Ms Marvel 2: Im Schatten des Krieges

Autorin G. Willow Wilson lässt Kamala Khan in Ms Marvel – Im Schatten des Krieges mit inneren Dämonen, Loyalitäten und aktuellen gesellschaftlichen Themen ringen. Herausgekommen ist ein über weite Strecken unausgegoren wirkender Comic, der den richtigen Ton selten finden kann.

Für die Verbrechen der Zukunft in der Gegenwart sühnen

Kamala Khan ist geniale Wissenschaftlerin, die Superheldin Ms Marvel – und geht noch auf die High School. Die große Verantwortung, die auf ihren jungen Schultern lastet wird noch schwerer, als Captain Marvel, Kamalas Idol und Mentor, ihr eine im wahrsten Sinne des Wortes zukunftsweisende Mission anvertraut. Denn Ulysses, einer der neuen Inhumans, kann die Zukunft mit mathematischer Präzision voraussagen. Captain Marvel will diese Fähigkeit nutzen, um Verbrechen zu verhindern noch bevor sie begangen werden – Präventive Gerechtigkeit also – und lässt Kamala das innovative Projekt leiten. Zur Seite gestellt werden ihr hierfür die Carol-Kadetten. Doch diese nehmen ihre Aufgabe als vorbeugende Gesetzeshüter bald zu ernst und wenden unreflektiert Gewalt an. Als Kamalas Schulfreund Josh von den Kadetten für „Gedankenverbrechen“ beschuldigt wird und in der halblegalen Vollzugsanstalt der Zukunftsgesetzeshüter festgehalten wird, beginnt für Kamala ein Umdenken. Kann sie ihrem eigenen Urteil, oder dem von Captain Marvel, noch trauen? Und wie sieht es aus mit ihrer Loyalität zu ihren Nächsten? Ein innerer Kampf beginnt, der dramatische Folgen für Kamala und ihre Freunde hat.

Zwischen Ernst und Spiel, aber selten wird der richtige Ton getroffen

Ms Marvel – Im Schatten des Krieges nimmt sich mit dem Konzept der präventiven Gerechtigkeit das Thema des Criminal Profiling vor, naturgemäß für einen Superheldencomic larger than life, mit Zukunftsvorhersage und der Einrichtung einer nichtstaatlichen Polizeigewalt. Und das ist auch schon das Haar in der Suppe. Denn Autorin Wilson gelingt es nicht, den oft überdreht leichtfüßigen Erzählton mit dem ernsten Thema in Einklang zu bringen. So schwankt die Geschichte dazwischen, sich hier mal zu ernst zu nehmen und da dann wieder nicht seriös genug. Die ironische Überdrehtheit des Erzähltons funktioniert noch ganz hervorragend, als Kamala an einem Wissenschaftswettbewerb teilnimmt, bei dem extreme Maschinen und Erfindungen von Jugendlichen präsentiert werden. Die lassen zwischen kindlichem Elan und verrücktem Genie die Veranstaltung völlig aus dem Ruder laufen und zeigen, wie verspielte Unterhaltung funktionieren kann. Doch wenn Kamala mit den Carol-Kadetten (die in ihren Fantasieuniformen unfreiwillig komisch an die Pokémonbösewichte Jessie und James erinnern) einen Gefängniskomplex in einer verlassenen, abgeschmackt aussehenden Lagerhalle betreiben, stößt die kindliche Naivität der Handlung dann doch bitter auf. Es ist als Leser schwer zu schlucken, dass Kamala, sonst grundsympathisch als intelligente, tatkräftige junge Frau gezeichnet, nicht begreift welches Unrecht hier geschieht, bis ein eigener Freund dort interniert wird. Das Politische wird so auf die persönliche Ebene übertragen. Auch an anderer Stelle geschieht das: So besteht Carol Danvers hauptsächlich darauf, das Projekt weiterzuführen, weil sie damit einen eigenen Verlust verarbeitet, nicht etwa weil das Konzept sie so überzeugt. Zu einer tatsächlichen Auseinandersetzung mit der Frage um Gerechtigkeit als Wert kommt es kaum, vielmehr wird ein persönlicher Kleinkrieg ausgefochten. Dadurch wirkt die Geschichte doch zu unausgegoren, was sehr schade ist.

Hervorragende Elemente im durchwachsenen Ganzen

Denn obwohl es an der Haupthandlung krankt, sind so viele Teilaspekte des Comics hervorragend gelungen. Kamala ist, wie bereits erwähnt, eine Protagonistin mit der man gerne mitfiebert und auch ihre Freunde sind vielschichtige, interessante Nebencharaktere. Wenn sie in den Vordergrund rücken und mit Kamala interagieren, beginnt der Comic endlich, sich selbst ernst zu nehmen und kann den Leser richtig mitnehmen. Dazu kommen spannende Einschübe, in denen die Familiengeschichte Kamalas in Rückblenden erzählt wird. Hier wird ein hoffnungsfrohes Vertrauen in die Zukunft hervorgerufen, das gerade in schweren Zeiten den Weg leitet. So gewinnt nicht nur die Heldin indirekt an Tiefe, einige wunderschöne Momente können sich in der sonst so wenig mitreißenden Geschichte ungehindert entfalten.

Technisch tolle Zeichnungen – und doch Teil des Problems

Sehr dynamisch wirken die Zeichnungen von Adrian Alphona, Mirka Andolfo und Takeshi Miyazawa. Doch auch wenn die Zeichnungen technisch hervorragend umgesetzt sind, tragen sie zum Problem des uneinheitlichen Erzähltons bei. Die mit Augenzwinkern dargestellten Übertreibungen lassen den Comic oft aufgeregt wirken. Ein Eindruck, der durch die ständig schreiend offenstehenden Münder noch verstärkt wirkt. So wirkt turbulent-chaotisch, was oft todernst ist. Auch hier prallen das Ernsthafte und Kindische irritierend oft aufeinander. Dennoch: Handwerklich gesehen sind die Zeichnungen hervorragend. Das Character Design ist durchweg interessant, individuell und fantasievoll. Die Gesten wirken entspannt, die Strichführung ist souverän und ausdrucksstark sind die Zeichnungen immer. Auch die Farbgebung von Ian Herring und Irma Kniivila besticht durch warme Gelb-, Orange und Rottöne, die atmosphärisch Stimmung erzeugen.

Fazit

Ms Marvel – Im Schatten des Krieges hat mit vielen Schwächen und Ungereimtheiten zu kämpfen, dennoch blitzen immer wieder wundervoll umgesetzte Storyelemente auf, die das Talent der Autorin für persönliche Stoffe zeigen. Auseinandersetzungen mit gesellschaftskritischen, politischen Themen werden jedoch zu oberflächlich behandelt, wodurch einiges an Potenzial verschenkt wird. Der Comic ist für alle geeignet, die Rasanz und Verspieltheit schätzen. Wer mehr von einem Comic erwartet, der brisante Themen anschneidet, wird hier enttäuscht.

„Ms. Marvel 2: Im Schatten des Krieges“ erscheint bei Panini Comics im Softcover, 140 Seiten, 16,99€. Von G. Willow Wilson, Adrian Alphona und Takeshi Miyazawa.
M. Lehn

Author: M. Lehn

Comics mochte ich eigentlich schon immer sehr gerne, zum klassischen Marvel/DC Superheldencomic habe ich aber relativ spät gefunden. Dafür ist meine Begeisterung jetzt umso größer! Meine große Leidenschaft waren allerdings immer Filme, mit der aktuellen Schwemme an Comicverfilmungen bin ich also mehr als glücklich!

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