Interview mit Verleger Johann Ulrich

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Der avant-verlag feiert dieser Tage sein 11 jähriges Jubiläum mit einer Uastellung sowie einem unfangreichen Programm. Unser Redakteur Tiberius Tarante bat Verlagsgründer Johann Ulrich zum Interview.

 

Wie bist du mit dem Thema Comic in Kontakt gekommen?

Johann Ulrich: Das ist eine ganz einfache Geschichte. Im Grunde ist es die Rezeptionsgeschichte. Ich bin Jahrgang 1965 und insofern war das eine goldene Zeit um mit Comics groß zu werden. Comics waren für uns als Kinder unglaublich wichtig. Wir haben mit Comics lesen gelernt, haben sie untereinander getauscht, ganz normal für unsere Generation und das Gute an diesem Jahrgang ist, als wir älter wurden, ist auch gleichzeitig das Medium erwachsener geworden. Das heißt, es gab immer aktuelle Comics die uns bei der Stange gehalten haben, die unser Interesse am laufen hielten. Als wir Jugendliche waren, gab es dann Schwermetall und U-Comix und so konnte diese Faszination immer weiter wachsen, es gab keinen Bruch.

 

Wie kam dann der Schritt zum Verleger?

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Johann Ulrich

Johann Ulrich: Diese Affinität zu Comics hat zwei Ausprägungen, als Konsument und Leser und zum anderen die Beschäftigung und Mitarbeit bei Black Dog Comics OHG, einem Comicladen der spezialisiert ist auf den Import von US-Comics. Der Schritt zum Verleger war im Grunde, wie so oft, dem Zufall zu verdanken. Ich war vor 12 Jahren in Frankfurt das erste mal als Besucher auf der Buchmesse und dort gab es einen Vortrag von Thierry Groensteen über neue Tendenzen im französischen Autorencomic. Es wurden 20, wenn nicht sogar 30 Zeichner und deren Werke vorgestellt und bis auf Lewis Trondheim war nicht einer aus dieser neuen Generation französischer Autoren in deutscher Sprache publiziert. Da ist mir bewusst geworden, dass die deutschen Verlage Jahre, manchmal auch Jahrzehnte hinter der aktuellen Entwicklung hinterherhinken. Begleitet wurde dieser Vortrag von vier kleinen Ausstellungen belgischer und spanischer Zeichner, die ebenfalls vor Ort waren und so kam ich mit ihnen ins Gespräch. Ein Buch des spanischen Künstlers Raúl mit dem Titel „Berlin 1931“ weckte meine Aufmerksamkeit und war, wie der Name schon vermuten lässt, eine Geschichte über die Weimarer Zeit. Eigentlich eine Krimigeschichte – wunderbar gemalt. Ich hab mich mit Raúl dann auf Englisch mühsam unterhalten und er meinte es gäbe vielleicht in Deutschland den Verlag Edition Moderne, der das veröffentlichen würde. Am Stand der Edition Moderne fragte ich David Basler, ob sie „Berlin 1931“ publizieren und wann es rauskommt, denn ich würde mich darauf freuen. Er meinte, sie hatten das Projekt mal ins Auge gefasst, aber er glaube nicht, dass sie es noch machen würden. Daraufhin war es eine spontane Entscheidung. Ich will das Buch veröffentlichen und fragte Basler, ob ich ihn, wenn ich Rat und Tat bräuchte, um Hilfe anfragen könne. So fing das an. Ich bin zurück zu Raúl und wir haben dann alles festgemacht. Zu der Zeit dachte ich dann, dass ein Buch kein wirklicher Start ist und wollte mit zwei Büchern debütieren. Das andere, was malerisch auch höchst interessant ist und sehr schön erzählt, war „anita“ von Gabriella Giandelli und Stefano Ricci. Mit beiden Büchern war also der avant-verlag geboren und wurden erstmalig 2001 auf dem Comicfestival in Berlin in der Kulturbrauerei präsentiert. Damals gab es noch ein ein Comicfestival in der Hauptstadt. Es bleibt zu hoffen, dass etwas Gleichwertiges nach Berlin zurückkehrt. Es ist längst überfällig.

 

Wie kam jetzt der Gedanke zur Vernissage zu so einem doch ungewöhnlichen Jubiläum?

Johann Ulrich: Der Titel der Ausstellung ist „11 Jahre, 11 Tage, 11 Sekunden“. Der Hintergrund ist ein ganz pragmatischer weil anscheinend jede Dekade  ein anspruchsvoller Verlag in Deutschland gegründet wurde. Letztes Jahr war 30 Jahre Edition Moderne, 20 Jahre Reprodukt und 10 Jahre avant-verlag.  Um aber dieses ganze Jubiläumsjahr 2012 ein bisschen zu entzerren und wir uns nicht gegenseitig auf den Füßen stehen, habe ich dann beschlossen unser Jubiläum ins nächste Jahr rüber zu hieven und dann eben zeitversetzt 11 Jahre zu feiern. Dass es überhaupt zu dieser Ausstellung kam, ist im Grunde Felix Pestemer und Ulrich Scheel zu verdanken, die es mit einem großen Energieaufwand organisiert haben und ich finde gar nicht genug Worte um ihnen dafür zu danken. Ohne sie hätte es diese Ausstellung nicht gegeben.

 

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Felix Pestemer und Johann Ulrich

Warum sind in der Ausstellung nur deutsche Künstler vertreten?

Johann Ulrich: In der Ausstellung haben wir das Hauptaugenmerk ganz bewusst auf unsere deutschen Künstler gelegt. In den letzten Jahren hat der Anteil in unserem Programm von heimischen Künstlern stark zugenommen, interessanterweise sind mindestens die Hälfte davon Frauen, was auch auf europäischer Ebene etwas Besonderes ist und ich denke, dass man dieses neue Selbstbewusstsein der deutschen Zeichnerszene, die mittlerweile auch im Ausland publiziert wird, zum Teil dort gar mit Preisen bedacht wird und Erfolge feiert, eigentlich auch mal hier zu Lande offensiv vertreten muss. Es gibt jetzt eine ganze Generation von jungen, aber reifen Erzählern und Erzählerinnen, deren Bücher wunderbar sind, großartige Graphic Novels und Geschichten publizieren und diese in den Fokus des Interesses zu stellen war die Absicht. Ich meine damit AutorInnen wie Birgit Weyhe, Marijpol, Sophia Martineck, Paula Bulling etc. Die ausgestellten Werke zeigen deutlich welch individuellen, unverkennbaren Stil die Zeichner haben und wir haben in Deutschland noch nicht so ein ausgeprägtes Epigonentum. In den USA, in Frankreich oder auch Italien gibt es kurz nach dem Erfolg eines Künstlers eine ganze Flut von Publikationen, die man im besten Fall als Hommage bezeichnen kann, jedoch nie an das Original heranreichen. Davon sind wir in Deutschland bisher halbwegs verschont geblieben.

 

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Mit großem Beifall wurde die Ausstellung vom avant-verlag zum 11 jährigen Jubiläum eröffnet

Du hast selbst den Begriff Graphic Novel gewählt. Wie stehst du zu dem neuen Etikett auf Comics?

Johann Ulrich: Wir haben zusammen mit den anderen Verlagen ganz bewusst seit 2008 diesen Flyer „Was ist eine Graphic Novel?“ herausgebracht und dieses Etikett hat denke ich dem Medium Comic geholfen. Zum einen in der medialen Aufmerksamkeit: die Zeitungen konnten damit besser arbeiten und für die Buchhändler ist es auch eine Möglichkeit diese anspruchsvolleren Themen einzusortieren. Im Buchhandel ist es oft so, dass man eine Produktmarke, ein Label benötigt. Als wir damit angefangen haben war es im Buchhandel so, dass sie die Alben aus den Regalen entsorgt haben, sie also nicht mehr im Programm haben wollten und es war nicht leicht dort wieder Fuß zu fassen mit einem eigenen Graphic Novel Regal. Ich denke aber, dass dies in den letzten Jahren stetig zugenommen hat und die angestoßene Entwicklung ganz positiv zu betrachten ist. Inzwischen ist eine Art Gleichberechtigung dieses Mediums neben der Literatur, Film und Theater im Feuilleton entstanden. Jetzt ist es eher interessant ob du ein gutes Thema hast und dann ist das Medium dabei nebensächlich.

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Tim Dinter und Reinhard Kleist im Gespräch auf der Vernissage

Was war in deiner Verlegerzeit dein persönliches Highlight, dein liebster Band?

Johann Ulrich: Die Frage nach dem Lieblingskind ist immer schwierig. Es gibt Bücher die einem sehr am Herzen liegen und oftmals sind es aber Bücher die man sehr schätzt, auch wenn sie nicht so erfolgreich sind. Ich bin sehr stolz auf „Die Katze des Rabbiners“, weil das Thema und der humoristischer Umgang mit dem Judentum, der jüdischen Religion einfach sehr gut umgesetzt ist. Auch humoristisch, aber in einem bitterschwarzen, bösen Humor ist Pinocchio von Winshluss. Das war das „Beste Buch“ in Frankreich vor 3 Jahren und ich bin sehr froh diesen Titel verlegt zu haben. Als kleiner Verlag hatten wir bereits drei Mal das Glück die jeweils in ihrem Jahr als „Meilleur Album“, quasi „Bester Comic in Frankreich“ publizieren zu dürfen. Bei einer riesigen Konkurrenz von ca. 6000 Novitäten pro Jahr kann man in der Tat von Glück sprechen, diese bereits vorher unter Vertrag genommen zu haben. Das schmeichelt natürlich ein bisschen meiner Programmauswahl. Besonders freut mich der Erfolg von Manuele Fior mit „Fünftausend Kilometer in der Sekunde“. Denn avant war sein erster Verlag weltweit. Vor acht/neun Jahren lebte er noch in Berlin und wir veröffentlichten zusammen „Menschen am Sonntag“. Hätten wir damals den Band nicht gemacht, wer weiß, ob er dann noch beim Comic geblieben wäre. Es ist schön zu sehen, dass man einen gewissen Anteil an Biografien von Künstlern hat.

 

Wie sieht die Arbeit im avant-verlag 2013 nach 11 Jahren Verlagstätigkeit aus?

Johann Ulrich: Das ist schon verrückt. Es sind inzwischen 80 Titel und ich denke, dass ich 75 Bücher davon mehr oder weniger allein gemacht habe, also natürlich mit der Hilfe von freien Mitarbeitern, Übersetzern, Letterern und Korrektoren, aber die ganze Betreuung, Titelauswahl war eigentlich ein singulärer Akt und dies hatte ich bis dato neben meiner regulären Beschäftigung gemacht. Vor wenigen Wochen habe ich diese Tätigkeit aufgegeben, um mich voll der Weiterentwicklung des Verlages zu widmen, habe zwei neue KollegInnen die mit viel Energie und Enthusiasmus ans Werk gehen, zudem bauen wir unseren Vertrieb aus. Zusätzlich bezieht der avant-verlag neue Räume. Ab sofort findet man uns am Weichselplatz 3-4 in Neukölln. Wir reformieren uns selbst, schaffen neue Strukturen um wachsen zu können. Wir haben vor jeden Monat einen Band zu veröffentlichen. Das wird ein hartes Stück Arbeit. Ende Januar fangen wir mit Gabi Beltràns „Geschichten aus dem Viertel“ an. Es ist autobiografisch, erzählt Geschichten aus seiner Jugend, die vom Leben auf Mallorca vor dem Massentourismus berichten. Es wird auf teils sehr drastischer Weise das Leben der Jungs in den engen mallorquinischen Gassen dargestellt und der Leser erlebt mit den Protagonisten die Schattenseite ihres Lebens. Dann freue ich mich auf den für April geplanten neuen Band von Manuele Fior, eine Science Fiction Geschichte, also für ihn auch ein neues Genre. Er hat die letzten drei Jahre daran gearbeitet und die Geschichte wird unter dem schlichten Titel „Das Interview“ erscheinen.

Eines der wichtigsten Bücher für uns im Frühjahr wird wohl die Autobiografie „Das Spiel der Schwalben“ von Zeina Abirached. Sie behandelt ihre Kindheit während des Bürgerkrieges im Libanon Ende der 80er Jahre. Auf den ersten Blick erinnert es sicherlich an Persepolis, aber sie erzählt ihre ganz eigene Geschichte auf sehr persönlicher Weise, sehr anrührend.

 

Es fällt schnell auf, dass im avant-verlag oft autobiografische Geschichten veröffentlicht werden?

Johann Ulrich: Wir haben tatsächliche viele Titel in dieser Richtung im Programm, wobei es mir besonders wichtig ist, dass die Autoren auch etwas zu erzählen haben. Vor einem geschichtlichen Kontext ist dies natürlich besonders interessant. Herausragend ist hierbei Ulli Lust mit „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“, der inzwischen auch ein internationaler Erfolg ist. Es liegt jetzt bereits in vier weiteren Ländern vor und im nächsten halben Jahr kommen noch drei Lizenzausgaben hinzu, unter anderem eine US-Ausgabe bei Fantagraphics. Solche Lizenzverkäufe sind ein wunderbarer Ausgleich für unsere Lizenzeinkäufe und für Ullis Comic-Roman ein verdienter Erfolg. Simon Schwartz mit „drüben“ geht es da ganz ähnlich, seine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet und übersetzt und er durfte kürzlich mit seinen Zeichnungen die 45 Meter lange, kubische Fassade der Stasi-Gedenkstätte in Erfurt gestalten, welche wir in unserer Ausstellung nachgestellt haben. Simons autobiografische Geschichte um die Auswanderung seiner Eltern aus der DDR leitete weitere Geschichten um die Thematik geteiltes Deutschland in unserem Programm ein. Hierbei ist hervorzuheben, dass die Geschichten vom Autorenduo Buddenberg/Henseler exakt recherchiert sind. Sowohl in „Grenzfall“ und „Berlin – Geteilte Stadt“ betreiben die beiden einen unglaublich umfangreichen Rechercheaufwand. Gespräche mit Zeitzeugen, Aktenstudium etc. Man sollte in diesem Zusammenhang eher von Comic-Reportagen sprechen als von herkömmlichen Comics. Die DDR Vergangenheit ist ein sensibles Thema, gerade für einen Verlag mit Sitz in Berlin.

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Simon Schwartz vor einem Modell seiner Fassadengestaltung der Gedenkstätte in Erfurt

Die Ausstellung vom avant-verlag in der neurotitan gallery läuft noch ein paar Tage, also nutzt die Chance. Folgende Veranstaltungen kann ich euch nur ans Herz legen:

  • Fr, 25.01., 20 Uhr – Buchpräsentation von Sophia Martineck ‘Hühner, Porno, Schlägerei’
  • Sa, 26.01., 17:30 Uhr – Führung durch die Ausstellung (mit Felix Pestemer)
  • Sa, 26.01., 19:30 Uhr – Podiumsdiskussion ‘Reportagen im Comic’ mit Tim Dinter, Ulli Lust, Susanne Buddenberg und Thomas Henseler, Moderation: Jens Meinrenken

neurotitan gallery

im Haus Schwarzenberg
Rosenthalerstraße 39
10178 Berlin

Öffnungszeiten
mo – sa: 12 – 20h
so: 14 -19h

Tarante

Author: Tarante

Tiberius Tarante ist der Berliner mit der abgöttischen Liebe zum Medium Comic. Vom Mainstream bis zum Independent Comic verschlingt er alles und als Nerd 2.0 ist er sich bewusst, dass es noch einige Stufen bis zur Allwissenheit zu erklimmen gilt.

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