Nextwave – Agents of H.A.T.E.

„Es geht um humanoide Klon-Dinger aus Maschinenöl und Brokkoli, die von einer Frau mit einer Gitarre zu Tode geprügelt werden.“ – eigentliches Zitat von Warren Ellis, frei übersetzt von mir und einfach so wahr!

NEXTWAVE! – Es ist wie Shakespeare, nur mit viel mehr Schlägerei!

Das Nextwave Squad, eine Einsatztruppe der Anti-Terror Organisation H.A.T.E (Highest Anti-Terrorism Effort), hat die wohl größte als auch dümmste Intrige innerhalb der Organisation aufgedeckt. Ihre eigene Muttergesellschaft, die Beyond Corporation, wird von dem Terror-Netzwerk S.I.L.E.N.T. kontrolliert, welches einige unübliche Massenvernichtungswaffen an der amerikanischen Bevölkerung testen will. Dies werden die fünf Mitglieder von Nextwave, bestehend aus der Monsterjägerin Elsa Bloodstone, dem Roboter Machine Man, dem Captain, der Mutantin Tabitha Smith und ihrer Anführerin Monica Rambeau, natürlich nicht einfach so hinnehmen. Kurze Zeit und ein gestohlenes, experimentelles Flugschiff später, sind sie auch schon auf dem Weg quer durch die Staaten, um sich mit hochhaushohen Robotern und Drachen, aber auch Horden gefräßiger Killerkoalas und Laser-Krabben anzulegen. Und auch ihr ehemaliger Arbeitgeber macht, in der durchgeknallten Person des General Dirk Anger, Jagd auf die fünf Helden aus der allerletzten Reihe.

NEXTWAVE! – Wer braucht eine Story, wenn er gelbe Petrodaktyl Kampfanzuüge hat?

Das Geschehen in „Nextwave“ zusammenzufassen fällt viel komplizierter aus, als es eigentlich ist, denn der Titel hält sein Versprechen und die meiste Zeit geht es wirklich nur um Explosionen, Kämpfe und noch mehr Explosionen. Dabei bombardiert Altmeister Warren Ellis den Leser im Seitentakt mit kuriosen und aberwitzigen Einfällen, die als Produkt aus dem Hause Marvel ihres Gleichen suchen. Ob es sich dabei um die Enthüllung des obersten Drahtziehers oder nur ein paar Skateboard-fahrende Lehmmenschen handelt, jede Seite bietet etwas Neues und motiviert so zum Weiterlesen. Dabei bleibt genau dieses „Welcher-Quatsch-kommt-als-Nächstes?“ aber auch der einzige Grund zum Weiterlesen, denn bei der Charakterzeichnung oder der Entwicklung eines wirklichen Plots hält sich Ellis mehr als dezent zurück. Es gibt keine Charakter-Archs, keine Figur verändert sich im Laufe der Handlung oder lernt etwas dazu und das ganze Geschehen bleibt unwirklich und traumhaft, gerade weil es überhaupt nichts mit dem eigentlichen Marvel-Universum zu tun zu haben scheint. Würden nicht alle paar Meter ein Rudel mutierte Monster-Affen im Wolverine Kostüm auftauchen, könnte Nextwave auch in einer völlig anderen Welt angesiedelt sein.

NEXTWAVE! – Ein Herz für Underdogs! Und Frauen mit Akzent. Und …

Das Tolle daran: „Nextwave“ wird so zu etwas völlig eigenem, verankert in einem ernsten Universum, wo auch Captain America und Spider-Man ihre Abenteuer bestreiten. Das Ganze erinnert stark an Serien wie „Secret Six“ oder „Thunderbolts“, die sich ebenfalls Helden und Schurken aus den hinteren Reihen bedienen, um damit Geschichten fernab jeder Erwartungshaltung oder Vorbelastung zu erzählen. Eine Serie wie „Secret Six“ macht sich das zwar mehr zu Nutze, schließlich sind unbedeutende Figuren verzichtbar und können auch gerne mal den Löffel abgeben, aber „Nextwave“ nutzt dafür das volle Potenzial zur Bespassung. Ellis holt mit dem Holzhammer zum Rundumschlag aus, ob nun gegen das aktuelle Blockbusterkino wie „Transformers“ oder gegen hauseigene Serien wie Mark Millars Ultimates„. Wenn Vollblut-Britin Elsa Bloodstone ein T-Shirt mit der Flagge der europäischen Währungsunion und den Worten „Do you think this letter on my chest stands for America?“ enthüllt, ist das die beste Persiflage auf über patriotischen Comic-Unsinn ala Captain America, die ich seit langem lesen durfte. Dann jedoch, nur als wolle Ellis verhindern, dass seine Figuren zwischen all den One-Linern und sehr humorvollen Rückblenden, endgültig zu Abziehbildern verkommen, zieht er eine kurze, aber wirkungsvolle Traumsequenz aus dem Hut. Diese versetzt das Team in eine Welt, in der sie ihre schlimmsten Ängste durchleben müssen und bietet damit ein angenehm hohes Maß an Tiefe und macht „Nextwave“ so auf den letzten Seiten noch einmal zu mehr, als nur einer schnell gescripteten Abfolge von Action-Sequenzen. Da ist es auch verkraftbar, dass der Handlungsstrang rund um Dirk Anger ein vergleichsweise kurzes Ende findet, anders als man es als Leser vielleicht erwartet oder gewünscht hätte.

NEXTWAVE! – Selbstbewusste Präsentation, die immer weiß wer sie ist!

Auch bei der eigentlichen Präsentation kennt „Nextwave“ keine Langeweile , hauptsächlich, da sich Ellis und sein Zeichner Stuart Immonen viele Freiheiten beim Experimentieren erlauben. Hier soll man jetzt aber keine Panel-Neuordnungen wie in Grant Morrisons „We3“ oder revolutionäre Format-Alternativen erwarten. Das Team setzt viel mehr auf viele Captions, außenstehende Erzähler oder auch mal ganze Panels, welche nur dazu dienen, dem Leser zu erklären, dass gerade ein Benzintank von Kugeln durchlöchert wird, um die folgenden Explosionen zu rechtfertigen. Das Brechen der vierten Wand ist ja kein Novum mehr, doch es wird uns hier wieder und wieder selbstironisch präsentiert, was den Spaß an den Kommentaren des Erzählers nicht mindert. Gegen Schluss servieren die Köpfe hinter „Nextwave“ dann noch ein bis zwei Sahnestückchen, beispielsweise die Inszenierung einer Actionsequenz mit immer gleichem Aufbau über mehrere Splashpages hinweg. An anderer Stelle würde man sich über den verschenkten Platz sicherlich nur ärgern, stehlen ganzseitige Panels doch gerne mal Platz für die wirklich wichtigen Momente. Hier wirkt es aber einfach nur wie das höchste Maß an Konsequenz – Wer keine ausgefeilte Geschichte erzählen, sondern nur knallige Actionszenen präsentieren möchte, sollte diese dann auch auf die bestmögliche Weise vor des Lesers Latz knallen.

NEXTWAVE! – Das Fazit:

Mit „Nextwave“ hat es ein Comic seit langer Zeit mal wieder geschafft mir ein Schmunzeln auf die Lippen zu zaubern. Schlichter Plot und fehlende Charakterzeichnungen hin oder her, das Ding ist einfach Unterhaltung pur und jedem der Englischkenntnisse mitbringt sehr zu empfehlen. Bei den „Secret Six“ erhält man zwar ausgefeiltere Figuren, Schauplätze und Storylines, „Nextwave“ wartet dagegen mit markigen Sprüchen und vor allem einem herrlich humorvollen Rundumschlag gegen alles und jeden auf. Sollte die Serie fortgesetzt werden, bin ich diesmal von Anfang an dabei, allen Anderen sei empfohlen, die Serie wie ich mit der „Ultimate Collection“ nachzuholen, die den kompletten Run mit allen 12 Ausgaben beinhaltet.

Nextwave – Agents of H.A.T.E. von Warren Ellis und Stuart Immonen erscheint bei Marvel.

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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