Multiversity 1

Der schräge Schotte Grant Morrison steht für große, aber fast auch immer verwirrende Comic-Kunst, die nur schwer zugänglich ist. Wenn er sich in „Multiversity“ vor nimmt gleich vom ganzen DC-Multiversum zu erzählen, sollte man aufhorchen.

52 Erden und (k)ein Ende in Sicht?

Das Multiversum ist in Gefahr! Für Charaktere des DC-Kosmos vielleicht noch eine kleine, für Comic-Veteranen sicher keine Überraschung mehr. In den beiden Mainstream-Universen von Marvel und DC tut es die große, heldenzusammenführende Bedrohung eigentlich nicht mehr unter der möglichen Auslöschung zumindest unserer Galaxie. In diesem Fall ruft „Das Haus der Helden“ eine verlassene Basis der Universumsbeobachter, den „Monitors“, gleich eine ganze Fülle an bekannten Helden zusammen. Oder besser gesagt Variationen von den uns bekannten Supermans, Green Lanterns und Batmans. Statt Clark Kent gibt’s einen afroamerikanischen Superman mit „S“ auf der Brust, der in seiner Geheimidentität auch noch das Präsidentenamt, thanks Obama, innehat. Und Damian Wayne ist der Erbe des Batman-Mantels in einer Welt wo ein perfektes Sicherheitssystem Heldenarbeit obsolet gemacht hat – und sich Supes, Batman und Co. statt über moralische Standards über vergessene Partyeinladungen streiten. In all diesen Wirren soll also auch noch der gesamte Kosmos mit all seinen Parallelwelten gerettet werden?

Ein typischer Morrison?

Multiverstiy 1 - Bild für BeitragDiese Tagline sollte bereits Kaufberatung genug sein, denn wem Morrison schon immer zu abgespaced, zu durchgedreht und zu geduldsfordernd war, wird auch mit diesem Ausflug ins Multiversum seine Schwierigkeiten haben. Wie in vielen seiner Geschichten, greift der Schotte auf den vollen Figuren- und Kontinuität-Kosmos des DC-Universums zurück und spart nicht an Bezügen aber sicher an Erklärungen. Wer nicht zumindest mal von den Monitors, den 52 Erden und den Harbingers gehört hat, dürfte sich gerade zu Beginn etwas verloren vorkommen. Auch Alan Moores Meisterwerk „Watchmen“ und die Charaktere der Charlton Comics spielen eine große Rolle. Aber bei diesen Zitaten allein macht Morrison nicht halt, sondern haut noch eine Meta-Ebene auf die überspannende Geschichte drauf, die irgendwo zwischen Kommentar zum eigenen Werk und Bruch der vierten Wand hin und her pendelt. Wenn Damian Wayne als Batman in einer Parallelwelt einen Comic aufgreift, der den Überlebenskampf einer anderen Erde zeigt, den wir gerade zuvor lesen durften, diesen dann auch noch kommentiert und wir als Leser gesagt bekommen „diesen“ Comic sofort wegzulegen, weil er verflucht ist, darf man wohl genauso fasziniert und erstaunt wie verwirrt und überfordert sein. Dazu kommen dann noch die typischen Auslassungen Morrisons, die den Eindruck erwecken können, man hätte versehentlich drei Seiten übersprungen, und der Hang des Autors Sci-Fi Technologien nicht für Leser und Figurenverständnis herunter zu brechen sondern genauso kompliziert zu beschreiben wie sie auch sind. Wer schon einmal versucht hat sich als Laie in die String- oder Relativitätstheorie einzulesen, wird sich wie zuhause fühlen. Ach ja und da das alles vielleicht noch nicht kompliziert und meta genug sein könnte, erschafft Morrison für einen Teil der Geschichte auch gleich noch eine Kopie des Marvel-Universums mit Helden wie „Machine Head“, „American Crusader“ und Dr. David Dibble alias dem lila Ungeheuer „Monstro“ um auch gleich noch die Parallelität zwischen den verschiedenen Mainstreamverlagen kommentieren zu können. Puh.

Ja, ein typischer Morrison!

Multiverstiy 1 - Bild für Beitrag 2Bevor all dies aber nur nach Chaos, Selbstreferenz und Meta-Kommentar aufs eigene Schaffen klingt das an das Werk eines Verrückten grenzt: „ein typischer Morrison“ funktioniert in beide Richtungen. Denn so verwirrend und ausladend sein Werk auch auf den ersten Blick ist, so viel Abwechslung und Tiefe bietet es dem Leser der sich drauf einlassen kann und will. Morrison mag für seine wirren und surrealistischen Erzählungen bekannt sein, ebenso verbindet man seine Erzählungen aber damit dieses Chaos auch (fast) immer sinnvoll ordnen zu können, wenn auch vielleicht unter einigen Symbolebenen vergraben. Bevor ich also mit dem großen Paragraph oben drüber einige verschreckt haben sollte, will ich kurz sagen: Für mich waren Morrisons „Final Crisis“ und „Batman R.I.P“ stellenweise ebenfalls sehr verwirrend und überkomplex, nichts desto trotz zähl ich sie mit zu den Comics die ich immer wieder lesen würde, mit der Gewissheit was neues zu entdecken und, Gott bewahre, es irgendwann vielleicht auch zu verstehen. Das siedelt nicht nur diese Beiden Geschichten sondern eben auch „Multiversity“ irgendwo in der Gegend eines sehr guten und unterhaltsamen Comics an, den man aber nicht blind kaufen, verschenken oder weiterempfehlen kann und sollte.

Der Vielfalt Verdruss?

Dabei möchte ich noch bekräftigen, dass sich all das Chaos alleine durch die gute und auch logische Entscheidung die verschiedenen Geschichten ganz unterschiedlichen Zeichnern anzuvertrauen, schon etwas entwirrt. Wenn sich die „Society of Super Heroes“ rund um Doc Fate (eine Mischung aus DC-Zauberer Dr. Fate und dem Abenteurer Doc Savage) für einen Kampf gegen Invasoren aus einer anderen Dimension Multiversity 1 - Coverzusammenrotten, ist diese pulpige Erzählung um Zombies, Roboter und Steampunk auch entsprechend illustriert. Chris Sprouse trifft den Stil-Nagel mit einer Mischung irgendwie zwischen Detailarmut und Pin-Up auf den Kopf, seine Bilder könnten damit einem Werbeflyer für ein Radio-Serial aus den 50er Jahren entsprungen sein. Die Geschichte „The Just“ in der sich bekannte Superhelden aufgrund ihrer Langeweile in Klatsch und Tratsch ergehen bewirbt mit einem fiktiven Boulevard-Magazin auf dem Cover schon den Look einer „Sun über Superhelden“, den Zeichner Ben Oliver in der Folge auch einzulösen weiß. Dadurch erhält „Multiversity“ natürlich absolut keinen einheitlichen Stil, aber eine Präsentation, die die Erzählung all dieser völlig verschiedenen Welten perfekt ergänzt, wenn auch vielleicht nicht immer gefällt. „The Just“ wird für Morrisons Vision sicher genauso wichtig sein wie „Society of Super Heroes“, aber ersten fand ich eher dröge, während ich weitere Abenteuer rund um Doc Fate und seinen Kampf gegen „Invasoren aus der Gegen-Welt“ gerne sofort weiterlesen würde. Weil ich nun mal aber auch auf Superhelden-Pulp stehe.

Fazit:

Morrison muss man mögen, mit Betonung auf „mögen“ und nicht auf dem „muss“. Denn ewige Skeptiker wird der Comic-Schotte auch mit „Multiversity“ sicher nicht für sich gewinnen können. Dafür ist sein Werk wie immer zu schräg, zu abschreckend und zu unterschiedlich. Wer sich allerdings auf andere Morrisons bereits einlassen konnte oder den Versuch vielleicht schon immer mal wagen wollte, sollte dem Multiversum unbedingt eine Chance geben. Denn mehr Abwechslung, mehr Ausflug durch die gesamte Geschichte des Mediums und mehr verschiedene Erden, bekommt man woanders wohl kaum für sein Geld. Das dabei herrlich unterschiedlich illustrierte Geschichten, mal trashig, mal artsy fartsy, mal ganz straight aber immer stilsicher herauskommen, ist nur das Geschenk oben drauf. „Multiversity“ ist genau das, was der Klappentext verspricht, „Ein außergewöhnlicher Trip des grafischen Erzählens, irgendwo zwischen Comic und Realität“ – ob man darauf allerdings in eben diesem Moment beim Shoppen Lust hat, muss jeder für sich entscheiden. Die Leseprobe ist hier auf jeden Fall zu empfehlen!

zur Leseprobe

„Multiversity 1“ ist erschienen bei Panini Comics im Softcover, 188 Seiten. Gezeichnet von Ivan Reis, Joe Prado, Frank Quitely, Ben Oliver, Chris Sprouse, geschrieben von Grant Morrison, 19,99€
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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2 Kommentare

  1. Multiversity ergibt sich leider erst im Gesamtbild. Die Veröffentlichungsart, die Panini gewählt hat, war die denkbar schlechteste. Ich kann nachvollziehen, dass es für Einzelhefte wohl nicht genügend Publikum gegeben hätte, ein Omnibus mit allen Heften wäre zu teuer ausgefallen. Am besten konsumiert man die Serie tatsächlich auf der einen Art, wenn man jede Geschichte erst mal eigenständig ansieht und erst dann die Verbindungen sucht. Das bedeutet allerdings viel Arbeit, da die Hinweise teils auf der dritten Ebenen versteckt sind. Aber sie sind da. Und viele Elemente erschließen sich auch erst, wenn man nach dem letzten Heft, den ganzen Run noch ein mal liest… Als Popcorn-Comic für zwischendurch ist die Storyline also nichts… das Erlebnis muss man sich hier hart erarbeiten, dann wird man aber wie so oft bei Morrison sehr großzügig belohnt.

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  2. Simon Traschinsky

    „Das Erlebnis muss man sich hier hart erarbeiten, dann wird man aber wie so oft bei Morrison sehr großzügig belohnt“ triffts sehr, sehr gut!

    Würde ich im Nachhinein so auch sofort als mein Fazit klauen 😀

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