Guardians of Infinity 1: Wächter aller Zeiten

Seit James Gunns popcorniger Space-Operette von 2014 sind die „Guardians of the Galaxy“ auch dem breiten Publikum bekannt. Was die aktuelle Comic-Inkarnation allerdings abfeuert ist nochmal einen ganzen Deut schräger als nur ein sprechender Waschbär und ein laufender Baum.

Guardians aller Zeiten, vereinigt euch!

Da staunen Waschbär und Baum nicht schlecht als sie auf einer scheinbaren Routinemission irgendwo am Rande des Weltalls plötzlich vor Major Astro und seinen Guardians aus der tausendjährigen Zukunft stehen. An ihrem Aufenthaltsort scheinen mehrere Zeitebenen zusammenzulaufen und zu überlappen, eine Idee die auch den letzten Zweifler überzeugen sollte, als wenig später eine weitere Guardians Inkarnation, diesmal aus der Vergangenheit, dazu stößt. Und trotz der folgenden Kabbelei sind sich die Helden aller Epochen in den Grundzügen doch einig darüber für das Gute zu kämpfen – Ein Umstand der auch dringend nötig ist im Angesicht der Gefahr, denn um die Ecke lauert schon der fanatische Hermetikus mit seinen alles assimilierenden Schergen.

Versauter Ersteindruck

guardians-of-infinity-1-waechter-aller-zeiten-bild-fuer-beitrag-1Also eine saubere Landung ins Abenteuer sollte deutlich besser aussehen, denn die „Guardians of Infinity“ haben leider ab der ersten Seite mit kleinen, aber unübersehbaren Übersetzungspannen zu kämpfen. Da murmelt Rocket dann gerne Mal unverständliches Kauderwelsch à la „Aber sie messen keine Abschirmung an“ oder „Sieht aus als würde einer feuert“. Auch später schleichen sich immer wieder kleinere Fehler ein und selbst wenn nicht, bleibt die Übersetzung insgesamt fatal holprig. Die hohe Absurdität der Geschichte macht hier vieles sicher schwer, Rockets Dialoge mit Groot, die einem Luke und R2-D2 ähneln, sind wir ja bereits gewohnt. Aber auch das neu eingeführte Vier-Auge Aerolite sträubt sich der einfachen Linie bei der Lokalisation mit seinen seltsamen Formulierungen über sich selbst in der dritten Person. Was im O-Ton also vielleicht richtig Charakter haben kann, kommt in dieser Fassung weniger gut weg – ein umso größeres Problem, wenn man bemerkt, dass auch diese Guardians natürlich zu großen Teilen von ihren Frotzeleien und Dialogen profitieren sollen. Somit sitzen die Gags auch kaum, wo sie sollen, die meisten One-Liner verlaufen in der Leere des Alls, ein durchaus schlechter Start für die „Guardians of Infinity“ also.

Viele Funzeln in einer zu dunklen Nacht

Dabei ist reichlich Potential vorhanden! Mit Dan Abnett ist ein Autoren-Veteran am Werk, der mit den drei Guardian-Gruppen ein cooles Konzept mitbringt. Die neu erdachten „Guardians 1000“ vereinigen dabei sogar einige interessante Charaktere wie den oben schon erwähnten Pazifisten Aerolite oder den Mystiker Astrolabe, der einen ganzen Stern in seinem Inneren trägt. Das Design der meisten Figuren sitzt, der mexikanische Zeichner Carlo Barberi macht hier sicher wenig falsch. Und doch fällt der Gesamteindruck sehr bescheiden aus, was schlicht an dem aberwitzig hohen Tempo der Geschichte und den dadurch viel zu vollen Panels liegt. Da guardians-of-infinity-1-waechter-aller-zeiten-covermüssen Rockets Textboxen den Leser auf den aktuellen Stand bringen, neben den eigentlichen Dialogen auf der Seite und das alles in einer wilden Flucht- oder Kampfszene wo den Charakteren die Laserstrahlen nur so um die Ohren fliegen. Das Chaos wird durch den sich so unglaublich schnell erweiternden Cast natürlich nicht übersichtlicher. Hier hätte Demut absolut gut getan, Action ist nicht zu verwechseln mit Interesse und um etwas Tempo rauszunehmen hätte es dem Comic insgesamt sicher gut getan, wenn man auf das obligatorische „Helden bekämpfen sich erstmal, bevor sie miteinander reden“ verzichtet hätte.
Zusätzlich kommt „Wächter aller Zeiten“ mit einem weiteren Fluch und Segen daher, denn neben der Hauptstory sind auch einige Kurzgeschichten aus dem Guardians-Universum im Heft versammelt. Diese sind von schwankender Qualität, bspw. fällt ein Duell zwischen Ben Grimm und einem besessenen Groot inmitten eines New Yorker Schwarzenviertels ausgesprochen herzlich und mit schönen Orange-Kontrasten farblich ansprechend aus. Aber auch hier gilt in der Gesamtheit wieder: Das Gefühl von absoluter Überfüllung wird dadurch noch verstärkt, wenn plötzlich auch noch Ben Grimm, Flash „Venom“ Thompson und sogar noch Johnny Storm eine Rolle im Band spielen, alles aber nur in Bezug zu vergangenen Geschichten des „Secret Wars“ oder entsprechender Tie-Ins. Damit ist auch „Guardians of Infinity 1“ mal wieder alles andere als eine wahre Nummer Eins, die neue Leser richtig abzuholen weiß.

Fazit:

Bei den „Guardians of Infinity“ fühlt man sich an ein schönes Landschaftsmotiv erinnert, dass mit zu wässrigen Farben auf eine Postkarte gemalt werden wollte. Die richtigen Versatzstücke sind jederzeit erkennbar: bunt-spacige Zeichnungen, interessante Figuren, der Wille zum Spaß. Ein funktionierender Comic wird daraus aber nur selten, die 128 Seiten fühlen sich gepresst an bis zum Platzen, die Panels zu voll mit Textboxen und Schießereien. Den Guardians und auch dem Leser, bleibt wenig Zeit zum Luft holen – wer es aber chaotisch mag, mit den fiesen Übersetzungspatzern leben kann und partout nicht auf seine Guardians verzichten will, könnte dennoch einen Blick riskieren.

„Guardians of Infinity 1: Wächter aller Zeiten“ von Dan Abnett, Jason Latour, Carlo Barberi und Jim Cheung, erscheint bei Panini Comics im Softcover, 128 Seiten, 14,99€
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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