Shi 1: Am Anfang war die Wut

Hat sich mit „Shi“ tatsächlich noch, so kurz nach Jahresende, ein möglicher Kandidat für den besten Comic des Jahres 2017 eingeschlichen?

1851, London, im Herzen des weltgrößten Empires, die Weltausstellung – ein kultureller und technologischer Höhepunkt, möchte man meinen. Unter all den fantastischen Glasfassaden brummt das Leben, auch die englische High Society lässt sich den Besuch natürlich nicht nehmen, darunter auch die angesehene und wohlhabende Familie Winterfield. Das Nesthäkchen des Clans muss sich dabei regelmäßig von Vater, Bruder und anderen Verwandten belächeln lassen, will sie sich mit ihren ungewöhnlichen Interessen wie der Fotografie doch so gar nicht dem zeitlichen Damenbild unterordnen lassen. Das Bestaunen der Weltausstellung wird dabei aber je gestört, als es zu einem Zwischenfall mit einer fremden Japanerin kommt, die dabei wohl nur in Ruhe um ihr totes Baby trauern möchte. Von hier an abwärts führt „Shi“ in ein bedrückendes Szenario, um eine von Dekadenz und Arroganz gesteuerte Gesellschaft zu zeichnen und welche Folgen sie für all jene bereithält, die nicht bereit sind nach den Regeln des Establishments zu spielen. Aber was hat das alles mit einer in der Moderne angesiedelten, parallel angeschnittenen Geschichte um einen skrupellosen Waffenhersteller zu tun?


Zeichnerische Karnevaleske ohne Grund zum Lachen

Dass das viktorianische England optisch allerlei zu bieten hat, dürfte dem zugeneigten Leser dank Steampunk, Jack the Ripper, Sherlock Holmes und und und längst bewusst sein. Auch „Shi“ gestaltet sich auf den oberflächlichsten Blick bereits ziemlich abwechslungsreich, von der Weltausstellung ins Innere prunkvoller Herrenhäuser des Adels über nächtliche Verfolgungsjagden sogar bis hin zu einem heruntergekommenen Irrenhaus. Vorweg ist der Comic dabei stellenweise einfach wunderschön, gerade was Lichtstimmung und Farbenspiele angeht. Ob das fast schon blutige Rot eines Fotolabors oder einer im Schatten gefeierten Geheimverbindung, José Homs weiß stets eine Ausleuchtung aufs Papier zu zaubern, die man spüren zu können glaubt. Das absolute A und O findet sich allerdings im Design der Figuren und ihren Mimiken. Homs gelingt hier der perfekte Spagat um die in der Handlung angelegten Zwischentöne auch im Bild zu transportieren. Die Männergesellschaft rund um Jennifers Vater erscheint in den entscheidenden Momenten genauso diabolisch und intolerant, wie sie an anderer Stelle wieder normal und harmlos wirkt und sich so vor einer allzu klischeehaften Teufelsfratze retten kann. Selbiges gelingt ihm auch in genau umgekehrter Richtung, die Protagonistinnen werden situationsbedingt mal entblößt, verwundbar und unterlegen gezeichnet und tragen dann wieder ausdrucksstarke Minen, Körperhaltungen und nehmen aktiv Einfluss auf die Geschichte und ihre Umwelt. An diesem so wichtigen Spagat versagen regelmäßig auch die besten Künstler; gerade bei einer Geschichte die sich so viel um weibliche Figuren und die Rolle der Frau in einer einzwängenden Gesellschaft dreht, kann man der Handhabung dieser Spurwechsel nur gratulieren. „Shi“ würde schlichtweg nicht funktionieren, komplett auseinanderfallen, wenn andere Figuren und im erweiterten Kontext der Leser, hier nur der gezeichneten Fleischbeschau frönen könnten und einige Seiten später würde, ohne einen merklichen Wechsel im Stil, plötzlich verlangt diese gleichen Figuren als heldenhafte Streiterinnen für Rache und/oder Gerechtigkeit wahrzunehmen.

Wie ein Blatt im Wind

Die Story, welche Zidrou hier erzählen möchte, schlägt dabei ähnliche Haken und baut vergleichbare Brücken. „Shi“ will sich über viele Seiten des ersten Bandes gar nicht richtig einordnen lassen und das macht einen großen Teil des Lesespaßes aus; die Geschehnisse auf der Weltausstellung sind, gemessen für einen Abenteuer-Comic, ein klares Understatement. Hier gibt es zunächst keine großen Konflikte und Bösewichte, es geht stattdessen um alltäglichen Rassismus und die kleinen Gemeinheiten im Alltag des englischen Empires. Demgegenüber steht allerdings gleichzeitig das grotesk-mysteriöse Gebären einiger Nebenfiguren. Abseits der Haupthandlung nimmt sich Zidrou einige Seiten Zeit, um das Geschehen auszuerzählen und wirft dabei fast so viele Fragen auf wie er gerade beantwortet hat. Während sich dieses Geschehen dramatisch immer weiter zuspitzt, hat defr Leser immer noch die ersten Seiten der Parallelhandlung in der Neuzeit im Kopf, die doch irgendwie mit all diesem Geschehen verworren scheint. Letztendlich erzählt Zidrou mit einer beinharten Gnadenlosigkeit gegenüber seinen Figuren weiter bis zum Schluss des Bandes, erwischt hier den perfekten Ausstiegspunkt, ohne auf platte Cliffhanger-Klischees zurückgreifen zu müssen. „Shi“ wirkt für diesen Moment auserzählt und bereits wie ein rundes Leseerlebnis, dass diese erste Episode zu einem Ende führen kann und es dem Leser ermöglicht erste Schlüsse über das größere Geschehen zu ziehen. Und gleichzeitig öffnen die letzten Seiten eine Welt, die dazu einlädt selbiger über viele, viele Bände folgen zu wollen. Mit dem Potenzial in alle Richtungen ausschlagen zu können, sich in vielen Genres zu Hause zu fühlen und völlig unterschiedliche Konflikte zu liefern. Das ist ein Erstling der sich gewaschen hat und spannender nicht sein könnte.

Fazit:

„Shi – Am Anfang war die Wut“ ist eine Wucht, anders lässt es sich nicht sagen. Dabei muss Autor Zidrou gar nicht allzu vieles neu erfinden, kann sich sogar Figurenstereotypen oder bekannten Erzählmitteln bedienen. Die Finesse liegt dabei in der Kombination dieser Mittel selbst und einem fantastischen Feingespür für die richtigen Zwischentöne. Zusammen mit den mal karikaturesken, mal brachialen, aber immer atmosphärischen Zeichnungen Homs, entsteht dabei eine Mixtur, die oberflächlich pulpiges Abenteuer sein könnte, eine Ebene darunter aber das Potenzial offen legt im rechten Moment emotional zuzuschlagen wie der Tod des Lieblingscharakters in „Games of Thrones“. Bitte, bitte mehr davon. Und zwar schnell.

zur Leseprobe
„Shi 1 – Am Anfang war die Wut“ erscheint im Splitter Verlag im Hardcover, 56 Seiten, 14,80€. Von Zidrou und Homs.

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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