Redhand: Götterdämmerung

Italien trifft Amerika, Zukunft trifft Vergangenheit. Denn für diese dystopische Zukunfts-Fantasy hat sich Kurt Busiek mit dem italienischen Zeichner Mario Alberti zusammengetan.

„Ihr Wahnsinnigen! Ihr habt sie in die Luft gejagt!“

Was klingt wie ein großer Spoiler ist keiner. Oder doch? Denn so richtig sicher kann man sich bei Redhands Abenteuer nicht sein. Der rotbärtige Sci-Fi Wikinger-Klon findet sich in einer post-apokalyptischen Welt wieder, erwacht ohne Wissen über seine Vergangenheit, dafür aber von Feinden umringt. So richtig präzise wird Autor Busiek über die ersten 90% des Bandes eigentlich nie, dass es sich hierbei um die gute, alte (zerstörte) Erde handelt, gegen Ende allerdings wird ein recht großer Hehl draus gemacht. Also ein Twist … oder nicht? Denn Klappentext und Inhaltsangabe werben reichlich mit dem Szenario der Post-Apokalypse. Bis dahin muss sich der kampftaugliche Redhand aber erstmal zurechtfinden; in der feudalen Wirklichkeit, wo Mönche auf Sklavenjagd gehen und Bauern unters Joch zwängen – und all das im Namen der „Götter“. Diese Götter unterdrückten mit ihren Geboten und Einfluss die verbliebene Menschheit, die ihnen völlig ausgeliefert scheint – allerdings scheint Redhand gegen alle „göttlichen“ Strafen immun. Und außerdem ziemlich entschlossen diese falschen Idole zu entthronen.

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Der Mann der großen Panels

Selten hat das große Albumformat einer Veröffentlichung so gut getan. Denn die Zeichnungen von Mario Alberti stemmen ein Gros der Atmosphäre im Alleingang, hauptsächlich, da sie in den riesigen Panels mehr als genug Luft zum Atmen bekommen. Das macht chaotische Kampfscharmützel gegen Riesenwürmer zu einem fummeligen Wimmelbild – im positiven Sinne! Denn der Leser hat beim Suchen und Finden der vielen Details vergleichbar viel Spaß wie ein fünfjähriger, der sich in der Legokiste vergräbt. Und auch wenn die Handlung mal einen Gang runter schaltet, ergeht sich der Italiener in ausgiebigen Landschaftsaufnahmen und Stimmungsbildern. Redhands Touristentour durch große Stadtviertel in noch größeren Städten bilden dabei sicher die absoluten Highlights des Bandes. Und gegen Ende hin kann Alberti dann mit den zwar kurzen, aber top durchdesignten Auftritten der „Götter“ noch einmal ordentlich Wucht aufs Papier pressen. Dabei ist all das auch noch getaucht in eine bunt-unterschiedliche Farbpalette, die stimmig durch alle Welten tanzt – ob klinisches Weiß, schöne grün-rot Kontraste oder eine verstaubt, orange Wüstenödnis. Die Präsentation „Redhands“ ist damit so ein Brett, dass man sich den Band gerne als Weihnachtsgeschenk vormerken kann, wenn man in seinen Comics auf die „großen“ Bilder steht.

Zu dick aufgetragen? Oder nicht dick genug?

Ob Comic oder Film, „Alienor“ oder „Doctor Strange“, in letzter Zeit hab ich öfter statt seltener mit Werken zu tun, die mit nur wenigen, äußeren Makeln zu überzeugen wissen, aber bei der Erzählung unnötig viele Federn lassen. „Redhand“ ist einer davon. Und die Fallhöhe könnte dank der tollen Optik höher nicht sein.redhand-bild-fuer-beitrag-1 Denn Kurt Busiek erfüllt bei der Geschichte über den roten Rächer, Befreier und Bilder … pardon „Götterstürmer“ lediglich das absolute Soll einer Story. Daher auch eingangs die Verwunderung, ob denn die ganze Geschichte auf den Twist gebürstet sein soll, dass es sich bei dieser Post-Apokalypse um unsere Zukunft handelt. Falls ja, dann ist dieser einerseits ab der fünften Seite vorhersehbar, andererseits absolut nicht frisch. Und falls es nicht um das „schockierende“ Ende gehen soll, dann weiß Busiek sonst nicht viel Neues zu erzählen. Ja, er versucht sich an World-Building, es wird viel, SEHR VIEL, über die Götter und ihre Jünger gesprochen, der Leser nimmt an Redhands Führung durch Stadtteile und unterschiedliche Tempelbezirke teil und lauscht auch fleißig allen Namen und Titeln. Allerdings ist dies im großen Ganzen nur Fassade, die viel zu schnell bröckelt – der Kampf gegen die Götter wird zur formelhaften Geschichte des Widerstandskämpfers und Befreiers genutzt – „Braveheart“ trifft „Conan“ und das in der Zukunft. Klingt toll, ist aber nur halb so spannend, wenn es wie hier absolut vorhersehbar bleibt. Bester Indikator dafür ist wohl, wenn nach zuschlagen des Bandes schon sämtliche Namen, ob Love-Interest oder böser Obergott, wieder vergessen sind.

Die Götter dürften ruhig verrückt sein

redhand-coverDazu kommt, dass „Redhand – Götterdämmerung“ letzten Endes über sein eigenes Thema unglaublich wenig zu sagen hat. Das Wort „Götter“ fällt so oft wie kein anderes, all dies bleibt aber nur ein Gewand für das bekannte „Opium des Volkes“ und ist sich gleichzeitig simpelster religiöser Symbolik nicht zu schade: Ein Redhand, der ein geknechtetes Wüstenvolk mit nur einem Schwertstreich aus der Sklaverei befreit und dann in einem Panel sogar die untergehende Sonne hinter seinem Kopf als Heiligenschein zu präsentieren weiß – Wow. Aus diesem Grund bleibt auch die Welt nach der Zerstörung, mit ihren neuen Kulten, Bräuchen etc. null in Erinnerung – alles ist nur Anlehnung und Wiederkau von Bekanntem und weiß daher weder seine große Botschaft („Befreit euch von den falschen Göttern!“) an den Mann zu bringen, noch sonst irgendetwas zu Religion, Glaube und Fanatismus auszusagen. Das eben dies viel, VIEL besser geht hat erst im letzten Jahr Tom King in seinen fantastischen „Omega-Men“ zeigen können. So bleibt „Redhand“ trotz der prall gefüllten Seiten und toller Optik viel zu schal um als mehr als nur ein kurzer Snack durchzugehen. Wäre vielleicht nicht weiter schlimm, aber ein Snickers verpackt in Schatulle und Geschenkpapier würde für die Meisten wohl auch wie Overkill wirken.

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„Redhand – Götterdämmerung“ erscheint bei Cross Cult im Hardcover-Album, Autor Kurt Busiek, Zeichner Mario Alberti, 144 Seiten, 35€

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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