Irokesen

Ford, May, Leone – der Wilde Westen und seine Cowboys wurden bereits von vielen Stimmen verarbeitet. Der Nachbar im französisch/kanadischen Norden kam in der pop-kulturellen Betrachtung dagegen deutlich kürzer weg. Hiergegen arbeitet der Franzose Patrick Prugne allerdings fleißig an, nun auch mit seinem Doppelband „Irokesen“.

Für einen Sack voll Pelze mehr

Der Wilde Westen und seine unerforschten Schätze bieten allerlei Zündstoff für das große Abenteuer rund um Goldadern, Land und unentdeckte Weiten. Deutlich weniger präsent im Gedächtnis der breiten Masse ist allerdings ein Umstand, der fast schon kurios klingen mag, wenn man etwas, das einen völkerumspannenden Konflikt zur Folge hat, denn „kurios“ nennen möchte: In den französischen Territorien des frühen Kanadas wurde sogar Krieg um (Biber)Felle geführt, in den passend betitelten „Biberkriegen“. Natürlich gehen die tatsächlichen Ursachen weit darüber hinaus, es ging auch um territoriale Einflüsse der europäischen Entdecker und altgedienten Feindschaften zwischen eng verwurzelten Ureinwohner-Stämmen und ihren Gebietsansprüchen. Nichtsdestotrotz beschleunigte und eskalierte die plötzlich gigantische Nachfrage nach Fellen aus der alten Welt die Konflikte der neuen Welt. In genau diesen Wirrungen setzt Prugne dann auch seine Geschichte an, der Entdecker und Expeditionsführer Samuel de Champlain soll den Stamm der Huronen gegen die verfeindeten Irokesen begleiten und nicht nur ihren Sieg sichern, sondern damit auch die lukrative Freundschaft der Franzosen mit dem Stamm weiter festigen. Dabei begibt er sich allerdings in ein kulturelles Netz aus Streitigkeiten und Feindschaften, dass selbst der gestandene Abenteurer nur schwerlich zu entwirren weiß.


Noch Comic oder schon Bilderband?

Wo die Prämisse so unverbraucht ist wie sie neugierig macht, so offen steht sie auch erst einmal um den genauen Ton des Bandes. Denn Cover und Klappentext lassen es dem Leser frei, auf was er sich einstellen und/oder freuen kann und gerade wer mit Patrick Prugnes Comics noch nicht in Berührung gekommen ist, wird hier sicher eine kleine Überraschung erleben. Denn so einer Geschichte stünde es frei, sich beispielsweise eines „Ulysses 1781“ entsprechend an Figuren und Ureinwohner-Mythen abzuarbeiten und dabei den blutigen Konflikt inszenatorisch in den Mittelunkt zu stellen. Und auch der „Manifest Destiny“-Fan, der vielleicht eine ähnlich bitterböse Mär mit allerlei Ambiguität um die „edlen Recken“ erwartet, dürfte dies bei Prugnes „Irokesen“ nicht finden. Dessen Indianer-Abenteuer ist stattdessen vor allem eins: ruhig und bedächtig, oftmals sogar mehr an der Reise interessiert als an dem tatsächlichen Ankunftsort. Und das ist sowohl geografisch als auch erzählerisch zu verstehen. Am Ende der Reise den Fluss hinab steht keine große Endschlacht, gewaltsame Auseinandersetzung gibt es in kurzen, auf Realismus bedachten Schüben und nicht in ausufernden Schlachtgemälden. Stattdessen zelebriert Prugne in seinen Zeichnungen die Natur und den Weg. In oftmals riesigen, wortlosen Panels kommen Flora und Fauna Neu-Frankreichs zur Geltung, um das Fremde dieser Ländereien zu transportieren. Gleichzeitig bietet dies zahlreiche Möglichkeiten der Liebe für das intensiv recherchierte Detail Ausdruck zu verleihen, ob die Ureinwohner in ihrer Kleidung und Bemalung oder die zeitgenössischen Dörfer und Werkzeuge der Siedler. Oftmals existiert hier vordergründig die Liebe an der atmosphärischen Zeichnung, Prugne nutzt dies aber doch immer wieder um über das schöne Bild alleine heraus zu gehen. So dürfte sich mancher Leser vielleicht etwas schwertun, die unterschiedlichen Ureinwohner immer sauber zu trennen und auseinanderzuhalten was ihre Freund und Feindschaften angeht – das dürfte wohl aber auch gut das Gefühl vermitteln, dass einem Außenstehenden tatsächlich in dieser Situation beschlichen haben könnte, der in dieses verwirrende Netz hineingeworfen wird um seinen eigenen Weg wieder herauszufinden.

Klischee- UND Spannungsfrei?

„Irokesen“ neigt sich dabei auch in der Story einer möglichst realistischen Erzählweise hin, was eine willkommene Portion Respekt für das Thema zur Folge hat. Die Indianer Prugnes sind weit, weit weg von dem Stereotyp des edlen Wilden oder des eindimensionalen Barbaren. Und auch die europäische Seite besteht nicht aus mordenden Missionaren, die in jeder Zeile ihrem Unmut und Überlegenheitsgefühl Raum verleihen müssen. Natürlich gibt es diese Stimmen hier auch, wie sie es wohl auch damals gegeben hat, aber sie sind das nötige Salz in der Suppe, statt fader Einheitsbrei. Denn die Ansichten werden in Konflikt zueinander gestellt oder einfach gleich dem größeren Ziel untergeordnet; was bringt es einem angeheuerten, französischen Söldner, wenn er sich kulturell den mitreisenden „Wilden“ überlegen fühlt, wenn seine eigene Kultur auf einen wie ihn gleichzeitig mit mindestens der gleichen Verachtung herabblickt? In einem Kanu den Fluss hinab paddelnd in der Absicht mit den Irokesen in Konflikt zu geraten, bietet weniger Momente um sich über das große Ganze Sorgen zu machen und stattdessen viel Zeit, um an den Flussufern den Feind zwischen den Büschen zu vermuten. Und genau diese Momente schätzt Prugne deutlich mehr als eine breite, platte Erzählung über indigene Völker oder das (Un)Recht der europäischen Neuankömmlinge. Es lässt sich aber nicht von der Hand weisen, dass dies „Irokesen“ sicher nicht schneller oder im klassischen Sinne „spannender“ macht. Die Figuren geben wenig Anlass zur Identifikation, die Dialoge transportieren das Nötige, sind aber nicht pfiffig, nicht einprägsam oder tragen keine tiefen Erkenntnisse oder neuen Perspektiven bei. Prugne scheint seine Figuren simpel in die Welt zu setzen und lediglich den zeichnenden Beobachter zu spielen; er ist der Dokumentarfilmer des Geschehens und nicht der Dramaturg, der an der Spannungsschraube drehen möchte. Es dürfte also im Besonderen der Leser glücklich werden, der nicht auf das wilde Abenteuer aus ist, sondern im Sinne eines tief-recherchierten Historienromans in eine detaillierte Alltagswelt eintauchen will. Denn auch inmitten von Indianerkriegen und Entdeckungsreisen gibt es eine ganze Menge ruhige, stille, vielleicht schon langweilige Momente. Und am Zeigen dieser Ruhe vor (und nach) dem Sturm ist Prugne dann deutlich mehr interessiert als an dem wilden (aber vielleicht spaßigeren?) Tornado selbst.

zur Leseprobe
„Irokesen“ von Patrick Prugne erscheint im Splitter-Verlag als Hardcover, 104 Seiten, 22,80€.

 

Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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