Sensei 1: Die Schule der einsamen Wölfe

Erst „Samurai“ jetzt … immer noch Samurai, dafür diesmal unterwegs im Mittelalter Chinas. Der vom fernen Osten scheinbar faszinierte Jean-Francois Di Giorgio erzählt in „Sensei“ von einer Katana schwingenden Kriegerin, die es zu einer Eskort-Mission ins fremde China verschlägt.

Eine Nacht, die alles verändert

Das frisch verliebte Pärchen um die junge Nuo und den frechen Kang Jie hatten sich von ihrem beschaulichen Abend unterm Sternenhimmel sicher anderes erhofft, überhören sie doch ungewollt die Vertuschung eines Mordes auf höchster Ebene – und finden sich daher kurz darauf auf der Flucht vor einigen Schergen höchster Beamter wieder. Dabei laufen sie der fremd-gekleideten Yukio in die Hände, welche die Verfolgungsjagd mit einigen Schwerthieben vorerst beendet. Es ist unklar, was die Samurai hierher verschlagen hat, sie nimmt die Beiden aber unter ihren Schutz, um sie vor den Häschern des lokalen Gouverneurs zu beschützen.


Detailverliebte Unterschiede fürs geschulte Auge

Zeichner „Vax“ der mit seiner Zeichenarbeit an der Sci-Fi Serie „Yiu“ einem breiteren Publikum bekannt geworden sein sollte, wechselt mit „Sensei“ von der cyberpunkigen Dystopie zum märchenhaften Mittelalter Asiens. Das generelle Art- sowie Charakter-Design dürfte Genre-Fans dabei voll überzeugen, was Kostüme und Umgebungen angeht atmet „Die Schule der einsamen Wölfe“ das asiatische Thema in vollen Zügen. Die Gangsterbande auf der Jagd nach dem Protagonisten-Trio könnte mit ihrem schmutzig, behelfsmäßigen Äußeren einem „Sieben Samurai“ entsprungen sein, ein Holzfäller-Gespann das eine kleine Nebenrolle einnimmt erinnert ebenfalls stark an Kurosawas „Rashomon“. Wer schon immer China und Japan eher in einen Topf geschmissen hat, wird hier wenig finden, dass ihm hilft die doch kolossalen Unterschiede zu begreifen. Interessierte allerdings werden sich über die kleinen Feinheiten bei Kleidung, Rüstungen und Set-Design sicher freuen. Dabei helfen auch die poppigen Farbkontraste, welche die einzelnen Schauplätze atmosphärisch und unterscheidbar halten – das dreckige grün-braun der Landschaften steht im krassen Gegensatz zu den Regierungsbezirken, in denen feinste Gewänder in gelb sowie rot akzentuierende Lippen und Schminke die Hauptrolle spielen. Perfekt abgerundet wird die Optik durch stilisierte Gesichtszüge, die genau so viel auszudrücken wissen, was sie müssen sowie eine gelungene Perspektivwahl bei eher action-lastigen Panels; einem „Indiana Jones – Tempel des Todes“-Zitat inklusive.


Tolles Gewand, wenig darunter

Leider kann Autor Di Giorgio diese ansehnliche Fassade nicht mit einem gelungenen Gerüst untermauern. Denn aus seiner Prämisse „Samurai im alten China“ macht „Sensei“ schon mal absolut nichts – es wird weder darauf eingegangen, wie zwei junge Chinesen überhaupt in der Lage sind mit einer Japanerin zu kommunizieren, noch werden kulturelle Unterschiede irgendwie herausgearbeitet und in Bezug zueinander gestellt. Das bezieht sich jetzt nicht nur auf fehlende Gespräche am Lagerfeuer oder Comedy-Elemente einer Fish-Out-Of-Water Story. Auch in den Action-Szenen spielt Yukios Herkunft scheinbar keine Rolle, Banditen und Handlanger kommentieren kurz, wer diese fremde Person ist, die vor ihnen steht und einen Schwertstreich später ist alles wieder vorbei. Wo sind die Momente, die japanische und chinesische Kriegskunst einander gegenüberstellen? Wieso bleibt es unkommentiert ob und in wie fern das Katana der chinesischen Jian-Klinge vielleicht überlegen ist, was es bedeutet eine Geschulte der historisch vielleicht bedeutsamsten Kriegerkaste einer Horde kulturell fremden Gesindel gegenüber zu stellen? Ob diese oder eine völlig andere, mehr pulpige Richtung, „Sensei“ unterbaut sich selbst mit keinem klaren Ton; Ein Umstand, der besonders dann schmerzlich wird, wenn die restliche Geschichte vor Klischees nur so strotzt und alle Figuren damit um ihren emotionalen Kern entleert. Die Beziehung zwischen Nuo und Kang Jie hat keinerlei Charme, dafür sind beide zu eindimensional und auch im Zusammenspiel mit Yukio liefert Di Giorgio wie gesagt fast nichts. Dazu kommen Twists und Entwicklungen, die jeder Leser schon hundert Mal gesehen haben dürfte, sowie ein erzählerischer Einsatz von Nacktheit und Erotik, der sich in der Stimmung des Bandes stets fremd und aufgesetzt anfühlt – ob das unnötige Entblößen des weiblichen Mordopfers direkt auf Seite 1 oder Kang Jies Avancen bei Sternenlicht, die vielleicht romantisch rüberkommen sollen, aber mit creepy deutlich besser umschrieben sind. „Sensei“ wirkt in diesen Momenten unnötig pubertär und auch die zwar wenigen, dafür aber deutlichen Übersetzungsfehler an manchen Stellen schaden dem Gesamteindruck des Bandes unnötig.

Fazit:

Der erste Band dieser neuen Reihe ist eine eher bekannt-typische, dadurch aber nicht minder frustrierende Ausgeburt. Stiftführer Vax pinselt hier Gelungenes aufs Papier, das Design bei Landschaften, Figuren und Set-Pieces dürfte alle Genre-Fans überzeugen, ob in den effektiv-knackig kurzen Actionszenen oder schön eingefärbten Momenten der Ruhe. Andererseits langt die tolle Optik zu keinem Moment aus, um das spindeldürre Story-Modell darunter zusammenzuhalten. Jean-Francois Di Giorgio hat seiner interessanten Grundidee absolut nichts Neues abzugewinnen, erzählt stattdessen eine klischeebeladene Abenteuer-Geschichte rund um Flucht und Selbstaufopferung, die aber aufgrund ihrer eindimensionalen Figuren nicht einmal in den finalen Momenten an Lesers Herz zu appellieren weiß. Schwer zu sagen, für wen sich das Ganze vielleicht sinnvoll zusammenfügen ließe, der naive Erzählton könnte eventuell noch eine jüngere Generation ansprechen, dagegen positioniert sich „Sensei“ jedoch selbst mit seinem unnötigen und ungelenken Erotik-Einsatz. Mehr als sonst sei hier die Leseprobe vor der Kaufentscheidung nah gelegt.

zur Leseprobe
„Sensei 1: Die Schule der einsamen Wölfe“ von Jean-Francois Di Giorgi und Vax erscheint bei Splitter im Hardcover, 48 Seiten, 14,80€

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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