Spider-Woman 1: Geburt mit Hindernissen

Mutti werden ist nicht schwer, Mutti sein dagegen sehr – das muss auch Jessica „Spider-Woman“ Drew lernen. Wobei die Superheldin mit Skrull-Invasionen bei der Vorsorge-Untersuchung eventuell das tatsächlich schwerere Los gezogen haben könnte.

Der Alltag einer Schwangeren: geschwollene Füße, seltsamer Appetit und Aliens in der Ambulanz

Jessica Drew, ehemalige Agentin für Hydra oder Regierungsorganisationen, aber schon immer Spider-Woman, steht ihre wohl noch schwerste Aufgabe bevor. Denn, wo die vielen Kleinstganoven und C-Liga Schurken für die toughe Tarantel keine großen Schwierigkeiten darstellen, hat selbst die Superheldin noch kein Patentrezept gegen drückende Blase, drückende Langweile und drückende Sorgen gefunden, die Madame während der Schwangerschaft befallen. Ihr Besty Captain Marvel ist so hilfreich wie schadenfroh, unterkriegen lassen will sich Drew aber nicht – auch nicht als sie im Wartezimmer eines interdimensionalen Krankenhauses Opfer einer Skrull-Geiselnahme wird. Spider-Woman verschanzt sich mit den anderen werdenden Muttis auf der Station, krempelt die Ärmel hoch und ist bereit nochmal Superheldin zu spielen; selbst wenn es im Bauch schon kicken und rumoren sollte.

Eine Wuchtspider-woman-1-bild-fuer-beitrag-1

Auf den ersten Blick ins Auge stechen dürfte den meisten Lesern, neben dem ALLES zusammenfassenden Cover-Motiv, sofort Javier Rodriguez perfekt treffender Zeichenstil. Der Spanier pinselte bereits Mark Waids viel gelobten Ausflug ins „Daredevil“-Universum und konnte damals schon mit ausdrucksstarken Gesichtern, dynamischer Bewegung und „Panel-in-Panel“-Erzählungen glänzen. Wo Rodriguez und Co. bei Waids Ausgaben des Mannes ohne Furcht zwar ebenso schöne aber gesetzte Bilder aufs Papier zauberten, gehen der Spanier und Tuscher Álvaro López diesmal in die fulminanten Comic-Vollen. Spider-Woman ist buntester Comic, wie ich ihn lange nicht mehr in den Händen hatte und noch länger nicht mehr so viel Spaß daran haben durfte. Jede Szene könnte im Skript von Dennis Hopeless noch so ein solides Fundament bekommen haben, lebendig, mitreißend und toll wird Jessica Drews Ausflug erst in den Zeichnungen. Ein Großteil dazu tragen auch die poppigen Farben, anfangs von Rodriguez selbst, später von Rachelle Rosenberg, bei – die koboldgrünen Skrulls in ihren lila Anzügen, ein Spaziergang mit Kugel unterm Bauch und im Eisbecher oder die verrücktesten Alien-Oasen; Was hier an Schauwert aufs Papier gezaubert wird, dürfte viele, viele Leseabende überdauern.

Kein K.O. trotz Schwangerschaft

Zum letztendlichen Doppelschlag tragen neben dem tollen Artwork auch das gelungene Skript von Autor Dennis Hopeless bei, super übersetzt von Gerlinde Althoff. Hopeless, der noch gar nicht all zu viele Arbeiten in seinem Portfolio versammelt hat, geht bei Spider-Woman mit einer Leichtigkeit zur Sache, die selbst für einen jahrelangen Veteran keine Selbstverständlichkeit darstellt und das trotz der, wenn nicht schwierigen, dann immerhin ungewohnten, Aufgabe eine lebhafte Geschichte um eine schwangere Superheldin zu erzählen. Hopeless hält den Ton dabei locker, gibt Drew als Detektivin und „Ausbilderin“ auch abseits von klassischen Superheldengeschichten genug zu tun und lässt seine Spider-Woman während der folgenden Skrull-Geiselnahme ja dann doch noch einen Ausflug in gewohnte Formate machen. Zweifel, Ängste und der Baby-Bauch sind dabei natürlich immer, eigentlich schon ÜBER-Präsent, allerdings legt der Autor auch hier eine spider-woman-1-coverLockerheit an den Tag, die auch den gestandenen Comic-Macho interessieren können sollten. Denn statt bloß langweilige Schwangerschafts- und Frauenklischees im Superheldenkostüm abzufeiern, kann Drew über all ihre Problemchen und sich selbst sorgenfrei lachen, ohne albern oder unseriös zu wirken. Von gefürchteten „Sex and the City“-Ideen ist diese Darstellung also meilenweit entfernt. Das gilt auch für die toll auserzählte Freundschaft zwischen Jessica Drew und Captain Marvel. Die Weltraum-Polizistin macht als oft präsenter Nebencharakter und beste Freundin mit einen Großteil des Charmes aus, den Spider-Woman in seine Seiten zu zwängen weiß. Wollte man einen Vorwurf machen, würde dieser wohl bei Drews fast schon zu kompetenten Auftreten landen. Auch hier weiß Hopeless eigentlich alle Betten zu schaukeln, wer sich allerdings im letzten Star Wars daran störte, dass Rey fast schon perfekt schien („Alles nur, weil sie ein Mädchen ist!“) könnte evtl. auch in „Geburt mit Hindernissen“ diesem Gefühl auf den Leim gehen.

Fazit:

Mit einem Cover das neugierig macht hatte Spider-Woman 1 zu liefern – und OH, wie er zu liefern wusste! Denn was Spaß und Leichtigkeit verspricht ist es dann letztendlich auch, dank knalligen Farben, dank interessantem Bildaufbau, dank schmunzelndem Herumalbern zwischen Jessica Drew und Carol Danvers. Jeder der Bock auf die Prämisse, Bock auf Leichtigkeit und Bock auf einen Comic zum Immer-Wieder-Lesen hat, der sollte sich diese Babyjahre nicht entgehen lassen. Die Vorfreude auf das zweite Comic-Kind der Spinnenfrau ist bei mir also entsprechend hoch!

„Spider-Woman 1: Geburt mit Hindernissen“ erscheint bei Panini Comics im Softcover, 124 Seiten, 16,99€. Geschrieben von Dennis Hopeless, gezeichnet von Javier Rodriguez
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

Share This Post On

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*