Roma 1: Der Fluch

Den französischen Zeichner Gilles Chaillet als Rom-Fanboy zu bezeichnen ist wohl noch weit untertrieben. Der Fan voller Herzblut für die alte Republik hatte eine mehrbändige Saga über die ewige Stadt, vom Anbeginn auf den sieben Hügeln bis hin zu einer fantastischen Zukunft, geplant bevor er 2011 überraschend verstarb. Splitter veröffentlicht mit „Roma – Der Fluch“ nun den Ersten von geplanten 13 Bänden in dem Chaillets Autoren- und Zeichnerkollegen sein Erbe antreten, um seine große Idee doch noch zu Papier zu bringen.

Die Geschichte des großen Roms beginnt … mit Troja!

Man möchte glatt auf die Idee kommen sich im Regal vergriffen zu haben, denn mit Rom hat „Roma 1“ auf den ersten Blick herzlichst wenig zu tun. Stattdessen finden wir uns in einer mindestens genauso bekannten Stadt, dem antiken Troja wieder und das, natürlich, auch zu dem aufregendsten Zeitpunkt Roma 1 - Bild für Beitrag 2– Der Belagerung Trojas durch einen Zusammenschluss der Griechen. Denn „Roma“ möchte soweit zu den Anfängen zurückgehen, dass es sich sogar dem Gründungsmythos der Stadt bedienen möchte und dafür muss eben „kurz“ noch der gesamte trojanische Krieg abgehandelt werden bevor gegen Ende des Bandes das Brüderpaar Romulus und Remus überhaupt zum ersten Mal am Wolfsnippel saugen darf. Mythologisch nämlich, soll ein Überlebender des trojanischen Königshauses, Aeneas, nach seiner eigenen kleinen Odyssee bei den sieben Hügeln gelandet sein und die ewige Stadt gegründet haben. Der Großteil des Bandes behandelt damit die beiden trojanischen Adligen Leonidas und Aquilon, die sich munter den Griechen entgegen werfen und auch mal versuchen der Heldenlegende Achilles seine Fahne zu stehlen. Allerdings verdienen sich Troja und seine Charaktere nur all zu bald den Banduntertitel „Der Fluch“, nehmen sie doch auf Geheiß von zwei merkwürdigen, aber wunderschönen Schwestern, eine unheimlich anmutende Statue, das Paladium, an sich. Denn die Statue ist Segen und Fluch zugleich, sie würde Troja genauso lange schützen, wie das Gebilde die Stadt nicht verließe – eine Einladung also für die belagernden Griechen, die nun schon seit Jahren einen Weg suchen Troja zu Fall zu bringen.

Irgendwo zwischen History und … Mythosery

Es ist spaßig zu sehen wie munter „Roma – Der Fluch“ zwischen Fakt und Fiktion wandelt, denn hier finden sich die ja schon bereits mythischen Ideen des trojanischen Krieges den es in der von Homer beschriebenen Art sicher nicht gegeben hat, plötzlich neben klar erkennbaren Fantasy-Elementen wie ein sein Umfeld verdunkelndes Paladium wieder. Mit dieser Tradition fahren die Kreativen sichtbar gut, bedienen sich dem Fantastischen dann, wenn es der Geschichte Würze zu verleihen weiß, versuchen aber weiterhin ein möglichst realistisches Bild der Antike zu vermitteln. Wer also ein „Manifest Destiny“ oder „Ulysses 1781“ im trojanischen Krieg erwartet, nur weil hier von einigen Fantastereien die Rede ist, irrt; wie so einige Splitter-Veröffentlichung ist die Serie, vorerst, eher im realistischen Genre anzuordnen. Das dürfte die Historiker unter den Comic-Lesern genauso freuen wie die Mythiker, gerade die Aufbereitung der Sage rund um trojanische Flüchtlinge, ein erster Abstecher zum späteren Erzfeind Karthago und die letztendliche Gründung in Italien, die sich angenehm zwischen erwähnter Phantasie und Historizität bewegt, dürfte Neugierigen einen interessanten Einstieg bieten und auch nach dem Umblättern der letzten Seite zu so mancher Google-Suche führen. Was vielleicht gar nicht nötig sein sollte, denn „Roma 1“ kommt mit einem mehrere Seiten umfassenden Appendix, der sich genau mit diesen Fragen beschäftigt und zusätzlich einige Illustrationen vereint.

Roma 1 - Bild für Beitrag lang

Laientheater mit schönem Bühnenbild?

Um Chaillets Konzept umzusetzen hat sich eine gleich dreiköpfige Gruppe an Autoren (Eric Adam, Pierre Boisserie, Didier Convard) mit dem Zeichner Régis Penet zusammengetan, für die Farben ist Nicolas Bastide verantwortlich. „Roma“ dürfte sich als Roma 1 - CoverKonzept besonders daher als tauglich erwiesen haben, weil Chaillet bereits mit seinem Bilder-Sachbuch „Das Rom der Kaiserzeit“ seine Detailverliebtheit zur Stadt aufs Papier zauberte und deshalb interessant wäre, wo der Zeichner mit einer vollkommen eigenen Geschichte hingegangen wäre. Penet und Bastide scheinen gute Kandidaten zu sein um Chaillet zu beerben, Details und Licht/Schattenspiel machen Lust auf mehr, selbstbewusste Designentscheidungen was die Umsetzung des Paladiums oder des trojanischen Pferds angehen, lassen optimistisch in die Zukunft blicken. Denn den wirklichen Beweis bleibt uns „Der Fluch“ noch schuldig, befinden wir uns denn einerseits ja noch mit dem Schauplatz Troja in einer ganz anderen Stadt und sehen andererseits auch von dieser storybedingt selbst bis zu ihrem Untergang nicht wirklich viel. Das große Stadtleben, besonders in Rom, das pulsiert, atmet und einnimmt, fehlt also noch gänzlich, was eigentlich dem Kern des Konzepts von Chaillet widersprechen würde. Andererseits darf der geduldige Leser „Roma 1“ gerne als genau das sehen was es sein will, der Einstieg, wenn auch vielleicht ein etwas langsamer, mit aber guten Aussichten was die zeichnerische Ideenumsetzung in kommenden Bänden angeht. Etwas anders sieht die Sache bei der Autorenarbeit aus, hier kommen gerade die Dialoge wortwörtlich „antik“ daher. Das mag zu einem großen Grad sogar der Atmosphäre zuträglich sein, kann aber auf der anderen Seite genauso nerven und langweilen. Denn wie ein überexpressives Theaterstück, wo jede Zeile und Geste einnehmend sein soll und muss, um auch das Publikum in den hinteren Reihen zu erreichen, so sagt auch „Roma 1“ gerne mal viel zu viel, viel zu platt. Dies fällt besonders durch den großen Fokus des Bandes auf die beiden Trojaner und Freunde Aquilon und Leonidas auf, deren Freundschaft statt ausgestellt und präsentiert, lieber mit großen, klumpigen Worten beschworen wird. Aber auch hier gebe ich „Roma“ als Gesamtserie sehr gerne noch die Chance der nächsten Bände, dass die Erzählung noch etwas zugänglicher werden kann.

Fazit:

Knapp verpasst „Roma – Der Fluch“ dem tollen Serienkonzept eines Roms vom antiken Anfang bis zur futuristischen Ferne, einen knackigen Einstiegspunkt zu geben – dafür sind die Dialoge um unsere etwas zu flachen Helden noch zu hölzern und von der Schönheit einer lebendigen Stadt sehen wir dank des eher versandeten trojanischen Krieges noch nicht viel. Allerdings wissen gerade auf der optischen Seite Zeichner Penet und Colourer Bastide einen Vertrauensvorschuss für die kommenden Bände zu säen, denn was „Roma“ noch nicht ist, kann es noch durchaus werden. Komplettisten, die sich mit einem gemächlichen Einstieg anfreunden können, dürfen trotzdem zugreifen, auch dank des netten Bonus-Materials am Ende des Bandes. Alle Anderen warten noch die nächsten ein bis zwei Bände ab und greifen dann vielleicht später zum Anfang zurück, denn laut Splitters eigener Aussage, sollen die kommenden Bände auch gut für sich stehend lesbar sein. Und es wäre doch schade eine interessante, auf 13 Bände(!) ausgelegte Reihe, keines Blickes mehr zu würdigen, nur weil der Einstieg sich eher im bequemen Mittelfeld ansiedelt

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„Roma 1 – Der Fluch“ erscheint bei Splitter im Hardcover, 64 Seiten, 15,80€. Von Gilles Chaillet, Eric Adam, Pierre Boisserie, Didier Convard und Régis Penet
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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