Monstress 1: Das Erwachen

Autorin Marjorie Liu und Zeichnerin Sana Takeda haben mit ihrem düsteren Werk Monstress einige der wichtigsten Auszeichnungen der Comicbranche abgeräumt. Völlig zu Recht.

Das Monster unter der Haut

Die junge Maika lebt in einer gefährlichen Welt, in der ihr die ständige Verfolgung gewiss ist. Denn sie gehört der Rasse der Arkanen an. Diese mächtigen Mischwesen – halb Mensch, halb mythisch – werden von Menschen versklavt, gequält, für wissenschaftliche Experimente benutzt. Letztendlich droht ihnen der Tod, denn sie gelten für viele Menschen als Unrein. Doch Maika ist einzigartig. Durch ihre Stärke, ihre Unbezwingbarkeit und durch ein Geheimnis in ihrer Vergangenheit, das sie aufdecken muss. Dieses Mysterium verschränkt ihr Leben mit alten, finsteren Mächten die zur Gefahr für alles Leben der Welt werden könnte. Denn ein Monster wohnt unter Maikas Haut. Und es ist hungrig.

Harte Welt trifft auf härtere Heldin

Die unübersichtliche, doppelbödige und grausame Realität in der die junge Arkane lebt macht ihre Bewohner zynisch – niemanden so sehr wie Maika selbst. Selten war eine Heldin so selbstbewusst, unabhängig und überraschend vulgär. Der klassische Kampf, in dem Mensch und Monster um die Oberhand ringen, wurde wohl noch nie durch ein hingeraunztes „Ich scheiß auf dich“ entschieden. Und wenn der stolze Ritter kommt die junge Maid zu retten, hockt diese sich erst mal hin um zu pissen bevor die Reise weiter geht. Natürlich nur zu ihren Bedingungen. Durch die unkonventionelle Darstellung ihrer Heldin gelingt es Autorin Liu, ein Klischee nach dem anderen abzuschmettern, ob in der Charakterisierung oder der Handlung. Maika ist zugleich unberechenbar und berechnend, zu tiefster Freundschaft ebenso fähig wie zum Verrat – die einzig potentielle Rettung ihrer Welt und gleichzeitig die größte Gefahr. Sie ist einzigartig, der faszinierende Mittelpunkt einer hochgradig ungewöhnlichen Geschichte, die immer mit Überraschungen und Spannung aufwarten kann.

Monstress 1 - Bild für Beitrag 1

Düsternis und Humor

Hier haben Heldengestalten und ihre Versprechen von Ehre und Recht nichts zu suchen. Vertrauen ist ein rares Gut. Wer naiv genug ist es zu verschenken, lebt selten lange um die Entscheidung zu bereuen. Doch die Härte und Düsternis wird immer wieder mit treffendem Galgenhumor gebrochen und gleitet nie in den Betroffenheitskitsch ab. Eindimensionalität wird gemieden wie die Beulenpest. Wer gut ist kann auch böses tun, und umgekehrt. Trotzdem lässt sich die Autorin nie zu moralischem Relativismus hinreißen. Menschliche Abgründe tun sich um und in Maika auf, nicht zuletzt durch das Monster in ihr. Doch ihre Integrität verliert sie nie. Trotz oder gerade durch ihre Härte wird sie zur mitreißenden Identifikationsfigur.

Von Grausamkeit, Kämpfen und Weiblichkeit

Wobei von „menschlichen“ Abgründen kaum die Rede sein kann, denn die Gesellschaft von Monstress ist durch die komplexen Monstress 1 - CoverKonflikte verschiedener Rassen geprägt, von denen eine fantastischer ist als die andere. Von götterartigen Wesen zu intrigierenden Miezekatzen ist alles vertreten. Insgesamt gibt es fünf Rassen, und alle sind durch Abhängigkeitsverhältnisse, Machtlust, Abstoßung und dann wieder gegenseitige Anziehung aneinander gekettet. Die daraus resultierenden Ausbrüche systematisierter Grausamkeit erinnern an die Auslöschungsmaschinerie des Holocausts, ergründen die entwürdigende Wirkung des nackten Hungers und die Folgen des Identitätsverlusts durch Erniedrigung. Es wird verdeutlicht was die Konsequenzen sind wenn man Gemeinsamkeiten vergisst und allein die Unterschiede sieht. So wird eine beeindruckend vielschichtige Fantasiewelt geschaffen, voller schmerzhafter Parallelen zu unserer Wirklichkeit. Zudem ist die Geschichte auch als feministisches Werk konsequenter, als man dies sonst in der Comicbranche erwarten darf. Die meisten Hauptfiguren, ebenso wie der Großteil der Götter- und Sagengestalten, sind weiblich – und das wird auch nicht als Besonderheit herausgestrichen. Es gibt keine Kampfparolen gegen die böse Männerwelt wie so oft gesehen, sind die mächtigen Bösewichte doch selbst Frauen. Auf selbstverständlichste Art und Weise wird hier eine von Frauen dominierte Welt geschaffen. Sie wird nicht durch den simplen Fakt charakterisiert, dass es Frauen sind die die Macht innehaben, sondern durch die Entscheidungen, die diese Frauen als vielschichtige Figuren treffen und so ihre Wirklichkeit prägen. Und irgendwie ist das ausnahmsweise mal gar kein großes Ding.

Die Opulenz und Ausdrucksstärke der Sana Takeda

Irgendwer muss mit der Aufgabe betraut werden in die Welt hinauszugehen um alle Preise und Auszeichnungen zusammenzuklauben die es für ein Artwork geben kann – mit dem alleinigen Zweck, Sana Takeda mit selbigen zu beschmeißen. Was diese Zeichnerin für Monstress leistet ist phänomenal! Ihre Bilder sind opulent, üppig, verspielt und lassen es trotz optischer Schönheit nie an Tiefe mangeln. So wichtig es ihr ist, berauschende Kostüme, Character Designs und Landschaften zu kreieren, nie lässt sie billigen Effekt über Ausdruck triumphieren. Jedes noch so liebliche Gesicht kann zur monströsen Fratze werden, jeder Traum zum Albtraum. Ob bei Menschen, Arkanen, Katzen oder wasweissichnichtnochalles – die Gesichter und Körper erzählen eigene Geschichten und unterfüttern die ohnehin schon beeindruckend vielschichtige Erzählung mit weiteren Bedeutungsebenen und Zwischentönen. Obendrauf kommt dann noch die mitreißende Dynamik der visuell ausgeklügelten Kampfszenen, die trotz aller Düsternis markante Farbgebung, der unfassbare Reichtum an Details, die feine Linienführung, die Verweigerung gestalterischer Klischees, die spannenden Perspektiven und Blickwinkel, die …

Fazit:

Monstress ist absolut, zu hundert Prozent, von der ersten zur letzten Seite bedingungslos lesenswert. Basta! … Aber man sollte schon Blut vertragen können.

zur Leseprobe

Monstress 1“ von Marjorie Liu und Sana Takeda ist bei Cross Cult erschienen, Preis:  16,80€ Umfang: 192 Seiten

 

M. Lehn

Author: M. Lehn

Comics mochte ich eigentlich schon immer sehr gerne, zum klassischen Marvel/DC Superheldencomic habe ich aber relativ spät gefunden. Dafür ist meine Begeisterung jetzt umso größer! Meine große Leidenschaft waren allerdings immer Filme, mit der aktuellen Schwemme an Comicverfilmungen bin ich also mehr als glücklich!

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