Iron Fist 1: Endspiel

2006 holten die damals schon großen, inzwischen noch viel größeren, Namen Fraction, Aja, Brubaker und Hollingsworth einen von Marvels vergessenen Helden zurück auf die Bildfläche. Mit „Endspiel“ bekommt der Start dieses Abenteuers nun auch bei Panini eine Veröffentlichung.

Kung Fu, Hydra und Legenden!

Milliardenerbe und Unternehmersohn Danny Rand hängt statt hinter dem Schreibtisch beim Shareholder-Meeting, lieber nachts auf den gefährlichen Straßen Hells Kitchen ab. Denn Rand ist „The Immortal Iron Fist“, Beschützer und Martial Artist, ausgebildet in der mythischen Bergstadt K’un-Lun. Neben den weltlichen Bedrohungen durch Gelegenheitsräubern und Kleinkriminellen drohen Rand allerdings noch ganz andere Schergen: die Terrororganisation HYDRA hat die Fühler nach Rand Industries ausgestreckt, angeführt von einem Dannys ältester Feinde. Und dann taucht auch noch ein weiterer Handkantenschläger im grünen Kostüm mit gelber Maske auf – und behauptet doch tatsächlich der „wahre“ Iron Fist zu sein!

Iron Fist Endspiel - Bild für Beitrag 2
Stolpernde Titanen

Iron Fist Endspiel - Bild für Beitrag 1Iron Fist ist den meisten Marvel-Lesern sicher ein Begriff, wenn auch vielleicht nur aus Team-Ups und Gastauftritten. Kein Wunder also, dass das Autorengespann Ed Brubaker/Matt Fraction hier vor einer großen Aufgabe stand; denn nicht nur galt es Danny Rand zurück zum „modernen“ Leser zu bringen, sondern gleichzeitig eine schon bestehende Historie aus exotischen Ideen wie tibetischen Städten, Klöstern und generell asiatischen Einflüssen an neue Leser heran zu führen. Und dazu soll das Ganze am Ende ja auch noch aussehen wie ein Superheldencomic, mit spannenden Kloppereien und fiesen Überraschungen. Eine Mission gemacht wie für diese Zwei, denn Brubaker modernisierte zu dieser Zeit gerade erfolgreich „Captain America“, während Matt Fraction mit seinem späteren „Hawkeye“ auf die Spitze trieb, wie gut er mit den kleineren, geerdeteren Marvel-Männern umzugehen weiß. Das diese Rechnung nicht ganz aufgeht ist wohl schon die größte Überraschung an „Iron Fist – Endspiel“ – dem Autorengespann gelingt es problemlos den Kosmos um interessante Facetten zu erweitern, bspw. die Iron Fist Inkarnationen früherer Jahrhunderte, die so gut gelungen sind, dass man über jede Einzelne einen eigenen Comic lesen wollen würde. Andererseits aber geht dieses World-Building absolut zu Kosten des tatsächlichen Geschehens – der Plot um Hydra-Schergen und alte Feinde bietet nur stellenweise Aufregendes, kommt stattdessen klassisch daher. „Endspiel“ ist also trotz seines evozierenden Titels eher Aufschwung und Vorbereitung für Kommendes als ein für sich stehendes Abenteuer.

Lichtblicke

Was allerdings nicht heißen soll, dass Iron Fists Auftritt damit simpel im Mittelfeld versinkt. Denn viele Einzelsequenzen positionieren sichIron Fist Endspiel - Cover als absolut gelungene Inselchen voll gelungener Charaktermomente und knackiger Ein-Seiten Dramaturgie. So hüpft Danny bei einem Gespräch mit Matt „Daredevil“ Murdock mal ruhelos im Schatten auf und ab oder die oben schon erwähnten früheren Iron Fists erzählen kurze (weniger als zwei Seiten) spannende Abenteuer. Dass dies gelingt liegt dabei in großen Teilen auch an den Zeichnern wie Sal Buscema, Russ Heath Jr. und allen voran David Aja. Zusammen mit den Farben von Matt Hollingsworth (später auch bei Ajas „Hawkeye“ mit dabei, zuletzt bei „Wytches“ und „Chrononauts“) werden die Panels zwar stellenweise schon dreckig dunkel, aber nie unübersichtlich und immer knisternd atmosphärisch. Und dabei bewegt sich „Endspiel“ auch noch durch alle Stile. Mal dominiert das stimmungsorientierte Panel mit wenig Details und kontrastreicher Farbdichte, dann wieder lassen die Macher ein schon gemäldeartiges, splashpage-großes K’un-Lun entstehen. Diese Dichte an Abwechslung kann den Band bis zur letzten Seite interessant halten, trägt aber auch weiter zu dem entstandenen Eindruck auf Story-Ebene bei: das es sich bei „Endspiel“ immer um eine Sammlung toller Einzelstücke handelt, die leider nur selten zu einem Ganzen verschweißt werden können. Insgesamt kann so ein weiteres Ziel auch nur teil-erfüllt werden, denn für neue Leser ist all das so interessant wie gleichzeitig zu viel. Durch die stilistischen Sprünge und häufigen Rückblenden und Parallelen kann schon mal das Gesamtbild verloren gehen, wer jetzt eigentlich mit wem verwandt ist oder seit wie viel Jahrzehnten schon im Clinch liegt.

Fazit:

Die Hauptmission einer laufenden Comic-Reihe kann „Iron Fist – Endspiel“ auf jeden Fall erfüllen: als Leser wird man genug interessiert, um unbedingt erfahren zu müssen, wie es weitergeht, der Nachfolgeband darf also gar nicht schnell genug kommen. Dafür sorgen das tolle World-Building, schöne Charaktermomente und ein stets vorherrschendes Gefühl, dass alle Schaffenden ein wirkliches Interesse an Story und Figuren hatten. Schade allerdings, dass die Geschichte bei der Kür auch mal patzt, gerade gemessen an den großen Namen, die auf dem Cover prahlen. Denn den Herren Fraction und Brubaker traut man eigentlich problemlos zu, all die geworfenen Bälle elegant in der Luft zu halten. Wenn die Chef-Jongleure dann auch mal den Blick fürs große Ganze verlieren ist dies allerdings Meckern auf höchstem Niveau – und „Endspiel“ damit trotzdem eine Empfehlung für alle Martial Arts-Fans und Serien-Interessierte.

zur Leseprobe

„Iron Fist 1: Endspiel“ erscheint bei Panini Comics im Softcover, von Matt Fraction, Ed Brubaker, David Aja und Matt Hollingsworth, 164 Seiten, 16,99€

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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