Hawkeye Megaband 1

Wie ich zu einem Comic „nur“ aufgrund seines Covers griff und eine riesige Überraschung erlebte…

Bartons Leben als Waffe

Hawkeye_CoverDer Autor? Geschenkt. Der Zeichner David Aja? Sagt mir nichts. Hawkeye? Das ist doch Green Arrow, nur von Marvel. Genug Gründe also Matt Fractions und David Ajas neue Hawkeye-Serie links liegen zu lassen, wäre da nicht dieses minimalistische Cover gewesen. Eine Aufmachung, die was frisches erhoffen lässt, bei einer Figur von der ich mir nicht weniger versprechen könnte. Und ja, ich gebe es zu, auch der dicke Aufdruck „Gewinner des Eisner Awards“ hatte zu meiner Neugier beigetragen. Matt Fraction, der hinter den Iron Man-Comics der letzten Jahre und Fear-Itself stand war mir ein Begriff, aber bisher kaum zwischen die Finger gekommen und Clint Barton, der lila Bogenschütze, konnte mir trotz Avengers-Filmauftritt mehr als gestohlen bleiben. Und auf der Oberfläche ist Bartons Ausflug zurück zu seinen Wurzeln, ein Manhattener Apartment-Komplex und der Kampf gegen das Kleinstadtverbrechen, in Form von russischen Ballonseide-Gangstern und Alltagsmarotten, alles andere als packend – gibt aber trotz des lauen Klappentextes, einen der besten Comics des Jahres ab.

Ex-Frauen. Alte Feinde. Neue Nachbarn. Und Kate Bishop

Das liegt schlicht daran, dass es Fraction und Aja schaffen mit Clint Barton einen Superhelden fernab der Gigantomanie zu zeigen, der trotzdem immer noch im Marvel-Universum zu Hause ist. Und als Teil vieler Teams, darunter auch Ur-Avenger, eine riesige Vergangenheit mit bringt. Die sich nie darin zeigt, dass ein jahrzehnte alter Erzfeind durchs Fenster hereinbricht oder sich Twists auf urzeitliche Begegnungen beziehen sondern geradezu alles in Bartons Leben nach vorne zu preschen scheint. Es braucht nur kleine Gesten und Worte um einen Helden zu zeigen, der keinerlei Superkräfte aber genug für drei Leben gesehen hat, und sich trotzdem mit nervigen Nachbarn oder kompliziert zu bedienenden Videorekordern herumschlagen muss. Hawkeye_1_AvengersDas alles ist so schräg Down-to-Earth und grundsympathisch, dass es nie aufgesetzt wirkt. Dabei nimmt Kate Bishop, die für einige Zeit in Bartons Fußstapfen getreten ist, eine ebenso große Rolle wie Titelheld Hawkeye und ein großes Stück Anteil am Erfolg der Geschichte ein. Das Verhältnis zwischen der spritzigen Kate und dem leicht altersmüden Clint springt zwischen Schüler/Mentor-Beziehung und junges Mädchen/überforderter Onkel schneller als Lesers Finger die Seiten umblättern können. Die Worte, die Fraction den Beiden in den Mund legt beleuchten das Innenleben der Beiden so gut, wie man es nur selten zu lesen bekommt. Da sind die routinierten Action-Szenen, die sich vollends Ajas minimalistischen Zeichnungen ergeben und lieber mit kleinen Überraschungen punkten statt groß klotzen wollen, nur die Kür in einem bereits perfekten Lauf und machen es dem kritischen Comic-Leser noch schwerer etwas an diesem Hawkeye-Band zu finden, dass man bemängeln möchte. Um in den höchsten Tönen zu Quengeln könnte man also maximal das Szenario ankreiden – nicht als Qualitäts- sondern als Entscheidungsfaktor. Denn wer die typische, große Superhelden-Action sucht, wird mit Hawkeye sicher auch seine positive Überraschung erleben, aber dennoch nicht den Krawall und die welterschütternden Herausforderungen finden, nach der er Ausschau gehalten hat. Hier wäre der naheliegende Griff zu einem klassischen Teambuch wie den Avengers oder der Justice League nur selbstverständlicher.

Wie toll Geschichten sein können, die ohne Worte auskommen

Hawkeye_Pizza_DogPreise, ob Oscars von der Academy oder Eisner Awards, allein sollten allerdings kein Qualitätskriterium sein, wenn dies auch im Falle von der enthaltenen US-Ausgabe Nummer 11 „Pizza is my Business“ voll zutrifft – denn was bestenfalls gewagt und mindestens nach einer bescheuerten Idee klingt entpuppt sich als absolute Vorzeige-Geschichte für das Medium Comic. Das Geschehen, erzählt aus der Perspektive von Clints Hund „Pizza Dog“, ist das absolute Muster dafür, wo ein Comic seine Grenzen zu Filmen, Spielen und Büchern zieht. Als reine Erzählung in Worten wäre der Hundeausflug zu einer reinen Point-of-View Geschichte verkommen und jede Kurzfilminszenierung wäre mit der Darstellung von Räumen und Personen in Geruchs- bzw. Hörweite eines Vierbeiners völlig überfordert gewesen. Pizza Dogs Ausflug schafft es, so ganz nebenbei, auch noch die Handlung voranzutreiben, wobei die Meisten diesen Teil locker zwei bis dreimal lesen müssen, um nicht nur die Erzählstruktur sondern auch das „um-was-es-eigentlich-geht“ zu kapieren. Dabei wird man das Gefühl nicht los, dass David Ajas trockene Bilder für den Erfolg dieser Ausgabe überlebenswichtig sind und sie mit einem Großteil anderer Künstler sicher nicht funktioniert hätte. Matt Fraction und der Spanier Aja entführen uns also völlig unerwartet in die Wirklichkeit eines Tieres und schaffen es diese Perspektive so unglaublich zu Papier zu bringen, dass man tatsächlich das Fazit ziehen kann: Würden die zehn anderen Ausgaben für sich nicht bereits glänzen, wäre alleine „Pizza is my Business“ den Kauf des Hawkeye Megabands wert.

zur Leseprobe
„Hawkeye Megaband 1“ von Matt Fraction und David Aja, erschienen bei Panini Comics im Softcover, umfasst Hawkeye 1-11 auf 244 Seiten, Preis 24,00€
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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