Stern 1: Der Totengräber, der Tramp und der Mörder

Ruhige Bilder, melancholisches Zurückblicken und ein wenig Detektivarbeit – die meisten Leser dürfte es zu „Stern“ wegen dem Cover in Western-Aufmachung ziehen, aber bleiben wird man wohl aus ganz anderen Gründen.

„Der Totengräber, der Tramp und der Mörder“ – oder so ähnlich?

Denn trotz der Clint Eastwoodschen Tagline entpuppt sich der Comic des Brüdergespanns Maffre schnell als gemächlicher Western-Krimi, ganz ohne die vielleicht erwarteten Showdowns, Verfolgungsjagden und rauen Revolverhelden. Denn schon Hauptfigur Elijah Stern ist fernab vom (Revolver)schuss was das Cowboy-Leben angeht: Der dünne Totengräber und Hobby-Pathologe wird von seinen Mitmenschen gemieden und flüchtet sich daher in Hochliteratur wie Moby Dick und Co. – ein Hobby, dass in dem verschlafenen Städtchen Morison, Kansas nur auf wenig Gegenliebe stößt. Als er zur „Abholung“ des verstorbenen Dorf-Trunkenbold ins örtliche Bordell gerufen wird, scheint für ihn also alles wie immer, allerdings findet er schnell heraus, dass wohl doch nicht die überforderte Leber am Tod ihres Besitzers schuld war. Die selbst angestellten Ermittlungen macht der ebenfalls selten nüchterne Lenny, ein Freund des Opfers, genauso schwierig, wie ein extra zur Beerdigung angereister Großbauer, der mit dem Verstorbenen so gar nicht im Reinen zu sein scheint.

Eine Brise zum zur Ruhe kommen, statt aufwirbelnder Staub-Derwisch

Selbst diese Beschreibung klingt allerdings fast noch zu „aufregend“, denn „Stern“ ist und will auch keine Mörderhatz mit Wendungen und falschen Fährten sein, zumindest nicht nur. Natürlich hat der Plot einige Überraschungen parat und die Geschichte endet mit dem (gut stern-totengraeber-1-bild-fuer-beitrag-2aufgelösten) Rätsel ums „Wer war es?“, aber die die Gebrüder Maffre sind an der Stimmung der Geschichte mindestens genauso interessiert, wie an ihrer Auflösung. Protagonist Elijah ist kein nervenzerfressener Besessener, der die Lösung finden muss, um nicht verrückt zu werden, sondern ein eher treibender Melancholiker, der sich zwar über die Abwechslung in seinem Alltag zu freuen weiß, mehr aber auch nicht. Dazu passen die oftmals leeren, fast schon staubtrockenen Panels, rund um Elijahs kleine Hütte, direkt neben seiner Arbeitsscheune und dem kleinen Stadtfriedhof. Leser und Figur verbringen viel Zeit mit wortlosen Grabarbeiten oder Herumstromern. Elijah könnte dabei in seiner Bedrückung einem Tim Burton-Film entsprungen sein, wenn auch ohne den optischen Wahnsinn – der schlacksige Körperbau und die verwachsene Friese allerdings passen. Dieses Gefühl untermauert auch die Seitengestaltung und Panel-Anordnung: Wenn wir eine ganze Seite verfolgen können wie Elijah Grabsteine in die Erde schlägt und sich damit abmüht einen Sarg alleine ins Erdreich zu betten, hat dies mehr charakterisierendes als jeder zeilenlange Monolog. „Stern“ wird an diesen Stellen auch nie langweilig, dafür sorgt auch eine fast schon filmische Blickführung. Zeichner Julien Maffre räumt selbst einer kleinen Entdeckung oder Aufmerksamkeit gerne mal gleich mehrere Panels ein, um Elijahs Erkenntnisse deutlich zu machen. Dies ist gewollt unspektakulär und dürfte den Band für den action-orientierten Western-Fan sicher uninteressant machen, sorgt auf der anderen Seite aber für eine fast schon meditative Ruhe und einen Erzählstil, der sich von vielen anderen aktuellen Veröffentlichungen gänzlich abhebt.

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Zeigen durch Reden?

Dazu kommt ein Cast an facettenreichen Charakteren, der sich im perfekt angepassten Tempo im Laufe der Handlung entfaltet. Wo manstern-totengraeber-1-cover den verbliebenen Säufer Lenny schnell als den Störer der Geschichte ausgemacht hat, erweist sich dieser alsbald als komplexere Figur mit Tiefen, ohne dabei in zu gut gewollte Klischees abzudriften; Jeder in „Stern“ hat seine Probleme, aber auch seine Stärken und beide Seiten stehen im ständigen Konflikt miteinander. Die simple „Hure mit dem Herz aus Gold“ wird man hier also genauso wenig finden, wie den eindimensionalen Bösewicht im Sklaven- und Großgrundbesitzer James Colquitt. Diese Ausdefinierung findet dabei zu größten Teilen in äußerst treffenden Dialogen statt, die nie fremd, nie unpassend, nie predigend wirken und dennoch immer die Handlung vorantreiben, etwas über die Figuren aussagen oder die Grundstimmung weiter ausbauen. Toll! Und um bei „Toll“ zu bleiben: Dass dies aus dem Französischen nicht verloren ging ist der guten Übersetzung zu danken. Für „Stern“ zeigt sich dabei wieder Tanja Krämling verantwortlich, deren Arbeit mich zuletzt erst in Nicolas Jarrys „Zwergen“-Saga überzeugen konnte. In meinen Augen dringend erwähnenswert in Zeiten wo doch noch zu viele deutsche Veröffentlichungen mit einer vielleicht nicht schlampigen, aber kruden und gerne mal ungelenken, Übersetzung zu kämpfen haben.

Fazit:

Mit ihrem „Stern“ ist den Brüdern Maffre ein atmosphärisches Kleinod gelungen, dass mit einer Selbstsicherheit bei Wort und Bild gegen die Erzähl-Konventionen geht, als hätten die Zwei den franko-belgischen Comic miterfunden! Der Fan des „tatsächlichen“ Western, ob im klassischen John Wayne-Gewand oder im zynischen Spaghetti-Poncho, dürfte hier eher fehl am Platz sein und auch wer für den großen Krimi-Plot zum Band greift, darf hier keinen zweiten „Se7en“ erwarten. Stattdessen ist „Stern“ eine exzellente Übung in Stimmung, Dialog und Charakterisierung, der vielleicht keine Grenzen niederreißt, aber dennoch willkommene Frische und Abwechslung mitbringt. Zwischen all den handlungsgetriebenen Fantasy- und Mittelalterstoffen im restlichen Verlagsprogramm ist dieser Comic mit „Anders“ wahrscheinlich am Treffendsten beschrieben und für Interessierte auf jeden Fall einen Blick wert.

zur Leseprobe

„Stern Band 1 – Der Totengräber, der Tramp und der Mörder“ erscheint bei Splitter im Hardcover, 64 Seiten, 15,80€. Autoren: Frédéric und Julien Maffre
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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