des von Irakern geschaffenen Gottes Dajjal, der ähnlich wie Alan Moores Dr. Manhattan, die Zeitlinien der Zukunft wahrnimmt und für sich einzuordnen versucht, hätte man sich etwas mehr Platz gewünscht. Die Beschreibungen wie er das Kommende in all seinen Variationen wahrnimmt machen ungeheuer neugierig und gerade im Vergleich zu den ungewöhnlichen und kruden Bildern, welche das Kreativteam später auf seine Leser abfeuert ist es schade, dass Ellis es hier nur bei Erklärungen seitens Reddin belässt.

Mal Superheldengeschichte, mal H.R. Giger

An anderer Stelle wird dafür umso mehr gezeigt und sowohl Zeichner als auch Autor sind hier nicht mehr im Zaum zu halten. Auf mancher Seite sieht „Supergod“ dem üblichen Superhelden-Comic zum Verwechseln ähnlich; da kämpft ein US-Soldat mit übermenschlichen Kräften gegen einen sowjetischen Cyborg oder es liefert sich der indische Gott Krishna ein Blitze- und Messer schleuderndes Duell mit einem nordischen Gott, der glatt aus Asgard entsprungen sein könnte. Im völligen Kontrast dazu liefert das Kreativteam aber auch obskure Horrorszenarien. Denn wenn ein Gott riesige Gebilde aus verformten Menschen erschafft, ist das sicher nicht schön anzuschauen. Egal aber ob Superheldenkeilerei oder Horrorszenario, Gastonnys Strich fängt die Stimmung immer gut ein, auch wenn er keine Bilder für die Ewigkeit abliefert. Supergod fräst sich zwar mit einigen Panels ins Gedächtnis, die Perspektive und eigentliche Darstellung der Bilder bleibt aber immer nur Durchschnitt, was für diese Geschichte aber auch genügt.

Fazit

„Supergod“ ist jedem zu empfehlen, der Experimenten aufgeschlossen gegenüber steht. Leser werden hier weder den nächsten Watchmen voller Tiefe und Symbolik, noch ihren nächsten Lieblingscomic für den entspannten Nachmittag finden, aber kaum einen wird „Supergod“ wirklich enttäuschen. Der Drang zu wissen wies weitergeht ist groß und die Art des Erzählens, zumindest zu Beginn, packend. Daher sicher nichts zum mehrmals lesen, aber wer verzweifelt neuen und ungewöhnlichen Lesestoff sucht, findet hier seine Erlösung vom irdischen Leiden.

Zur Leseprobe

Supergod von Warren Ellis mit 140 Seiten erscheint bei Panini Comics. Preis: 16,95 Euro

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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