Monsters Unleashed 1: Die Monster sind los!

Im Hause Marvel sind die Monster los!

„Let them fight“

Mit diesen Worten leitete Ken Watanabes Figur im letzten Godzilla-Reboot das Finaldrittel des Films ein. Und daraufhin prügelten sich hochhaushohe Dinosaurier und Urzeitmonster während die Menschheit zum machtlosen Publikum degradiert wurde – was sollen Hinz und Kunz bitte auch ausrichten, wenn solche Giganten ganze Straßenzüge mit einem Schritt plätten? Die gleiche Prämisse findet sich nun im aktuellen Marvel-Event von Cullen Bunn (zuletzt u.a. „Aquaman“) wieder. Nur dass hier, wie langjährige Comicleser wissen, Hinz und Kunz gerne selbst mal Superkräfte ihr eigen nennen mit deren Hilfe sogar Götter verprügelt werden können. Daher tut es im Marvel-Kosmos natürlich auch nicht ein einziges Riesenmonster, diese werden im Mainstream-Comic ja auch im wöchentlichen Rhythmus erlegt, stattdessen hagelt es eine ganze Armada an unschönen Riesentrampeln aus den Tiefen des Weltalls. Woher die Viecher kommen weiß erstmal niemand, oberste Priorität hat die Schadensbegrenzung in Form von kolossaler Kammerjägerarbeit und so sorgen die bekannten Teams um die Avengers, X-Men aber auch die Inhumans global für Ordnung. Der Monsterschauer scheint dabei kein Ende nehmen zu wollen und es ist abzusehen, dass auch den größten Helden irgendwann die Puste auszugehen droht. Glücklicherweise sind Ungeheuerexperten wie Monsterjägerin Elsa Bloodstone oder das Wunderkind Moon Girl bereits auf Spurensuche.


Es könnte viel schlimmer sein

Der Untertitel „Die Monster sind los“ mag schon etwas fast kindliches haben, könnte die Stimmung dieses ersten Bandes aber nicht besser zusammenfassen; Es kracht und scheppert hier erstmal aufs Derbste, die tatsächlichen Hintergründe spielen kaum eine Rolle. Dass Figuren wie Elsa Bloodstone (ich bin seit N.E.X.T.W.A.V.E. großer Fan der Figur!) oder Moon Girl für des Rätsels letztendliche Lösung wohl eine große Rolle spielen werden, wird hier nur grob angerissen. Zusätzlich hat Panini für diese Ausgabe entschieden, neben den beiden ersten Heftnummern des Crossovers noch ein Tie-In der Avengers mit dazu zupacken sowie ein Buddy-Abenteuer von Deadpool und Spider-Man. Da Jim Zub sein Avengers Tie-In auch noch streng parallel zur Haupthandlung von Cullens ersten Ausgaben erzählt und Joshua Corins Team-Up Spidey und Deadpool ganz ab von Schuss, sogar inmitten in einer Hexenschule, führt, verfestigt sich schnell der Eindruck, dass dieser Band kaum Bewegung nach vorne, dafür aber sicher in die Breite und Höhe, macht. Erfreulicherweise gibt das aber weniger Anlass zum Meckern als vielleicht befürchtet (man erinnert sich mit Bauchschmerzen an Lokis Axis-Ausflüge …) denn die simple Prämisse „Große Monster auf Erde“ reicht erstmal völlig aus, dass die zuarbeitenden Autoren ihre Geschichten  in ganz eigene Richtungen treiben können. So ist der gemeinsame Versuch von Spidey und Deadpool ein Monstrum daran zu hindern Toronto zu plätten, in erster Funktion ein guter Team-Up-Comic und daraufhin in zweiter Funktion dann Tie-In; der Comic würde auch als alleinstehende Geschichte genauso gut funktionieren. Die redaktionelle Anordnung der Ausgaben ist hier also sehr löblich und macht aus „Monster Unleashed“ damit einen krachenden Einstiegsband, der ohne sich beim Plot groß vom Fleck zu bewegen, mit viel Krawumms sein eigenes Konzept feierlich präsentiert.

Memorable Monsters?

Da bisher also bis auf die Monsterinvasion noch recht wenig tatsächlich passiert ist, fällt es eher schwer eine vernünftige Aussage darüber zu treffen, wohin Cullen Bunns Geschichte, mit den Zeichnungen von Steve McNiven und Greg Land, letztendlich führen wird. Band 1 entlässt einen mit dem Eindruck, dass es sich hier um ein spaßiges Helden-Crossover handelt, dem man sogar unterstellen könnte den Kinoversionen nachzueifern. Der drohende Weltuntergang ist eher Spielplatz als Grund zur Sorge, damit entgeht die Geschichte teilweise auch nervigen Crossover-Konventionen, die diese zusammentreffen zuletzt immer so anstrengend und ermüdend gemacht haben; alle sechs Monate ein Event, jedes beworben als absoluter Gamechanger, nur um schon zum Ende des Jahres hin für das tatsächliche Marvel-Universum keine Rolle mehr zu spielen. In diese Falle tappt „Monster Unleashed“ (bis jetzt) nicht und könnte damit tatsächlich genießbarer, kurzzeitiger Spaß werden. Das kleine Aber jedoch: die tatsächlichen Monster spielen, vorerst, eine überraschend, nun ja, „winzig“ ist sicher nicht das Wort der Wahl, aber vielleicht wenig bedeutsame Rolle. Natürlich sind sie stets präsent, die Totalen und Splashpages sind voll mit dem lovecraftschen Gekröse, ein Vieh ist bunter und vieläugiger als das Nächste. Mit dem tatsächlichen Kaiju-Genre im Hinterkopf, um Godzilla, Mothra, King Kong und Co. bleiben die Kreaturen in „Monster Unleashed“ bis jetzt aber überraschend blass. Wo die Tagline „Marvel gegen Monsters“ propagiert, sollten alle die gerade der Monster-Part zum Vorbeischauen reizt, ihre Erwartungen etwas senken. Letztendlich hat dies mit einem Doppelfehlschlag von Autoren und Zeichnern zu tun; Bunn scheint wenig an den tatsächlichen Monstern interessiert, sie sind Krawall im Hintergrund und die freien Räume im Panel werden mit den Helden und ihren Aktionen vollgepackt. Hier hätten vielleicht einige Perspektiven aus einer „normalen“/menschlichen Sicht nicht geschadet, um die wahren Ausmaße (und Zerstörungspotenziale) solcher Monster greifbarer zu machen (man denke hier an „Pacific Rim“ und die Wucht, wenn Mako Mori als Kleinkind durch ein verwüstetes Tokyo flieht). Auf der anderen Seite wissen sowohl McNiven als auch Greg Land sicher gute, solide Zeichenarbeit, aber wenig interessante Designarbeit bei den Monstern zu liefern. Keines der Monster bleibt im Gedächtnis, beim Design der Kreaturen galt ganz sicher Masse statt Klasse. Wenn man hier an einen S.A.M zuletzt denkt, wo sichtlich viel Arbeit in die zeichnerische Idee der Maschinen geflossen ist, würde man sich ähnliches für Marvels Monster wünschen.

Fazit:

„Monster Unleashed“ könnte das Comic-Äquivalent zum großen Kino-Bruder „Avengers“ werden; spaßige Kurzweil, die es den etablierten Helden abseits ihrer Soloabenteuer ermöglicht sich selbst zu feiern und einige spaßige Dialogzeilen zu teilen. Löbliches Plus oben drauf ist das Rampenlicht für eher kleinere Helden wie Moon Girl und Elsa Bloodstone. Nach all den Crossovern die nicht nur großspurig das Ende der Welt, sondern noch großspuriger das Ende des Status quo im Marvel-Universum propagiert hatten ist das vielleicht genau die frische Luft, die es braucht, um den geneigten Leser wieder für große Events zu interessieren. Da ist es auch nur ein kleiner Wermutstropfen, dass Kaiju-Fans hier wohl weniger auf ihre Kosten kommen dürfen, dafür spielen die Helden immer noch die eindeutig größere Rolle. Schade eigentlich, denn ein „Kong: Skull Island trifft Avengers“ wäre doch absolut nicht verkehrt, oder?

zur Leseprobe
„Monster Unleashed 1: Die Monster sind los“ erscheint bei Panini Comics im Softcover, 132 Seiten, 14,99€. Von Cullen Bunn, Jim Zub, Steve McNiven und Greg Land.

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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