Midnighter 1: Gnadenlos

Dunkler Trenchcoat und der Schrecken aller Ganoven könnten „Midnighter“ zum Möchtegern-Batman schlechthin machen, wären da nicht einige riesige Unterschiede zur dunklen Fledermaus. Wie etwa übermenschliche Superkräfte, technische Gadgets, bei denen selbst Bats doof aus der Höhle schaut. Und ein riesiger Appetit auf Männerherzen.

„Gott schuf Adam und Peter, nicht Klara und Eva“

Obwohl auf dem Midnighter Megaband ganz präsent das „DC“-Logo prangert ist der Bostoner Bursche eine doch etwas andere Ausgeburt. Eigentlich Teil des Wildstorm-Universums, erschaffen als Kommentar und Konterpunkt auf die Helden der Justice League, machte die Figur des sadistischen Lucas „Midnighter“ Trent wohl seine ersten Schlagzeilen als einer der wenigen homosexuellen Superhelden, der dann zusammen mit Stormwatch-Mitglied und Superman-Stellvertreter Apollo sogleich eines der wenigen gleichgeschlechtlichen Comicpaare bildete. Eine Universumsverschmelzung später sind die Wildstorm-Figuren Teil von DC und Midnighter lebt inzwischen von seiner großen Liebe getrennt. Das heißt aber auch, dass er nun auf Alles an Schurken und Helden trifft, was Metropolis und Co. so her geben – und so trifft der Prügelknabe auf die Suicide Squad, Tierschützer Freedom Beast, Dick Grayson und die Spionageorganisation Spyral, sowie eine ganze Menge One-Night-Stands. Sowie natürlich auch Ex Apollo. Und all dies nur, weil er gestohlene Technologie aus dem „Gottgarten“ wiederbeschaffen will. Jene Technologie die ihn und seine Fähigkeiten geschaffen hat und die in den falschen Händen zum größten Chaos fähig sein könnte. Welch schöne Ironie, dass gerade der schwule Midnighter dem Techno-Äquivalent des Garten Edens entsprungen sein dürfte …

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Kein Leerlauf. Niemals!

Mir landet ja so mancher Megaband auf dem Tisch; einmal ein besserer, dann vielleicht ein schlechterer Green Arrow, mal die anspruchsvolle Hochkultur eines „Miracleman“ und mal einfach ein gut gemachter Superman von den ganz Großen des Mediums. All diese unterschiedlichen Ansätze verbindet, dass durch die Sammlung im Megaband sich ein Einstellen von Langeweile manchmal nicht vermeiden lässt– vielleicht sind einige der enthaltenen Einzelausgaben nicht so gut wie der Rest, vielleicht bemerkt man zu stark die Arbeit eines Gastautors/Zeichners. Oder vielleicht liest man sich gegen Mitte auch einfach etwas satt und braucht ein kleines Päuschen, bevor man sich an die zweite Hälfte machen kann. Wo der Grund auch liegt, bei „Midnighter“ wird man ihn nicht suchen müssen, denn Langeweile kommt über die gesamte Länge des Bandes eigentlich nie auf. Autor Steve Orlando bekam mit Midnighter seinen ersten wirklichen fortlaufenden Comic, arbeitet hier aber über die vollen zwölf Ausgaben mit einer Selbstsicherheit, die einen verdutzt auf die Credits schauen lässt. Die Figur, ursprünglich erschaffen von Warren Ellis, der ja bekannt sein dürfte für Versuche des Neuen, Verrückten und Ungewöhnlichen, fühlt sich unter Orlandos Schreibe an wie beim Meister persönlich. Der Frischling scheint in den verrückten Grundsteinen des Midnighters völlig aufzugehen und macht selbst aus Vom-Teufel-Besessenen Knarren, Cyborg-Werwölfen und Teleportations-Spielchen, noch gelungenen Superhelden-Comic. Selbst wenn dieser manchmal sogar zu überfordern weiß.

Gemeinsam Anders

midnighter-1-megaband-bild-fuer-beitragDenn stellenweise sind Panels und Seiten voll, dass unsereins sicherlich mit den Ohren schlackert. Da Chaos und eine Portion Wahnsinn im Alltag des Midnighters jedoch normal sind funktioniert der Comic selbst dann hervorragend. Als Leser bekommt man weniger das Gefühl etwas zu verpassen, sondern viel mehr nicht alles verstehen zu müssen und trotzdem das Wichtige genießen zu können. Dass dabei im Verlauf der zwölf Ausgaben insgesamt fünf verschiedene Zeichner am Werk waren, darunter David Messina, Stephen Mooney, aber hauptsächlich die unter dem Spitznamen „ACO“ zeichnende Ann-Catherine Ott, bemerkt man dabei nur positiv. Zwar zersplittert der Gesamtton des Bandes hier durchaus, franzt aber nie zur Unverkennbarkeit aus – die Episoden, die Midnighter an der Seite von Dick Grayson und Spyral erlebt unterscheiden sich optisch sicherlich von Otts Ausführungen. Aber alle Zeichner scheinen sich über den Kern der Figur und der Geschichte im Klaren, ziehen immer an einem Strang und geben so ihrem Teil der Story ein eigenes Flair ohne es aus dem Gesamtbild reißen zu müssen. Und apropos „zersplittern“: ACO scheint genau die richtige Wahl für die besonders verrückten Ideen zum Einstieg des Bandes – während die Ereignisse rund um Spyral oder die Suicide Squad eher wie gewohnter Superhelden-Comic funktionieren und dadurch auch gerne so gezeichnet werden können, scheint Ott an Panel-Experimenten interessiert. Sie zeichnet lieber kleine Detailausschnitte und Momentaufnahmen, die den aberwitzig schnellen Kalkulationen des Midnighters eine passende Form verleihen. Wie sonst sollte man also einen alles durchrechnenden Supercomputer im Hirn des Helden darstellen? Moment … Was?!

Lust in den Lenden, Computer im Kopf und Herz in der Brust

Jap, richtig gehört. Denn für den insgesamt eher verrückten Ton des grimmigen Batman-Cosplayers sorgen nicht allein die ungewöhnlicheren Abenteuer oder eine experimentelle Optik. Der Midnighter ist als Held bereits schon befremdlich entworfen; ein, von einer gottgleichen Wissenschaftlerin entführter, zerlegter und kybernetisch neu zusammengebauter Waisenjunge, ohne Erinnerungen an sein früheres Leben. Dafür aber mit Wolverine-gleichen Selbstheilungskräften und einem Supercomputer im Hirn ausgestattet. Letzterer ermöglicht es dem Schwarzträger jede Kampfhandlung seines Gegenübers zu errechnen und zu umgehen. Das Midnighter dadurch eigentlich immer die Oberhand behält ist dabei wahrscheinlich die größte Geschmacksfrage. Für mich persönlich verlieren Geschichten über zu starke Recken schnell das Element der tatsächlichen Bedrohung und Schwierigkeiten, im Falle des Midnighters kann ich die Faszination aber durchaus nachvollziehen. Steve Orlando stellt uns an die Seite eines überheblichen, aber auch überbegabten, Selbstjustizler, der es jederzeit genießt dem Gesindel, das ihm gegenüber steht überlegen zu sein. Dass dies nicht in nerviger Selbstverliebtheit endet, wie sie die Figuren eines Frank Millersmidnighter-1-megaband-cover inzwischen regelmäßig fabrizieren, hat auch damit zu tun, dass Lucas Trent sich außerhalb seiner Midnighter-Kutte viel verletzlicher zeigt. Der sexuell freizügig lebende Superheld hat zwar dauernd einen anderen Kerl an der Hand und auch ohne Maske einen flotten Spruch auf den Lippen, aber zeigt dabei immer wieder verletzliche und unsichere Züge. Dadurch bilden gerade die längeren Beziehungen zu dem Normalsterblichen Matt, aber auch Midnighters wiederholtes Aufeinandertreffen mit Ex Apollo, das stabile Gerüst. Dieser Rahmen hält „Midnighter“ weiter zusammen, auch durch längerfristige Storylines hindurch. Selbst im größten Chaos zwischen Alien-Technologie, Verrat und Superkillern beginnt und endet, steht und fällt alles mit Lucas Trents privaten Kontakten. Das Steve Orlando all diese ruhigen Momente zwischen Mann und Mann mit einer Natürlichkeit zu schreiben weiß, ohne die wohl die gesamte Geschichte nicht funktioniert hätte, ist dabei nichts weiter als ein weiteres kleines Wunder. Und muss trotz der Seltenheit, die dieses Thema in Comics immer noch abbildet, gar nicht groß weiter ausgeführt werden. Orlando beweist hier „nur“, dass er es auf Anhieb schafft eine so facettenreiche Figur wie den Midnighter, perfekt zu treffen, zu bebildern und die richtigen Worte in den Mund zu legen, ob im zwischenmenschlichen Miteinander oder einer achterbahnigen Action-Szene. Und das ist sicherlich etwas wo selbst etablierte Autoren noch in regelmäßigen Abständen doch immer wieder drüber stolpern. Respekt!

Fazit:

„Midnighter: Gnadenlos“ ist eine Portion Megaband, die sich auch wirklich „Mega“ anfühlt. Was Autor Steve Orlando zusammen mit seiner Zeichnertruppe in die 268 Seiten presst, ist an Umfang und Abwechslung kaum zu überbieten. Dabei sind einige Episoden vielleicht mal etwas (zu) viel, mag sich fast das Gefühl der Übersättigung einstellen, aber bevor es lange grummeln kann, versöhnt das nächste Abenteuer bereits mit einem gelungenen, emotionalen Moment oder einer irrwitzigen Idee. Am Ende ist „Midnighter“ für mich zwar nicht perfekter Comic, vielleicht habe ich Probleme mit der Übermenschlichkeit der Figur, vielleicht holt mich das Batman-Cosplay nicht ab. Aber es ist auch in meinen Augen ein wahnsinnig gutes, temporeiches Lesevergnügen, dass ich jedem ans Herz legen kann und möchte. Alleine schon auf die Chance hin, dass sich da draußen einige Leser befinden dürften, für die Midnighters verrückte Abenteuer DER Comic des Jahres 2016 werden könnten. Und die Möglichkeit darauf sollte sich niemand entgehen lassen.

„Midnighter 1: Gnadenlos“ erscheint bei Panini Comics im Softcover, 268 Seiten, 28,00€. Autor Steve Orlando, Zeichner ACO.
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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