Nova 1: Familienzusammenführung

Was für DC die Green Lanterns sind, das ist das Nova Corps für Marvel – doch von der einst so mächtigen Kosmospolizei ist nichts mehr übrig – bis auf einen Teenager inmitten einer Kleinstadt. Und der lässt sich nicht unterkriegen.

Auf zu den Sternen … oder wenigstens zur Baustelle am anderen Ende der Stadt

Sam Alexander hat alle Hände voll zu tun und das obwohl der Held-im-Werden noch nicht einmal die High-School abgeschlossen hat; denn Sam ist trotz seiner Teenagerjahre einer der letzten Novas im gesamten Universum. Die einstmals übergalaktische Polizeieinheit ist nicht mehr, die Helme, welche ihrem Träger kosmische Kräfte verleihen, allerdings schon. Und auch auf der Erde gibt’s zu tun; Im Reich des Mole Man herrscht ein Bürgerkrieg in den nicht nur Sam, sondern auch Ms. Marvel und Spider-Man hineingezogen werden, intergalaktische Kopfgeldjäger tauchen in Sams Schule auf und dann sind da auch noch die privaten Probleme zu Hause. Zumindest diese scheinen sich plötzlich in Luft aufzulösen als Sams Dad, ein weiterer Nova, plötzlich vor der Tür steht. Hier jedoch scheint auch nicht alles mit rechten Dingen zu zugehen und Sam wird wohl nicht drum herumkommen, die weite Reise zum Supercomputer des Nova Corps in den Tiefen des Weltalls anzutreten.


Spider-Man, nur mit Helm

Mit all diesen To-Dos und Verpflichtungen, die sich leider nicht immer unter einen Helm, pardon, Hut pressen lassen, erinnern Sams Abenteuer als Nova daher nicht von ungefähr an die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft. Ähnlich wie ein hin- und hergerissener Peter Parker leidet auch Sam unter den vielen Baustellen in seinem Leben – nur das sein Patrouillengebiet nicht nur Manhattan, sondern mal ebenso noch das Weltall mit umfasst. Autor Sean Ryan gelingt es dabei ähnlich gut Sympathie zu erzeugen, wie die besten Spider-Man Geschichten. Das Schicksal um Sams Abwägen zwischen Familie, Schulfreunden, Superhelden Team-Ups und den ungeklärten Fragen, die seinen Helm betreffen, kommt super zum Leser rüber und Sams Geschichte ist die eines völlig überforderten Teenagers, der trotzdem dauernd über sich hinauswächst. Der Comic dürfte damit zwar bei jüngeren Lesern noch etwas besser ins Schwarze treffen, auch ältere Semester sollten dank der erwähnten Identifikations-Momenten keine Probleme haben mit Sams Abenteuern mit zu fiebern. Auch wenn sich der Teenagerbezug sicher noch einmal etwas verschärft, wenn es in dem Mini-Teamup von Sam, Miles Morales und Ms. Marvel ab unter die Erde geht. Das Ganze ist genug fetziges Abenteuer mit riesigem Monstergekloppe und einem eigenen „Civil War“ unter der Erde, um genug Spaß zu machen. Dennoch spielt aber hier, ähnlich wie in Mark Waids neuen Avengers, das Helden-Trio dann zu seiner vollen Stärke auf, wenn es um die kleinen, pubertären Gemeinheiten geht, die wohl auch vor Teenagern im Superheldenkostüm nicht haltmachen.

Schön wie ein Kirchenfenster. Im wahrsten Sinne des Wortes

Dazu lebt „Familienzusammenführung“ über weite Strecken von richtig großen Momenten, die diesem „Megaband“ das Gefühl verleihen, dass Sams Geschichte für dieses Format wie gemacht scheint. Das Leseerlebnis ist unglaublich rund und das trotz kurzen Civil War II Tie-Ins, welche die Geschichte eigentlich zu unterbrechen drohen. Dazu trägt sicherlich schon die schiere Abwechslung bei, denn aus der simplen Anordnung aller Erzähl-Elemente ergibt sich bereits ein gelungenes Pacing, dass immer als überspannender Bogen zu fungieren weiß – Sams Geschichte ist zu Hause und in der Schule deutlich langsamer, fokussierter und intimer, gerade wenn er sich darum sorgt seine Mutter zu enttäuschen und dreht gehörig auf, sobald Schurken, Monster und Gefahren auf den Plan treten. In diesen Momenten dreht die Farbgebung auf 11 und die zuvor so einengenden Panels plustern sich zu gelungenen Splashpages auf. Die Zeichner R.B Silva und Cory Smith tun dabei ihr Bestes, um stets ein gelungenes Gefühl von der Dynamik und Geschwindigkeit Sams zu vermitteln, das gelingt mal besser und mal schlechter und kommt an einen „Flash“ sicher noch lange nicht ran. Dafür sind die Action-Einlagen stets aufgeräumt und übersichtlich, das einzelne Element soll und darf mehr wirken als eine erschlagende Flut von Details. Und trotzdem finden sich die wohl ansehnlichsten Momente des Comics nicht nur im Finale des Bandes, sondern in einem sehr ruhigen Moment. Wenn Sam letztendlich dem Worldmind gegenübersteht, zaubern Smith und der Kolorist Andres Mossa fantastisches auf Papier. Ein Farbenspiel in rot und gold, welches sowohl für Sam als auch den Leser die Geschichte des Nova Corps aufschlüsseln soll und dabei einfach nur gut aussieht. Das Ganze erinnert optisch an kaleidoskopische Spielereien, die man vielleicht eher in einem Dr. Strange vermuten würde und geben dem ganzen Abschluss etwas herrlich astrales und wertvolles.

Fazit:

„Nova 1“ ist ein überraschend rundes Lesevergnügen, gerade in Form dieses Megabandes. Autor Sean Ryan führt seinen Protagonisten Sam in die unterschiedlichsten Gefilde, lässt ihn sowohl gegen Klone, Außer- und Unterirdische antreten als auch gegen den Feind eines jeden Jugendlichen: Schulstress gepaart mit chaotischen Zuständen zu Hause. Unterstützt durch immer übersichtliche und im Finale sogar erhabene Zeichnungen, lädt dieses Abenteuer also alle Leser zum sympathisieren ein und kann daher uneingeschränkt allen Fans positiv aufgelegter Superhelden-Comics ans Herz gelegt werden.

zur Leseprobe
„Nova Megaband 1: Familienzusammenführung“ erscheint bei Panini Comics im Softcover für 24,00€, 252 Seiten. Von Sean Ryan, Cory Smith und R.B. Silva.
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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