Kameraden

In „Kameraden“ wagen sich die Autoren Benoît Abtey und Jean-Baptiste Dusséaux an eine Jahre umspannende Liebesgeschichte im alternativ-historischen Gewand und das alles vor dem Hintergrund einer der größten Umwälzungen des 20. Jahrhunderts.

Eine Romanze im revolutionären Strudel

Denn wie das Rot des Titelcovers vermuten lässt, spielt „Kameraden“ vor, während und nach den Wirren der russischen Oktoberrevolution. Alle bekannten Namen dieser Jahre sind versammelt, ob Lenin, Trotzki oder Zar Nikolaus und die anderen Romanows. Diese stehen auch im Zentrum der Handlung: Zarentochter Anastasia hat sich inmitten des Chaos in den Rotgardisten Wolodja verliebt und als das Volk droht den Adel abzusetzen geraten alle in einen jahrelangen Strudel aus Flucht, Verrat und Gewalt – der sich weit über das Ende des ersten Weltkrieges bis über den russisch-polnischen Krieg hinaus fortsetzt. Einzige Konstante scheint die unerbittliche Jagd nach Wolodja und Anastasia zu sein, stets verfolgt von dem unerbittlichen Ex-Ochrana Agenten Joseph Vissarionovich – uns wohl allen besser bekannt als Joseph Stalin.

Geschichtswissen willkommen!

Dabei macht „Kameraden“ an keiner Stelle einen Hehl daraus, dass es Leser mit Vorwissen zur Oktoberrevolution und den frühen Tagen des Sowjet-Staates bevorzugt – unter „den Roten“ dürfte sich jeder was vorstellen können, wenn man allerdings noch nie von „den Weißen“ gehört hat, fühlt man sich hier schnell abgehängt. Das gilt auch für das weitere Spiel zwischen Fiktion und Realität – denn mit dem Auserzählen einer erfolgreichen Flucht der Zaren-Familie gönnen sich die Autoren ja ein ordentliches Maß an kreativer Freiheit, all das aber stets vor einem Hintergrund geschichtlicher Ereignisse. Wer also in dem verlockenden Cover eine entertainige Geschichtseinführung in diese Epoche vermutet, liegt falsch. Der Comic ist kein „Sturz der Titanen“ im Zuge eines Ken Follets, sondern erinnert mit seiner Märchenhaftigkeit eher an die Trickfilm-Version eines „Anastasias“ aus dem Hause 20th Century Fox. Das liegt auch daran, dass „Kameraden“ bei der Betonung seiner Elemente ausgesprochen wählerisch ist – die großen Wendepunkte der Revolutionstage werden von dem Comic gerne mal übersprungen und ausgespart, stattdessen zieht sich der Fokus stets auf das Liebespaar und ihrer Familien. Und selbst hier werden die Momente des erhöhten Dramas, da kann es auch mal um das Leben der Verwandtschaft gehen, ebenfalls mal „übersprungen“ und stattdessen die Nachwirkungen in den Fokus gerückt.

Einsamer Marsch statt Arm in Arm?

Dieser Ansatz macht „Kameraden“ zu einem ausgesprochen paradoxen Getier, welches es schwer haben dürfte besonders eine Frage zu beantworten: Welcher Leser wird mit dieser Revolutions-Liebesgeschichte wirklich glücklich? Für den historisch Interessierten, der mit einem Blick auf das große Ganze zu dem Band greift, dürfte das Hinwegwischen von Ereignissen die ganze Geschichtsbücher füllen, nur wenig interessant sein. Auf der anderen Seite dürften sich aber auch die Freunde von schiwagoschem Herzschmerz hier absolut nicht zu Hause fühlen, denn sowohl die Liebesgeschichte als auch die Figurenzeichnung ist ungeheuer schwach. Anastasia und Wolodja sind eindimensional „gute“ Figuren, was alleine noch kein Problem wäre. Zusätzlich lässt aber das atemberaubende Tempo in dem die Geschichte vor sich hin jagt kaum Gelegenheit um irgendein Verhältnis zu diesen Figuren aufzubauen. Selbst groß angelegtes Drama, wie das Wolodja und Stalin einstmals befreundet sein sollten und nun auf feindlichen Seiten stehen, verpufft in wenigen Seiten. Trotz seiner strammen Seitenzahl von 168 Seiten, wirkt der Band durchgehend gehetzt, man glaubt als Leser förmlich sehen zu können, was hier mit zwei, drei, vielleicht sogar vier Bänden, evtl. machbar gewesen wäre. Dieses Tempo zwingt die Handlung dann stellenweise zu einer erschreckenden Naivität, da schafft Zar Nikolaus mal jahrhundertelange Strukturen einfach so ab, nur weil seine Tochter ihm zwei Panel vorher gebeichtet hat, dass Sie sich in einen bürgerlichen verliebt hat. Wahnsinn!

Ambitionen und ihre Grenzen

Der Band ist stets lobenswert ambitioniert, viel zu oft allerdings völlig überambitioniert. Daraus resultiert das letztendliche Gefühl, eine für 400 Seiten konzipierte Geschichte zu lesen, die in weniger als die Hälfte der Seiten gepresst werden muss. Das Abtey und Dusséaux eigentlich nicht ganz aus ihrem Fahrwasser sind, kann man auch schön an den absolut gelungenen Schlussseiten sehen. Hier ergehen sie sich in eine gelungene und nie prätentiöse, weil angenehm kurze, meta-narrative Debatte über das Fiktionalisieren von Geschichte an sich, die, wenn auch mit deutlichen Abstrichen, an die Schlussminuten eines „Life of Pi“ erinnert und den Band zu einem schönen, runden Abschluss führen kann. Die Ideen schienen also da, oftmals allerdings wie überladene Starkstromkabel in alle Richtungen auszuschlagen. So steht das gelungene Ende einige andere, emotional völlig überfrachtete Szenen gegenüber – die deutlichste dürfte dabei wohl sein, wenn Zar Nikolaus inkognito auf einen jungen deutschen Soldaten mit extremen Ansichten trifft, über das „Führen einer Nation“ angeht. Wer beschließt das Schockpotenzial dieses Kapitels auf das letzte Panel auszubauen, sollte sich dabei jederzeit bewusst sein, wie sehr er droht seine eigene Geschichte mit dem Holzhammer so platt zu stampfen wie es nur möglich scheint. Denn dieser Moment strahlt wenig überzeugend auf den restlichen Band aus und rundet für den Leser weiter das Gefühl ab, dass sich die Autoren insgesamt doch überhoben haben dürften.

Rot-Weiße Schlachtfelder

Zeichnerin Mayalen Goust kann den ihr eingeräumten Platz  dabei aber durchaus ansehnlich nutzen, wenn schon die Panels nicht die Charakterentwicklung vorantreiben, geben sie ihr immerhin die Möglichkeit oftmals hoch-atmosphärische Panoramen aufs Papier zu zaubern. Die offensichtliche Farbsymbolik vom Rot der Revolution, des Blutes und Anastasias Haare auf dem schneeweißen Hintergrund der russischen Einöde, funktioniert dabei genauso gut, wie historisch-akkurat wirkendes Figuren-, Kostüm- und Uniformsdesign. Die Stimmung des russischen, revolutionären Winters überträgt und funktioniert eigentlich auf jeder Seite. Wenn es dann auch mal handgreiflich oder kriegerisch zur Sache geht, weiß Goust noch einmal besonders zu punkten, ihr Zeichenstrich verkuddelmuddelt sich an dieser Stelle zu einem heillosen und doch zu erahnenden Chaos, welches diese Momente von Leben und Tod emotional absolut einzufangen weiß.

Fazit:

Mit ihrem Comic machen es uns die Kameraden Abtey und Dussétaux nicht einfach – die Liebe fürs Setting sind ebenso deutlich erkennbar wie ein fundiertes Wissen um die Historie und scheinen eine gute Ausgangslage für die Fiktionalisierung und Überhöhung einzelner, historischer Persönlichkeiten in diesen revolutionären Tagen. Allerdings verlieren die Autoren darüber hinaus den Fokus ihrer Geschichte stellenweise komplett aus den Augen und dürften mit einseitigen Charakteren, die wir kaum kennen lernen, weder die Tragik-Fraktion gewinnen, noch mit ihrem überstürzten Tempo, welches geschichtliche Highlights gerne komplett auslässt, den Freund greifbar gemachter Geschichte für sich gewinnen. „Kameraden“ kommt durch Mayalen Gousts ansprechende Zeichnungen zwar im schicken Pelz verpackt, dürfte es aber dennoch schwer haben mit einer breiten Leserschaft wirklich warm zu werden.

zur Leseprobe
„Kameraden“ erscheint bei Splitter im Hardcover, 168 Seiten für 24,80€. Von Benoît Abtey, Jean Baptiste Dusséaux und Mayalen Goust.

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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