Moon Knight 1: Willkommen im neuen Ägypten

Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna? Das durften sich die Träger des Moon Knight-Mantels schon immer fragen, aber ob Marc Spector schon einmal so tief in seinen Wahnvorstellungen gesteckt hat wie jetzt, darf hinterfragt werden …

Wer bin ich und wenn ja wie viele?

Marc Spector alias „Moon Knight“ ist verrückt. Nun, das ist eigentlich so neu und überraschend wie Supermans Origin-Story, diesmal allerdings hat dies tatsächliche Auswirkungen. Denn statt in Verkleidung durch die nächtlichen Straßenschluchten zu ziehen und Kriminellen das Handwerk zu legen, fristet Spector nun sein Dasein in einer Nervenheilanstalt – völlig inklusive Zwangsjacken, Gummizelle und Elektroschocktherapie. Gefangen in der Welt zwischen Realität und Wahnvorstellung kann Spector sich weder sicher sein wer er wirklich ist, noch wer seine Mitpatienten sind – denn statt anderer ruhig gestellter Patienten, sieht er mit ihm eingekerkerte ehemalige Verbündete, Weggefährten und Liebhaberinnen. Und dann sind da auch noch seine wiederkehrenden Visionen des skelettköpfigen Gottes Khonshu. Gerade wenn die Therapieversuche Erfolge verbuchen können, ist Khonshu stets zur Stelle um Spector zu versichern, dass er sich nicht in einer Irrenanstalt, sondern in der Gefangenschaft eines feindlichen Gottes befindet – und es daher völlig verständlich ist, dass SpectorMoon Knight 1 - Neues Ägypten Bild für Beitrag 2 als der heldenhafte „Moon Knight“ als einziger in der Lage ist die Krokodil- und Schakalköpfe hinter den Gesichtern der Pfleger zu erkennen. Um sich zu „Retten“ bleibt also nur die Flucht.

Der totale Wahnsinn

Eines ist dem interessierten Leser hier sofort klar zu machen: „Willkommen im neuen Ägypten“ nimmt das „Irre“ an der Figur Moon Knights zum zentralen Kernthema. Das Ganze ist nicht bloß ein simpler Aufhänger für einen Serien-Neustart, der es Held und Leser ermöglicht sich selbst neu in der Storyline zu verorten, damit es daraufhin ans Eingemachte gehen kann – gegen Verbrecher, Superbösewichte und comicsche Bedrohungen. Nein, Marc „Moon Knight“ Spector ist tatsächlich wahnsinnig. Oder doch nicht? Der kanadische Erfolgsautor Jeff Lemire ist ja längst kein Unbekannter mehr was etwas verrücktere Stoffe angeht, ob sein skurriles Indie-Darling „Sweet Tooth“ oder sein experimentierfreudiger Run mit DCs „Animal Man“. Seine Einberufung zum Autor der neugestarteten Reihe scheint also eine Selbstverständlichkeit und dennoch wird man sicher überrascht sein wie intensiv Lemire den Wahnsinns Spector aufziehen möchte. Der Band platzt vor Ambiguität, wir sitzen als Leser nicht in der bequemen Außenperspektive, wo wir uns bewusst sein können, dass Spector gar nicht verrückt geworden ist und nur wieder den Weg nach draußen finden muss. Nein, bei jedem Ausbruchversuch und bei jeder Prügelei können wir uns nicht endgültig sicher sein, ob Moon Knight hier gerade tatsächlich die Schakalhäscher einer bösen Gottheit verprügelt oder nur eine Ansammlung von überforderten Pflegern. Über die Gänze des Bandes ist damit auch die Reise das Ziel, Spector und seine Verbündeten/Mitpatienten auf der Flucht in die Freiheit. Dabei greift Lemire selbstverständlich auf alte Bekannte des Figurenkosmos zurück. Für einen ersten Band allerdings, besonders einem der so sehr mit dem Thema der falschen Wahrnehmung spielt, gelingt ihm hier nicht vollends der Spagat alte und neue Leser zu vereinen. Wer die Charaktere nicht von früher kennt, wird hier wenig emotionale Bindung für ihren Teil der Reise aufbringen können. Andererseits aber spielt Lemire auch hier das Ungreifbare des Szenarios in die Hände, etwaige Unsicherheiten kann man als Leser getrost dem Gesamtbild des Wahnsinns hinzufügen, statt mit einem unzufriedenen Fragezeichen überm Kopf zurück zu bleiben.

Moon Knight 1 - Neues Ägypten Bild für Beitrag 1
Zeichner Wechsel dich

Die gröbsten Zeichenpflichten liegen bei dem noch eher frischen Greg Smallwood, der aber bereits Erfahrung im vorangegangenen „Moon Knight“-Run sammeln konnte. Dessen schraffierter Strich fügt sich nahtlos in die Atmosphäre ein, verzehrte Wahrnehmung von Gesichtern und Hintergründen, sandige Stürme oder ein optisch absolut aus dem Panel fallender Khonshu im Strahle-Weiß. Eine Experimentierfreude bei Seiten- und Layoutgestaltung scheint für einen Moon Knight-Comic inzwischen fast zum Standard zu gehören, zuletzt probierte hier Comic-Titan Warren Ellis ja erst einiges erfolgreich an Marc Spectors Abenteuern aus, und auch bei „Willkommen im neuen Ägypten“ erlauben sich die Kreativen so manchen Kniff. „Die Kreativen“ bezieht sich dabei auf die weiteren Zeichner, die Smallwood ab und an zur Hand gehen, darunter Wilfredo Torres und Francesco Francavilla. Auch hier spielt die grundsätzliche SerienprämisseMoon Knight 1 - Neues Ägypten Cover wieder allen Beteiligten in die Hände, selbst Zeicheneinschübe, die sich stilistisch von Smallwood komplett entfernen, fühlen sich zwar immer fremd aber nie unorganisch an. Warum soll es in einer anderen Dimension nicht auch zeichnerisch völlig neu zu gehen, wenn auch nur für ein paar Seiten?

Fazit:

„Moon Knight – Willkommen im neuen Ägypten“ sollte vor allem jenen Lesern zusagen, die gerade mal wieder ungewöhnlichere Superhelden-Action verschrieben haben wollen und damit leben können vorerst etwas im Dunkeln zu stolpern. Denn für seinen Serieneinstieg, inklusive Cliffhanger, klatscht Jeff Lemire die Tagline „Lets get crazy“ an die Innenwand seiner Gummizelle – und suhlt sich daraufhin in Visionen, erzählerischen Ungereimtheiten und ägyptischer Göttersymbolik. Was die Metapherndichte angeht liegt er damit zwar immer noch auf einem harmlosen Level weit unterhalb eines Moores oder Morrison, nach Warren Ellis kriminell guter Moon Knight Einzelabenteuer ist Lemires Idee aber doch angenehm anders – und für den Ein oder Anderen aber vielleicht doch zu schräg und zu wenig superheldig. Die Leseprobe zum Reinschnuppern sei hier wärmstens empfohlen mit dem Gedanken im Hinterkopf: Wie unsicher der Leser und Marc Spector selbst über seine wahre Identität gehalten werden, bleibt das Hauptmotiv des Bandes, nicht für einige wenige Seiten zu Beginn, sondern für den gesamten Band, vielleicht sogar die gesamte Serie. Ob man sich auf diesen Schakals-Ritt einlassen möchte, bleibt dabei die ganz eigene Entscheidung, ich lade allerdings herzlichst dazu ein.

zur Leseprobe

„Moon Knight 1 – Willkommen im neuen Ägypten“ erscheint bei Panini Comics im Softcover, 132 Seiten, 16,99€ von Jeff Lemire, Greg Smallwood, James Stokoe und Francesco Francavilla.

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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