Nils 1: Elementargeister

In seinem Splitter-Debüt begibt sich Jérôme Hamon auf einen sanften Waldspaziergang und wildert gemütlich in den Welten Miyazakis, Avatars und ein bisschen The Road.

Farbenspiel des Winds

Der Wald ist am Sterben, die Felder liegen brach, die Naturgeister verschwinden nach und nach – und niemand hat eine Erklärung. Zumindest nicht der neugierige Junge Nils und sein erfinderischer Vater. Wie alle anderen Bewohner ihres kleinen Dorfes betroffen von der schlechten Ernte, beschließen die Beiden in die Welt hinauszuziehen, um mit ihrer wissenschaftlichen Grundlage vielleicht die Ursache der sterbenden Natur herausfinden zu können. Dabei treffen sie auf riesige mechanische Gerätschaften des hochtechnologischen Königreichs Cyan und geraten schnell in den Konflikt zwischen des Königs Maschinen und dem naturverbundenen Stamm der Widerstandskämpferin Alba. Cyan ist dabei die Wälder um auch die letzten Naturgeister zu berauben, Alba und ihre Mitkämpfer wollen das verhindern und die Götter des Waldes scheinen außerdem noch einen zusätzlichen Plan zu verfolgen.


Traumwelt in Blau

Jedem Leser dürfte beim ersten Durchblättern wohl sofort die unterkühlte Atmosphäre von „Nils“ entgegen hauchen, in den Zeichnungen von Antoine Carrion dominieren eisige Blautöne und schildern perfekt eine Welt nicht des Winters, aber des schleichenden Frosts, der das Leben noch unwirklicher zu machen droht. Für unterkühlte Stimmungen in weißen Landschaften sorgte Carrion auch schon im famosen Doppelband „Weißer Schatten“ und obwohl er die angepeilte Stimmung wieder voll zu transportieren weiß ist sie diesmal doch eine ganz andere. Wo in „Weißer Schatten“ noch verzwickte Hofintrigen, blutige Gewaltausbrüche und damit kantig, dreckige Bilder dominierten, fährt „Nils“ eine viel ruhigere Schiene und hat weniger was von „Game of Thrones“ und viel mehr von einem „Pocahontas“ oder „Avatar“. Der elegische Grundton einer immer leerer werdenden Welt schlägt sich hier nicht nur in der eisgekühlten Farbgebung, sondern auch den leeren Landschaften und verlassenen Ruinen wieder. In diesen Momenten ist der Ausdruck von „Nils“ am Stärksten, dazu bilden die kleinen Elementargeister, stark angelehnt an die kleinen Yokais eines „Prinzessin Mononoke“, mit ihrem glühenden Schein einen tollen Blickfang auf jeder Seite. Im Zuge des naturverbundenen Plots des ersten Bandes sehen wir von dem industriellen Cyan noch nicht viel, das Maschinendesign macht allerdings neugierig und man darf gespannt sein wie Carrion seine Stärken für das ruhige und leere hoffentlich auch auf eine pulsierende und überquellende Stadt übertragen kann.

Verpasster Höhenflug

Dabei ist es allerdings sehr schade, dass Hamons Skript die gelungene Stimmung von Carrions Zeichnungen nicht zu halten weiß. „Nils“ tappt dabei in die oft problematische Falle aus zu hohem Tempo und zu flachen Dialogen. Kaum ein gesprochenes Wort dient der Charakterisierung der Figuren, fast jeder Satz muss der Gesamt-Exposition zugutekommen. Das führt zu den üblichen, ungelenken Gesprächen, in denen sich Figuren gegenseitig Sachen erzählen, die sie eigentlich wissen müssten, nur damit der Leser auch daran teilhaben kann. Nicht nur, dass dies eben wenig elegant rüberkommt, es fehlt letztendlich dann auch der Platz um den Figuren wirklich Tiefe zu verleihen – Nils und sein Vater bleiben mindestens so blass, wie Alba und ihre Mutter. „Schlecht“ wird das Ganze nie, aber es fühlt sich über viele Seiten hinweg nach ungenutzter Chance an. Wenn dann allerdings das Erzähltempo selbst große Wendungen und Enthüllungen in einer Seite abfrühstückt und kaum Zeit zum aufnehmen und verdauen lässt, dürfte der gestandene Comic-Leser sich wahrscheinlich endgültig entkoppeln und „Nils“ schiebt sich damit unnötigerweise selbst in die Ecke eher simpler Jugendliteratur. Wo Themen und Aussehen also Assoziationen an die Werke Miyazakis hervorrufen, kann die Geschichte mit ihrer simpelsten schwarz-weiß Zeichnung nicht mithalten und landet irgendwo im Feld zwischen „Avatar“ und „Pocahontas“. Wichtig, das muss und soll in sich nichts Schlechtes sein, wer allerdings mit James Camerons Sci-Fi Epos die Erfahrung machen durfte im Kino beim ersten Mal schauen noch, dank der Schauwerte, weggeblasen zu sein, nur um beim Sichten der Blu-ray auf der heimischen Couch weg zu pennen, der dürfte verstehen was mit dem fehlenden Tiefgang gemeint ist.

Fazit:

„Nils“ ist leider eines der üblichen zweischneidigen Schwerter, diesmal sogar mit einem besonders starken abfallen zu den Kanten hin. Denn wo sich die kühlblauen Bilder auf einem atmosphärischen Höchstniveau bewegen und bereits jetzt schon eine interessante, kohärente Welt vermuten lassen, kann die Plot-Ebene kaum Schritt halten. Dafür ist die Geschichte zu naiv, zu hastig und vor allem in den Sprechblasen viel zu holprig erzählt, man wünscht sich gerade zu mehr Panels, die mit weniger oder gar keinen Worten ausgekommen wären, um die Welt weiter atmen zu lassen. Das macht aus „Nils“ noch keinen schlechten Comic, aber einen sehr simplen/einfachen, der damit eher noch jüngeren Lesern zu empfehlen ist, die damit vielleicht ihre ersten Schritte in atmosphärischere Welten gehen können ohne die Sicherheitsleine einer altbekannten Story ganz hinter sich lassen zu müssen. Der gereifte Leser ärgert sich allerdings über die vertane Chance, selbst wenn sich ein Blick in den zweiten Band, mit Hoffnung auf Besserung, vielleicht noch lohnen könnte.

zur Leseprobe
„Nils 1: Elementargeister“ erscheint bei Splitter im Hardcover, 56 Seiten, 14,80€. Von Jérôme Hamon und Antoine Carrion.

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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