Sherlock Holmes: Crime Alleys

Eine Welle will geritten werden – und die um den genialen Detektiv Sherlock Holmes gehört im Moment zu den ganz großen. Autor Sylvain Cordurié gelingt es zwar nicht, den Mythos des genialen Schnüfflers neu zu definieren, ein spannender Comic ist trotzdem dabei herausgekommen.

Die Kriminalität greift um sich

Unsicherheit herrscht in Englands Hauptstadt. Als Vorbild für Sicherheit kann man das London des 19. Jahrhunderts ohnehin nicht bezeichnen, doch davon sind in der Regel eher die unteren Klassen betroffen. Nun jedoch verschwinden reihenweise Vertreter der Oberschicht spurlos. Menschen, die es durch ihre besonderen Fähigkeiten zu Ruhm gebracht haben. Scotland Yard steht unter Zugzwang. Widerwillig ziehen sie den als ebenso unkonventionell wie genial geltenden jungen Detektiv Sherlock Holmes zu Rate. Was für den Exzentriker anfangs ein amüsantes Experiment ist, wird bald zur persönlichen Angelegenheit, als auch einer seiner besten Freunde entführt wird. Auf der Suche nach den Tätern begegnet ihm ein Name, meist nur voller Furcht geflüstert: Moriarty.

Ein Kampf gegen den Hochadel des Verbrechenssherlock_cover

Nach einem eher schleppenden Intro entwickelt sich eine phantasievolle Geschichte, die mit einem spannenden Finale aufwarten kann. Die Handlung ist in sich schlüssig, kann sich jedoch nicht ganz dem ein oder anderen Klischee erwehren. So findet sich auch hier der alte Hut vom Bösewicht, der in dem Moment, in dem er eindeutig die Oberhand hat und den Helden umlegen könnte, es vorzieht die Sache künstlich in die Länge zu ziehen, um dem Protagonisten doch noch die Möglichkeit zu geben, sich zu wehren. Absolut gelungen ist jedoch das kriminelle Imperium der Moriartys. Der Kopf dieser Verbrecherdynastie ist hier noch nicht Professor James Moriarty sondern sein Vater, der sich mit unnachgiebiger Härte nach oben gekämpft hat. Sein ungewöhnliches Handelsmodell, das im Zentrum des Mysteriums um die Entführungen steht, demonstriert die volle Unmenschlichkeit eines Systems, in dem der einzige Wert die bare Münze ist. Der Umstand, dass die Machenschaften im Untergrund von London scheinbar auch vom Königshaus und anderen Mitgliedern von Polizei und Regierung toleriert oder gar gefördert werden, macht den Aufstand gegen die Moriartys zu einem spürbar gefährlichen Unterfangen.

Enttäuschungen und Glückstreffer, wo man keine erwartet

Leider enttäuscht besonders der Titelheld die Erwartungen. Wie für die meisten aktuellen Darstellungen des Detektivs verfügt Sherlock auch hier über ein ziemlich gesundes Ego und betont immer wieder seine intellektuelle Überlegenheit. Wo sonst aber auf Behauptungen auch Taten folgen, sind die tatsächlichen Demonstrationen seiner Deduktionskunst hier eher dürftig und gewöhnlich. Dass er seine Freunde von oben herab behandelt, macht ihn geradezu unsympathisch. Mit Fortlauf der Handlung wird er jedoch deutlich einnehmender und kann sich als exzellenter Kämpfer wieder und wieder beweisen. Auch Professor Moriarty als zukünftiger Strippenzieher der Unterwelt ist hier nicht der schillernde Charakter den man sich erhofft. Sein Vater ist der kühl kalkulierende Machtmensch, den man als Leser voller Abscheu bewundert, der Sohn ist eher ein unüberlegt handelnder Hitzkopf. Voller Gewaltpotential steckt er trotzdem. Neben Moriarty Senior ist auch Tyron eine starke Figur. Der ehemalige treue Anhänger des Moriarty Imperiums auf Rachefeldzug wird zu einem Antihelden, mit dem man mitfiebern kann. In diesem Comic findet man die spannenden Charaktere, eben nicht dort, wo man sie erwartet, während die klassischen Größen ihrem Potential hinterherhinken.

Liebe zum Detail

Zeichner Alessandro Nespolino hat saubere Arbeit geleistet, optisch ist der Comic sehr ansprechend. Viel Mühe wurde darauf verwandt, das viktorianische London und seine Bewohner zum Leben zu erwecken. Besonders Kleider und Gebäude wirken sehr authentisch. Die Farbgebung, gestaltet von Axel Gonzalbo, trägt maßgeblich dazu bei. Die gedeckten Braun-, Blau- und Grüntöne zeigen die Stadt, die sich mitten im industriellen Umbruch befindet, als wenig heiteren und sicheren Ort.

Fazit

Sherlock Holmes – Crime Alleys ist durchaus lesenswert und kann mit einigen spannenden Kämpfen und originellen Ideen aufwarten. Mit der ein oder anderen Schwäche, besonders in der Gestaltung der Charaktere, muss man sich jedoch arrangieren.

zur Leseprobe

Sherlock Holmes: Crime Alleys von Sylvain Cordurié und Alessandro Nespolino ist im Splitter Verlag als Hardcover erschienen. Preis 19,80€ Umfang 96 Seiten
M. Lehn

Author: M. Lehn

Comics mochte ich eigentlich schon immer sehr gerne, zum klassischen Marvel/DC Superheldencomic habe ich aber relativ spät gefunden. Dafür ist meine Begeisterung jetzt umso größer! Meine große Leidenschaft waren allerdings immer Filme, mit der aktuellen Schwemme an Comicverfilmungen bin ich also mehr als glücklich!

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