Reinhard Kleists Antworten

Hier sind Reinhard Kleists Antworten auf eure 10 Fragen. Viel Spaß

1.DonnieB: Ich würde gerne wissen ob die Arbeit an “Der Boxer” Ihnen schwer gefallen ist. Ich meine eine so grauenvolle Zeit zu zeichnen muss doch anstregend sein und einem mit nehmen?

Wenn ich arbeite denke ich über solche Sachen nicht so sehr nach. Die Recherche war allerdings schwierig. Die Idee, diese Geschichte zu machen kam ja während meiner Arbeit an dem Heft des SZ Magazins „Völkermord“. Da habe ich fast geheult und eine Flasche Wein runtergekippt, als ich die Texte gelesen habe, die mir die Redaktion geschickt hat.

2.Nils: Bei CASH steht die Musik, neben dem Charakter, klar im Vordergrund. Kuba besticht auch durch seine ausgeprägte Musikkultur. Wie wichtig ist Ihnen die Verknüpfung von Comic und Musik und wie haben Sie sich musikalisch vorbereitet?

Das kommt auf das Thema an. Bei Cash war es extrem wichtig, weil ich die Verbindung zwischen seinem Leben und seinem Werk zeigen wollte. Ich habe so ziemlich sämtliche Alben gehört und war immer begeisterter, was für ein grossartiger Geschichtenerzähler er war. Bei dem Buch „Havanna“ kommt Musik nur am Rande vor, obwohl ich dort viel Musik gehört habe. Ich möchte aber gerne, dass der Leser einen Sound im Ohr hat, wenn er meine Bücher liest. Einsetzenden Regen zum Beispiel. Oder das Rauschen der Blätter im Dschungel.

3.Mavarick: Was macht die Faszination der Gestaltung geschichtlicher/biographischer Themen für Sie aus (u.a. Cash, Castro, Elvis, Der Boxer) aus? Ist dieses Interesse eher zufällig entstanden oder steckt dahinter eine eindeutige persönliche Gewichtung?

Das ist eher zufällig entstanden. Mir gefällt es, mit Fakten zu spielen und zu recherchieren. Auszuloten was in einer Geschichte drin steckt. Beim Boxer war es der Aufbau der Story, der mich faszinierte. Was passiert mit einem, der vier Jahre die Hölle erlebt hat, danach? Findet der überhaupt ins normale Leben zurück? Und wie wirkt es sich auf seine Umgebung aus? Und was, wenn der nicht nur Opfer war, sondern ein harter Brocken, einer, bei dem es nicht so leicht fällt, sich mit ihm zu identifizieren. Der Sohn des Boxers hat mir hier sehr viel geholfen.

4.Cedric: Kann man von dem Verdienst als Comiczeichner leben?

Also mittlerweile kann ich das sehr gut. Das sah aber auch schon anders aus. 2004 wollte ich schon alles hinwerfen und, wasweissich, Finanzbeamter werden.

5. Lilly: Welche Comics hast du als Kind gelesen?

Klar: Asterix. Und heimlich bei Freunden die „Gespenster“ Comics. Und in Batman war ich verknallt. Wegen der engen Strumpfhosen.

6.Faxbunny: Kann es sein, dass es den beiden womöglich besten deutschen Comic-Zeichnern, Kreitz und Kleist, an geeigneten freien, erdachten Stoffen mangelt? Die Anzahl biographischer abgearbeiteter Stoffe (Sorge, Haarmann bzw. Cash, Castro, Hertzko Haft) ist doch bereits recht gross, und hat sicher zu einem bestimmten (vielleicht auch notwendigen) Renommee und Erfolg geführt, ist es aber nicht zugleich ein Korsett, das durchbrochen werden sollte, um ein Mehr an gestalterischer Freiheit und Storyentwicklung (zurück) zu gewinnen?

Oh, Danke für die Blumen! Aber ich suche mir die Stoffe nicht danach aus, was sich am Besten verkauft. Sonst hätte ich wohl kaum Fidel Castro ausgesucht, dessen Bücher regelmässig die Auslagen der Wohlthatschen bevölkern. Ich stolpere darüber, wie im Fall vom „Boxer“. Als ich es las, dachte ich, das ist die beste Geschichte, die je geschrieben wurde. Und sie ist wahr! Eine Biografie sorgt nicht per se für viel Erfolg, da muss die Umsetzung schon auch stimmen. Da macht Isabel auch eine grossartige Arbeit. Was die Gestaltung anbelangt, ist für mich die Geschichte weit wichtiger geworden, als zu Anfang meiner Karriere, als die Grafik und gestalterische Freiheit überwiegte. Das machte die Bücher mitunter schwer lesbar. Ich möchte den Leser aber in eine Geschichte hineinziehen, ihm das Leseerlebnis wie in einem Film bescheren. Das ist auch bei der Umsetzung eines historischen oder biografischen Stoffes so. Da geht es genauso um Charakterentwicklung, Einfühlung, Identifikation, spannende und einfühlsame Erzählung etc…

 7. Michael Ohl: Sie haben sich jahrelang intensiv mit Kuba und derLebensgeschichte von Castro auseinandergesetzt.Die Revolution ist im Umbruch, die Menschen verändern ihre Einstellungen gegenüber dem Maximo Lider, den USA, dem Kapitalismus…Wann machen Sie weiter und fügen “Havanna” Aufbruch oder Niedergang oder Wandel hinzu?

Oh, das dauert wohl erst mal, bis sich dort was ändert. Wenn es soweit ist, warum nicht? Ich würde gerne noch mal dort hin fahren. Und ich würde mir wünschen in ein Land zu fahren, dem es besser geht und das nicht vom Kapitalismus überrollt wird. Aber wer weiss, vielleicht ist ja Castro mal wieder der, der über alle lacht und auf dem Grab des Kapitalismus tanzt, wenn das hier so weiter geht.

8.Kalle: Wie siehst Du die deutsche Comic-Landschaft der Zukunft: Werden wir eines Tages zu den zivilisierteren Ländern aufschließen können, oder wird das sprechende Bild hier immer eine Nischenexistenz führen?

Wir sind doch auf einem guten Weg! Mit dem Begriff Graphic Novel finden Comics jetzt auch mal den Weg in die Feuilletons der grossen Zeitungen und raus aus der muffigen Comicecke hinten im Laden. Insofern sehe ich das grade sehr positiv. Sorgen mache ich mir wegen der Downloadgeschichten. Ich hoffe, uns geht es nicht irgendwann so wie der Musikindustrie.

9. Maqz: Mit welchen Gefühlen erinnert sich Reinhard Kleist an Titel wie “Fuck 2000″, “Das Grauen im Gemäuer” oder “Amerika” und kehrt er evtl. von seinen Comic-Biografien bekannter Persönlichkeiten wieder zurück zu solch’ bemerkenswerten Comics wie “The Secrets of Coney Island” oder die etwas profanere “Berlinoir”-Reihe?

Es gibt einige Alben, die sehe ich mit sehr gemischten Gefühlen. Zeichnerisch habe ich mich doch deutlich weiterentwickelt und manche Zeichnungen in alten Alben lösen bei mir peinliches Zusammenzucken aus. Aber die Bücher waren auch Ausdruck meiner Zeit. Der Suche. Dem Punk. Im Moment denke ich nicht darüber nach, was ich als Nächstes machen könnte. Ich habe noch zu viel damit zu tun, mein aktuelles Projekt „Der Boxer“ zu bearbeiten. Es soll ja fürs Buch überarbeitet werden. Und nebenbei sammle ich Stoffe, da sind frei erfundene drunter und auch wieder Biografisches. Sobald man sich mit einem Thema beschäftigt, laufen einem die tollsten Geschichten über den Weg. Ich könnte Schrankwände füllen!

10.TeMel: Ich würde sehr gern wissen, welche Materialien genau Sie zum Zeichnen, bzw. Tuschen verwenden und wie viele Stunden Sie insgesamt mit allem drum und dran für eine Seite brauchen!!

Ich habe ausgerechnet, dass ich fast genau eine Seite pro Tag schaffe. Mit Vorzeichnung und Tuschen und Scannen und Bearbeiten. Und dann falle ich tot ins Bett. Ich benutze traditionelle Materialien, Tusche und Pinsel, bei Farbe auch noch Tuschen und Acryl. Am Rechner mache ich nur Korrekturen.

 

An dieser Stelle nochmal ein dickes Danke an Reinhard Kleist für die Teilnahme an „10 Fragen an…“ auf micomics.de.

Daniel Klein

Author: Daniel Klein

Comics, Science Fiction und Videospiele begleiten mich seit meiner Kindheit. Im Nachhinein muss ich mich eigentlich bei meinen Eltern entschuldigen, da ich ich ihnen andauernd irgendwelche Comichefte, Actionfiguren oder Raumschiffe aus den Rippen geleiert habe. Ach und danke Oma, für den GameBoy, durch den ich die Welt der digitalen Unterhaltung betreten und bis heute nicht mehr verlassen habe. Heute bin ich natürlich älter und weiser, aber die kindliche Faszination hat die Jahre überdauert und jetzt bin ich sozusagen Berufs-Nerd. An Comics schätze ich, dass kein anderes Medium eine derartige Erzählkunst, mit einem Mix aus Schrift und Bild in unendlichen Variationen bietet.

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