Miracleman 4: Das goldene Zeitalter

Miracleman – diese Figur und ihre Geschichte überhaupt verstehen zu wollen kommt einem Studium, das darauffolgende Erklären einer Professur gleich. So bewegt, so wechselreich waren die Ereignisse die alleine schon hinter der Bühne stattfanden – und dennoch lässt es sich Panini nicht nehmen einige Ausreißerstorys zusammen zu packen und der deutschen Leserschaft zu präsentieren: wie in diesem Falle mit „Miracleman 4: Das goldene Zeitalter“ von niemand anderem als „Sandman“-Erdenker und Gothic-Fantasyguru Neil Gaiman.

Eine Herausforderung für Comicschaffende, Rezensenten, Leser. Und etwas Geschichte.

Miraclemen 4 - Bild für BeitragSelbst wenn man eine Geschichtsstunde vermeiden will (nicht weil sie langweilig wäre, ganz im Gegenteil, aber eben zu weit ausufert) kann man wohl nicht über einige Hintergründe zu dem einstmals großen, britischen Superheldenequivalent zu den Cape-Trägern aus Übersee hinweggehen. Denn all diese Ereignisse sind ein Teil davon, warum die Figur des Marvelman, später eben Miracleman, eine so wendungsreiche Geschichte hat, gleichzeitig aber auch wieder für eine Vielzahl an Autoren als Sprungbrett oder wenigstens Schmiedewerkzeug diente. Wer sich für all dies näher interessiert sollte mit nur wenigen Klicks ein Video des US-Reviewers MovieBob dazu finden, der versucht diese Historie etwas aufzudröseln. Diese ist fast wahnwitzig verwirrend, zum Haare raufen unübersichtlich, aber nie langweilig. Eine klare Empfehlung also. Hier soll erstmal folgendes wichtig sein: Wie viele andere Superhelden auch, bekam Miracleman im Zuge der 90er eine düstere Überarbeitung. Ursprünglich sogar von niemand geringerem als dem Altmeister, Alan Moore, selbst. So wie das Swamp Thing lenkte Moore auch den britischen Superhelden in eine neue Richtung, um Genregrenzen auszuloten und Superheldenstandards zu hinterfragen. Moores Nachfolge sollte daraufhin der damals noch etwas frischere und weniger bekannte Neil Gaiman antreten, was uns zu dieser Veröffentlichung von Gaimans Miracleman-Storylines bringt. Man sieht also, nicht nur dem Leser steht ein möglicher Kraftakt ins Haus, auch die Köpfe hinten dran mussten bereits „vor“ der eigentlichen Schreib- und Zeichenarbeit einiges an Federn lassen. Und ich möchte vorweg sagen, dass all dies das rezensieren ganz sicher nicht einfacher macht.

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Welche Zwischenüberschrift könnte DAS gelungen vermitteln?

Denn Zeichner Mark Buckingham und Autor Neil Gaiman haben sich mit ihrem „Miracleman“ ganz ihrer Ideen und Konzepte verschrieben – und diese zu erkennen ist gar nicht so leicht. Eben weil der bewegten Veröffentlichungsgeschichte, den vielen Experimenten durch Vorgänger Moore und dem übergeordneten Plan mit unterschiedlichen Bänden, mal eben so die ganze Comic-Historie um Silver-, Golden- und Dark Ages abbilden zu wollen. Den Einstieg haben uns die Herren noch einfach und ungeheuer atmosphärisch gehalten, wir folgen einer Gruppe von Pilgern die sich den beschwerlichen Weg Tausender von Höhenmetern aufmachen, um den „Neu-Olymp“ zu erklettern. An dessen Spitze Miracleman auf Wanderer warten, sich ihre Anliegen anhören und sogar aushelfen soll. Dieser Prolog zieht den Leser perfekt in die unbekannte Welt. Mark Buckingham, der sich im weiteren Miraclemen 4 - Bild für Beitrag 2Verlauf des Bandes in völlig unterschiedlichen Stilen austoben wird, beschwört mit seinen Bildern eine Tradition von Kevin O’Neils Zeichnungen für „League of extraordinary Gentlemen“, getupft mit psychedelischer Farbgebung die Orientierung und Übersicht erschwert, aber ein Akzeptieren der präsentierten Stimmung erleichtert. Gleichzeitig räumt das Team mit dem Intro bereits die ersten Vorurteile aus dem Weg, die mancher Leser vielleicht mit sich bringt, dass „Miracleman“ nur das britische Pendant zu einem Superman-Comic sein sollte. Die Welt von Miracleman, in vorherigen Ausgaben von Katastrophen und Kämpfen erschüttert, mitunter wurde ein Großteil Englands eingeäschert und wieder aufgebaut, ist eine natürlich gewachsene, damit aber auch völlig andere Erzählwelt. Wenn uns in den folgenden Geschichten Facetten dieser Welt gezeigt werden, stellt sich zwischen viel Verwirrung mit Sicherheit auch ein angenehmes Gefühl der Erhabenheit ein. Denn für diese Welt ist Miracleman gleich zu setzen mit einem wandelnden Gott, der große Probleme zu lösen und die Menschheit in eine bessere Zukunft zu führen weiß, für ein Individuum aber absolut unnahbar ist, wie auch die Pilger nach beschwerlicher Reise auf die Spitze des gigantischen Turms feststellen müssen. Hier setzt für manch einen bereits vielleicht Enttäuschung ein zum falschen Comic gegriffen zu haben, denn all dies gibt einen zwar nur ungefähren, aber wie sich später herausstellt völlig zutreffenden, Ausblick darauf was uns auf den kommenden Seiten erwartet: Es wird keine Superschurken geben, die sich mit dem Mirakulösen toll inszenierte Faustkämpfe liefern, ihr Umfeld verwüsten und One-Liner zum Besten geben. Am Ende wird es nicht mal viel Miracleman geben, denn welche Worte ließen sich einer gottgleichen Figur in den Mund legen ohne ihre Symbolkraft zu schmälern? Stattdessen wird uns „Miracleman 4: Das goldene Zeitalter“ diese (bessere?) Zukunft aus unterschiedlichsten Blickwinkeln näher bringen wollen, mal als kindgerechte Gute-Nacht Geschichte, mal als paranoider Spionage-Thriller und mal als … Andy Warhol der sich nach seinem Tod mit seinen Klonen in einer unterirdischen Stadt wiederfindet und über Popart disku- WAS?!

Hermeneutischer Zirkel statt Komfort-Comic für den freien Nachmittag

Jepp, „Miracleman“ ist „so ein Comic“, ein Band, der wohl auch nach mehrmaligem Lesen vielleicht noch mehr Fragen aufwirft als er beantwortet, gleichzeitig aber auch immer eigene Gedanken, Ideen und die Suche zwischen den Zeilen belohnt. Das macht die Miraclemen 4 - CoverAusgabe absolut zur schweren Kost und disqualifiziert den Comic somit vom gemütlichen Blättern für den Sonntag-Nachmittag. Aber das soll, darf und muss es ja eben natürlich auch geben und man kann sich auch sicher sein, dass Gaiman zwar symbolisch schichtet und schichtet, wie es auch einem Alan Moore eben gemacht hätte, aber dabei nie unnötig prätentiös wird, sich nie mehr in seine eigene Schreibe verliebt als es der Geschichte zuträglich wäre. So wenig wie „League of extraordinary Gentlemen“ ein Avengers-Comic mit viktorianischen Helden ist, so wenig ist Gaimans „Miracleman“ ein simples Abenteuer. Wie auch, wenn wir viele verschiedene Figuren, teils ohne erkennbare Namen und Geschichten sehen, die aber nicht nur im Finale sondern auch zwischendrin, immer wieder miteinander verwoben werden. Dazu trägt auch Buckingham weiter bei, paradoxerweise, denn obwohl er sich bei jeder Story einem ganz anderen Stil verschreibt, ein Schulhof-Gespräch zwischen Jugendgangs gibt’s sogar in Tradition eines Archie-Comics, funktionieren diese Stilbrüche als perfekter Kleister um „Miracleman“ im Gesamtbild zusammen zu halten. In einer übergreifenden Storyline die beim ersten Lesen sicherlich oft zu verwirren weiß, sind wechselnde Stile die perfekten Indikatoren für ein neues Kapitel, mit neuen Figuren, Ideen und Stimmungen – der Gegenentwurf mit Einheitlichkeit über dutzende von Seiten hinweg, hätte den Band höchstwahrscheinlich zu einer grauen, noch schwerer zu erfassenden, Masse werden lassen.

Fazit:

Mit absoluter Sicherheit lässt sich erklären, dass „Das goldene Zeitalter“ die schwerste Comic-Kost ist, die ich seit Langem auf dem Tisch liegen hatte. „Miracleman“ ist einer dieser Comics, der beim ersten Lesedurchgang viel fordert, manchmal auch überfordert, Verwirrung stiftet und einheitliche Gedanken schwer macht. Auf den ersten Blick scheint Buckinghams Querschnitt durch alle Stilrichtungen dieses Gefühl auch noch zu untermauern. „Miracelman“ ist aber auch reich an Entdeckungen, zu gut geschrieben und entworfen um ihn einfach als prätentiös zu ignorieren und atmet eine fühlbar, eigenartige Stimmung zwischen optimistischer Weltverbesserung und absoluter Desorientierung der ganzen Menschheit. All dies macht „Miracleman“ zwar zu Arbeit, aber auch unglaublich neugierig auf mehr. Auf das was Gaiman/Buckingham immer noch liefern wollen, aber auch auf die Vorgängerbände von Alan Moore wo er den Grundstein für all dies gelegt haben muss. Ich bin also angefixt und werde weiter eintauchen wollen, auch wenn es nicht nur für mich, sondern wahrscheinlich auch die meisten Anderen, kein simples „runterlesen“ wäre, sondern immer wieder mit Lesen, Wiederlesen, Hintergründe ermitteln, verbunden wäre – wer mit „Miracleman“ also das Comic-Äquivalent zu einem Ingmar Bergmann oder Jean Luc Goddard Film sucht wird viel eher fündig als der Blockbuster-Fan. Eines allerdings wird mir wohl ewig verschlossen bleiben: Was sollte diese Sache mit Andy Warhol?! Dafür bin ich einfach zu blöd!

„Miracleman 4 – Das goldene Zeitalter“ erscheint im limitierten Hardcover bei Panini Comics, 180 Seiten, 39,00. Gezeichnet von Mark Buckingham, geschrieben von Neil Gaiman
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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