Karnak: Der Makeln in allen Dingen

In „Der Makel in allen Dingen“ schickt Warren Ellis den Inhuman Karnak auf eine ungewisse SHIELD-Mission – gegen einen Kult, gegen einen neugeborenen Gott und gegen den perfekten Anstrich einer verwundbaren Welt.

Figur und Autor; Faust auf Auge?

Nach nur wenigen Zeilen der Prämisse, dürften die Meisten bereits davon überzeugt sein, dass hier ein Titel vor einem liegt, der fugenlos ineinander greift. Denn wenn ein Autor wie Ellis, der sich den Superhelden in seinen Geschichten immer von einer ganz anderen Seite zu nähern scheint, mit einer Geschichte rund um einen außerirdischen Zen-Mönch beauftragt wird, hat das eigentlich zu passen wie Arsch auf Eimer. „Normal kann jeder, Wahnsinn dagegen fasziniert“ – vielleicht keine Unterschrift, die man simpel unter jedes Ellis-Werk setzen will und muss, aber ein Gespür für Abgründe und das Kaputte kommen in Werken wie „Supergod“ oder „Moon Knight“ völlig ungeniert zum Vorschein. Und nun dann also Karnak, einer der wenigen Inhumans, der von den Superkräfte-erzeugenden Terrigen-Nebeln unberührt blieb – aber dank Meditation und trainierter Physis dennoch eine übermenschliche Stärke sein Eigen nennen kennen. Und dazu noch eine ganz außergewöhnliche Fähigkeit: Karnak ist in der Lage in jedem Ding, in jedem Lebewesen, einen Schwachpunkt zu finden und zu seinen Gunsten auszunutzen – sei es nur das simple Zerbrechen einer Glasscheibe oder das Stürzen eines gottgleichen Superwesens. Denn genau für die letztere Aufgabe lässt sich Karnak von den SHIELD-Agenten Coulson und Simmons anheuern, denn ein von den Nebeln berührte Jugendlicher verfügt nach der Verwandlung über schier unglaubliche Superkräfte, wirkt unangreifbar, perfekt, makellos.


Geteilte Zeichenfreud

Die Zeichenarbeit teilen sich dabei Roland Boschi und Gerardo Zaffino, Letzterer übernimmt dabei den Start der Geschichte und darf hier bei einem Stand-Off zwischen Karnak und einem eher altersschwachen Widersacher herrlich, dreckige Panels aufs Papier zaubern. Blutrot und schwarz fast bis zur Unübersichtlichkeit, aber absolut passend für den verbalen Schlagabtausch, den Karnak mit fast jedem seiner Widersacher führt. Boschi dagegen übernimmt zum Finale hin, wo es zwar deutlich übersichtlicher, aber nicht weniger surrealer wird. „Surrealer“ ist in diesem Kontext nicht als bildgewaltiger Mindfuck zu verstehen, wo das Verloren sein und die unklaren Anker zum Lese-Ergebnis gehören sollen; „Karnak“ ist kein „Multiversity“ à la Morrison. Für „Der Makel in allen Dingen“ bedeutet es lediglich, dass das nächste Panel, sowohl auf Handlungs- als auch auf Inhaltsseite, möglichst schwer vorhersehbar gehalten wird. Diese Unsicherheit bildet ein großes Plus des Bandes und hält bei der Stange und wenn Ellis und seine Zeichner die Erwartungen dann tatsächlich gewollt unterlaufen, halten sie diese Stimmung bis zur letzten Seite aufrecht. Das macht „Karnak“ zu einem Comic, der auf jeden Fall in der „seltsamen“ Ecke zu verankern ist – und der es nicht über die ganze Strecke schafft dieses Prädikat in ein absolutes „Lesenswert“ umzuwandeln.

Der Makel beim Blick in den Spiegel?

Denn „Karnaks“ namensgebende Hauptfigur und damit die gesamte Geschichte, hat ein Sympathie-Problem – der Inhumans-Mönch ist faszinierend fremd und bietet uns doch mit ausgiebigem Monologen Einblick in seine Gedanken- und Wertewelt. Besonders im Gegenüber mit seinen Gegenspielern, die ihm am ehesten zu verstehen scheinen und ihm dennoch nicht gewachsen sind, versucht Ellis voll aufzutrumpfen und holt sich damit gleichzeitig Probleme ins Boot, die das Ganze heftig hochwanken lassen und nicht immer ausbalanciert werden können. Ein offensichtliches Problem teilt Karnak mit anderen Superhelden, die ihren Gegnern in allen Belangen überlegen sind; es ist schwierig den Leser über die Ebene des Plots für die Spannung zu interessieren, auf keiner Seite bekommt man das Gefühl, dass Karnak nicht mehr Herr der Lage sein könnte, dass er nicht als Sieger hervorgehen könnte. Das macht große Ideen (auch die Verrücktesten) zu reinen Set-Pieces statt tatsächlicher Stimmungsmacher, Karnak schleicht stellenweise genauso lustlos durch die Panels wie Lesers Augen und das, paradoxerweise, trotz der wie im letzten Abschnitt erwähnten Unvorhersehbarkeiten. Dieses Problem ließe sich natürlich noch ausgleichen, gerade im Superhelden-Comic ist das Übermächtige ja Teil der DNA einiger Figuren und die unterschiedlichsten Autoren, haben sich die verschiedensten Lösungen einfallen lassen, um dennoch eine packende Handlung zu inszenieren. Und hier zeigt sich der zweite Makel an Karnaks Auftreten – die an Philosophie interessierten Dia- und vor allem Monologe können ihre Aussagen nur unzureichend vermitteln. Ellis gibt den anderen Figuren hier zu wenig Raum, ob den verbündeten SHIELD-Agenten oder den Antagonisten, die Meisten bleiben Stichwortgeber und Folien um Karnaks Denkweise ins Panel zu projizieren. Diese Einseitigkeit führt dann letztendlich auch dazu, dass wenig von dem was aus Karnaks Mund kommt auch tatsächlich etwas über falsche Perfektion und den Makel des Universums zu sagen hat, sondern stattdessen nur nach dem üblichen Nihilismus-Floskeln einer mittelmäßigen „Sin City“-Kopie klingt.

Fazit:

„Karnak“ trifft, trotz perfekter Besetzung, nur den paradoxen Mittelweg statt direkt ins Schwarze. Autor und Figuren scheinen eigentlich wie füreinander gemacht, dazu kommen mal dreckige, mal klare Zeichnungen, die sich dem „Inhumanen“ des Bandes jederzeit anzunehmen wissen. Doch das alleine reicht am Ende nicht um aus Karnak einen wirklich empfehlenswerten Comic für die breite Masse zu machen, dafür fällt das was es letztendlich ins Panel schafft, zu langweilig aus und das trotz ordentlichen Unterbaus was Karnaks Denke angeht. Plot und Hauptfigur müssten hier entweder stärker Hand in Hand gehen oder einer von Beiden das Rampenlicht für sich so einnehmend beanspruchen, dass man das Andere nicht mehr vermisst, beides ist hier allerdings nicht der Fall. Jahrelange Fans von Warren Ellis sollten trotzdem mal reinschauen, den Karnak macht keinen Hehl daraus nicht für den Einheits-Geschmack gemacht worden zu sein – und was so also dem Rezensenten vielleicht nicht zugesagt hatte, könnte für den Anderen ein angenehm-überraschender Griff ins Comic-Regal werden.

„Karnak: Der Makel in allen Dingen“ erscheint bei Panini Comics im Softcover, 16,99€, 140 Seiten. Von Warren Ellis, Gerardo Zaffino und Roland Boschi.
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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