No Borders

In Michael Barcks dystopischem Science-Fiction Comic kämpfen eine Bloggerin, ein Hacker und einen Geheimdienst-Mitarbeiterin gegen die totale Überwachung.

Auf der Datenautobahn durch die Zeit

2040 sind die Menschen physikalisch mit dem Internet verbunden. Durch eine neue Technologie ist der chinesische Hacker Ho Zhing in der Lage, durch die Zeit zu reisen. Um die totale Überwachung der Menschen zu verhindern, reist Ho Zhing in das Jahr 2016. Hier trifft er eine Bloggerin, die sich den Mund nicht verbieten lassen will. Mit Hilfe einer Geheimdienst-Mitarbeiterin soll der Menschheit die Augen geöffnet und die totalitäre Diktatur der Zukunft verhindert werden.

Kritische Töne im Science-Fiction-Gewand

No_Borders_CoverDie Handlung kommt einem seltsam vertraut vor. Immerhin sind die X-Men bereits 1981 in „Days of future past“ in der Zeit zurückgereist, um eine dystopische Zukunft zu verhindern. Das ist aber bereits die einzige Gemeinsamkeit zwischen Marvels Mutanten und Michael Barcks Computertruppe. Eigentlich arbeitet Barck als Journalist. No Borders ist sein Debüt als Autor kritischer Comics. Handwerklich ist das Werk tadellos recherchiert. Barck nutzt die Figuren, um auf die Gefahren der Massenüberwachung hinzuweisen. Dabei werden auch viele „Argumente“angebracht, die man selbst häufig hört. Ein Beispiel, das vermutlich jeder kennt legt Barck der Geheimdienstmitarbeiterin Jill in den Mund „Na, aber wenn man halt nichts zu verbergen hat?“. Es folgt eine nachvollziehbare Argumentation des Überwachungsgegners aus der Zukunft. Eigentlich eine Diskussion, wie sie im Lehrbuch steht, nur leider wirken die Dialoge oft gestelzt oder eben wie aus dem Lehrbuch und nicht aus dem Leben gegriffen. Dabei wird deutlich, welche Meinung der Autor vertritt, aber auch die Befürworter werden gehört. Der erhobene Zeigefinger bleibt aus und am Ende ist es die Aufgabe des Lesers, selbst Position zu beziehen. An anderer Stelle benutzt Hacker Ho Zhing gerne den Begriff „Anyway“, leider etwas inflationär, sodass es dem Leser auf die Nerven geht. Die Zeitreisegeschichte hingegen ist gut durchdacht. Zu Beginn hat der Leser zwar noch Probleme, die einzelnen Figuren und Zeitebenen auseinanderzuhalten, spätestens bei der zweiten Lektüre offenbart sich jedoch die geschickte Verschachtelung der Handlung.

Im Schein des Monitors

Schon beim raschen Überfliegen fällt dem Leser die außergewöhnliche Kolorierung von TeMel auf. Hierbei gibt es unterschiedliche Grundfarben, die dabei helfen, das Geschehen einer Zeitebene zuzuschreiben. Die Künstlerin bedient mit ihren Zeichnungen eine hohe Bandbreite an Emotionen. Dabei wirken die meisten Gesichtsausdrücke glaubwürdig. No_Borders_HackerDie einzelnen Figuren sind sehr ähnlich. Gerade Ho Zhing und Sheng sind schwer zu unterscheiden. Die weiblichen Figuren kann man leichter über die farbigen Strähnen im Haar differenzieren. TeMel spielt geschickt mit Perspektiven und sorgt durch ihre Seitenkomposition für eine rasante Lektüre. Dabei variiert die Kölnerin gekonnt das Tempo der Geschichte und zaubert nebenbei sogar ganz unverkrampfte Erotikpassagen in den ansonsten eher dystopischen Thriller. Dennoch entsteht der Eindruck, als hätten es diese Szenen nur aus Spaß am Zeichnen in den Band geschafft. Abseits der Handlung gibt es Einiges zu entdecken. TeMel hat unzählige popkulturelle Anspielungen auf andere Zeitreisende in ihren Bildern versteckt. Von Dr. Who über The Flash bis hin zu Day of the tentacle oder 12 Monkeys gibt es viele liebevolle Easter Eggs.

Umfangreiches Bonusmaterial

In dem 160 seitigen DIN A5 Hardcovercomic sucht man Zusatzmaterial leider vergeblich. Dafür befindet sich zu Beginn jedes Kapitels ein Passwort mit dem auf einer Homepage umfangreiches Bonusmaterial eingesehen werden kann. Hier erfährt der Leser viel über den Entstehungsprozess des Comics. Schade, dass dieses Bonusmaterial nur online verfügbar ist und es nicht in den Anhang des Buches geschafft hat.

Fazit

Ein aktuelles Thema wird mit Hilfe einer durchdachten Science-Fiction-Geschichte aufgearbeitet. Der Leser wird nicht bevormundet und darf sich selbst eine Meinung bilden. Wer sich näher mit dem Thema Massenüberwachung und den möglichen Folgen auseinandersetzen will, bekommt mit No Borders einen unterhaltsamen Einstieg in die Materie.

zur Leseprobe

No Borders von Michael Barck und TeMel ist bei Epsilon Graphics im Hardcover Format erschienen. Umfang: 160 Seiten Preis: 15 €
Marcus Koppers

Author: Marcus Koppers

Durch verschiedene Comicverfilmungen habe ich das Medium relativ spät für mich entdeckt. Seit dem bin ich besonders den Superhelden verfallen. Aber auch alle andere Geschichten die die Eigenheiten des Mediums nutzen können mich begeistern.

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