Manifest Destiny 1: Flora & Fauna

Hat sich Cross Cult mit dieser Image-Serie noch unentdecktes Land gesichert, dass es auch wert ist vom Leser beackert zu werden?

Lewis und Clark. Und Monster. Und Zombies.

Wir schreiben das Jahr 1804 und die beiden Entdecker Meriwether Lewis und William Clark sind unterwegs zu ihrer geschichtsträchtigen Reise in den noch unerforschten Westen der USA. Das erste Ziel ihrer Unternehmung ist die Enklave La Charrette, ein kleines Fort inmitten der Wildnis. Doch schon auf dem Weg dorthin begegnen sie unheimlichen und schlimmer noch, unerklärlichen Widrigkeiten unter denen eine klippenspringende Indianerin noch die Harmloseste darstellt. Denn bald schon wird den beiden Captains klar, dass an ihrem Auftrag nicht nur simpler Aberglaube dran ist: Präsident Jefferson befahl ihnen nicht nur die günstigste Route in den Westen zu vermessen, sondern dabei auch jede Bedrohung auszulöschen, die für amerikanische Siedler eine Gefahr darstellen könnten. Seien es „nur“ Indianer oder auch Ureinwohner des Kontinents von einer ganz besonders unheimlichen Sorte …

Debüt durch die BankManifest Cover

Mit „Manifest Destiny“ steht uns gleich ein doppeltes Debüt ins Haus, denn sowohl Autor Chris Dingess als auch Zeichner Matthew Roberts sind eigentlich unbeschriebene Blätter, die hier ihren Einstand im Medium feiern. Das lassen sie sich allerdings keine Minute anmerken, denn der erste Band dieser neuen On-Going präsentiert sich von Beginn an, wie einer der ganz Großen. Roberts Zeichnungen sind eine Wucht, besonders wenn er sich an den Monstern und Märchenmotiven austoben darf. Gerade bei diesen Schauwerten hätte es sicher weh getan, wenn hier geschlampt worden wäre, allerdings ist hier Roberts wie ein Altmeister über fast jeden Zweifel erhaben. Lediglich die oft leeren Hintergründe fallen negativ auf. Oft sind sie in sich schlüssig, wenn eine wutrote Grundlage wohl besser zu allem passt, was ihm Vordergrund an Action passiert; aber gerade in den Dialogszenen wirken die Panels dadurch zu leer und verschenken unnötig Möglichkeit, um eine noch dichtere Atmosphäre zu schüren.

Sauhunde mit göttlichem Auftrag

Manifest - Bild für Beitrag 1Wie erwähnt, auch auf der Autorenseite liest sich „Manifest Destiny“ wie ein Comic, der bekannter Feder eines Joshua Williamson oder dem Duo Palmiotti/Gray entsprungen sein könnte. Dingess verliert keine Zeit seine Welt mit ordentlich Mysterien anzureichern, die auf spannende Wendungen und interessante Set-Pieces für die weiteren Bände hoffen lassen. Außerdem schafft er es mühelos die interessante Frage zu beantworten, wie sich die Idee des „Manifest Destiny“, der göttlichen Bestimmung der USA ihre Expansion in den Westen voranzutreiben, in einem Comic heutzutage unterbringen lässt. Denn als Kinder der Geschichte ist dieser Expansionsdrang, der vor nichts und niemandem halt machte, natürlich deutlich kritischer zu betrachten als aus der Sicht der handelnden Figuren. Statt uns also Saubermänner zu präsentieren, die sich damals sicherlich selbst als Helden angesehen hätten, vom modernen Leser aber ohne ein Seufzen so sicher nicht zu ertragen wären, ist ein Großteil der Mannschaft der Lewis & Clarks-Expedition ziemlich verkommen. Wir reden hier nicht von einem „Suicide Squad“ an Anti-Helden und Schurken, dies nicht anders verdient haben, sondern lediglich von simplen Soldaten und Verlierern, die wohl auch kaum eine andere Gelegenheit gehabt hätten, noch irgendwie ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Was uns als Leser einen super Spagat ermöglicht zwischen Mitgefühl für die armen Seelen, die doch nur irgendwie ihren Unterhalt bestreiten wollen, gleichzeitig aber die Zeche dafür zahlen müssen, dass sie sich über ihren Horizont hinauswagen, mit einem großen Ballast an Überlegenheitsgefühl und Respektlosigkeit allem Fremden gegenüber. Manch einem könnte insgesamt für die ersten Ausgaben in diesem Band zu wenig passieren, was das eigentliche Voranschreiten des Plots betrifft, dies sollte aber für die wenigsten Leser ein großes Problem darstellen, ist doch was wir sehen, an Charakterinteraktion, Dialogen und Rückblicken immer interessant genug.

Fazit:

Sauberer erster Auftritt! In „Flora und Fauna“ liefern Matthew Roberts und Chris Dingess ein A-Game wie man es von etablierten Veteranen des Mediums auch nicht immer serviert bekommt. Die Prämisse ist frisch, die Figurenkonstellation passend und die Zeichnungen sind stimmig. Die wenigen Patzer verzeiht man „Manifest Destiny“ also gerne, daher lässt sich der Band bedingungslos allen empfehlen, die dank Cover und Tagline zwar interessiert, aber noch vorm endgültigen Kauf zurückgescheut haben.

zur Leseprobe

„Manifest Destiny 1 – Flora & Fauna“ erschienen bei Cross-Cult im Hardcover, 118 Seiten, 20,00€. Von Chris Dingess, Matthew Roberts und Owen Gieni

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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