Grober Unfug

In Berlin kommt man als Anhänger von Comics an einem Laden nicht vorbei. Der Grobe Unfug ist seit mittlerweile 30 Jahren zur Institution in Sachen Comics in der Hauptstadt geworden. Wir wollen euch diesen Comicshop mal auf eine andere Art vorstellen und haben zu Dritt unsere Eindrücke niedergeschrieben. Bevor wir unseren Erlebnisbericht präsentieren lassen wir einen der drei Chefs Bert Henning zu Wort kommen, denn wir haben ihn in einem Interview zur Geschichte des Ladens und den Zukunftsaussichten befragt.

Der Grobe Unfug aus Sicht eines Touristen von Marcus Koppers
Wenn man als Comicfan im Internet nach Informationen sucht, landet man über kurz oder lang beim Grober Unfug in Berlin. Die Signierstunden werden im eigenen Blog beworben, aktuelle Themen werden direkt mit den Fans auf Twitter diskutiert und in sympathischen Podcasts erfährt man so manches über die geheimen Räume des Comicladens. Schnell wird klar: in Berlin sitzt ein kompetentes Team, das Spaß an der Arbeit hat.

Wenn man dann nach unzähligen Onlinediskussionen den Laden in Berlin wirklich mal besucht, steigt die Vorfreude ungemein. Die erste Überraschung kommt direkt nach dem Eingang. Irgendwie stellt man sich den Laden als kleine dunkle Bude vor, in der typische Comicbuchverkäufer vor dem Rechner sitzen und mit den Fans im Internet kommunizieren.

Signierstunde mit Rags Morales & Guillem March im Groben Unfug

Doch der Grober Unfug ist ein hoher, heller Raum mit riesigen Fenstern und ebenso riesigen Regalen. Darin sind viele Comics thematisch geordnet. Der Verkäufer und Besitzer macht einen überaus sympathischen Eindruck und sein freundliches Wesen lädt geradezu zu einem kleinen Plausch ein. Und Themen finden sich genug. Egal, ob es die aktuellen Neuerscheinungen oder eine anstehende Veranstaltung ist. Im Laden stehen einige Tische, auf denen aktuelle Themen durch passende Comics aufgegriffen werden. Somit gibt es hier viel zu entdecken und ehe man sich versieht, ist wieder eine Stunde vergangen. Grober Unfug sollte jeder Comicfan bei seinen Besuchen in Berlin fest einplanen.

Der Grobe Unfug – Zossener Straße Version von Jean Fischer
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich das erste Mal den Laden des Groben Unfugs in der Zossener Straße betreten habe – oder wie ich es damals dort fand (ich denke, ich war überwältig, was es alles gab). Ich weiß nur noch, dass ich danach immer wieder dorthin ging. Die Zossener Straße war damals zweigeteilt. Unten auf der Straße gab es einen „kleinen“ Comicladen (in Vergleich zur Torstraße passt das auf jeden Fall), wenn man in den Hauseingang neben dem Laden ging und die erste Treppe rechts nahm, landete man vor zwei Türen. Gerade aus war… ein Raum mit mehren Bezeichnungen und Funktionen (im Wechsel), der für mich aber immer der Raum mit dem Tresen sein wird, in dem ich den Soundtrack von Sailor Moon gehört habe (ja ich habe die CD gekauft und ja, ich bereue es auch heute noch nicht). Von der Treppe rechts ab ging es in einen großen Raum voller Comics, Merchandising, Poster – und einer ziemlich großen „Nische“ (okay, es war wohl eher ein extra Raum) in dem immer wieder Ausstellungen von Comickünstlern zu sehen waren.

Woran ich mich aber wirklich gut erinnere war der Kauf meines ersten Mangas – genau in diesem großen Raum im ersten Stock der Zossener Straße (und Grober Unfug ist dafür gar kein so unpassender Titel): Es war die Zeit, in der Sailor Moon sehr erfolgreich bei RTL2 lief und so ziemlich das ganze Land (zumindest alle Mädels, die ich kannte) bemerkten wie cool die Serie eigentlich war. Das Problem war nur, dass es zu dem Zeitpunkt schon kein Merchandising mehr gab und auch sonst nichts zu der Serie. Bis ein englischsprachiger Verlag die geniale Idee hatte, den Manga zu übersetzen und herauszubringen. Natürlich musste ich den haben. Also pilgerte ich eines Tages nach Berlin Kreuzberg, ging in die Zossener Straße und stieg die Stufen zum ersten Stock. Ich lief vorbei an der Wand mit den US Comics (ja, es war wirklich eine ganze Wand mit Comics) zu dem Tisch mit den englischen Mangas an der hinteren Wand, genau gegenüber der Kasse (links davon war eine Vitrine mit Schätzen, aus der ich später u.a. die englische Version von Prinzessin Mononoke und Serial Experiments Lain bekommen sollte). Zu meinem Glück gab es den ersten Teil noch. Ich griff begeistert zu, verbrauchte noch etwas Zeit an dem Tisch und ging dann – nicht zur Kasse, sondern zu den Postern, die etwas weiter rechts waren.

Grober Unfug Zossener Strasse

Ungefähr im dem Moment kam eine Gruppe von drei Mädchen in den Laden, zu dem Tisch mit den englischen Mangas und begann ihre Suche nach Sailor Moon 1. Der Manga war nicht da – ich hatte das letzte Exemplar genommen. Die Drei fragte bei der Kasse, ob denn noch einer da sei. Sie bekamen die Antwort, wenn auf dem Tisch keiner mehr liege, wäre der Titel ausverkauft und sie müssten auf den Nachdruck warten. Während das Mädel, dass den Manga wollte, irgendwas zwischen einen Wutanfall und einem Nervenzusammenbruch bekam (meine Erinnerung übertreibt wahrscheinlich, beschloss ich, dass die Poster weit weg von den Drei und damit SEHR interessant waren und verbrachte extrem viel Zeit damit, mir jedes Motiv sehr genau und lange anzusehen. Ich wartete, bis sie aus dem Laden waren, wartete noch einen Moment und ging dann mit klopfenden Herzen und ein bisschen stolz zur Kasse. Der Verkäufer musste ziemlich grinsen über meinen geretteten Schatz.

Um eine weitere Frage zu beantworten: ja, den Manga habe ich immer noch (nach so einem Erlebnis, wie könnte ich mich da trennen?). Ich war danach noch sehr oft in dem Laden. Ich erinnere mich, wie unten die Mangas immer mehr Platz einnahmen, wie irgendwann sogar Bücher (Banana Yoshimoto) dazwischen Platz fanden. Und dann entdeckte ich eines Tages, dass der Unfug einen zweiten Laden in Mitte hatte, der viel günstiger für mich lag. Ich war von da an immer seltener in der Zossener Straße.

Als ich es mich dann nach einer gefühlten Ewigkeit mal wieder dorthin verschlagen, gab es nur noch den „kleinen“ Laden unten und nicht mehr den Seitenflügel. Probleme mit dem Vermieter, hieß es auf Nachfrage. Schade, denn es hatte was, diese Treppe hoch zu steigen.

Das Erwachsenwerden mit Grober Unfug von Tiberius Tarante
Es war so ungefähr Mitte der 90er Jahre als nach Donald Duck und Micky Maus mich die zweite Welle von Comicfanatismus erfasste. Ich komme aus Brandenburg an der Havel, der Stadt im Land am Rand von Berlin. Die wenigsten kennen außerhalb eines gewissen Dunstkreises dieses schrumpfende Örtchen und es ist nicht verwunderlich warum ich mittlerweile in die Hauptstadt umgezogen bin. Damals hielt das Wochenendticket der Deutschen Bahn noch was es versprach. Man konnte tatsächlich das gesamte Wochenende damit umhertouren, S-Bahn, Bus und U-Bahn fahren, zu fünft und das vor läppische 4 Mark pro Nase. Pubertär modebewusst und einer noch recht jungen Hip Hop Szene angehörig musste man nach Berlin zum Einkleiden. Erster Anlaufpunkt war die Garage am Nollendorfplatz. Ein Kilo Klamotten für 5 Mark. Zu diesem Zeitpunkt gab es dort auch noch einen Comicshop, jedoch war das Personal grantig, nicht hilfsbereit und ich fühlte mich als Störenfried dort unerwünscht. Ich begann zu forschen wo ich denn einen anderen Laden finden würde und meine vier desinteressierten Begleiter wie zufällig hin lotsen könnte.

Flix im Groben Unfug

Von meinen manipulativen Kräften selbst überrascht landeten wir in Kreuzberg vor einem kleinen Laden. Auch hier wieder alles dunkel und eng. Wir zu fünft mit dicken Rucksäcken und prallen Tüten voller Second-Hand-Klamotten. Ich verstand an dieser Stelle erst, dass wir tatsächliche störende Kundschaft waren. Potenzielle Diebe, Nichtskäufer auf die man aufpassen müsse. Wiederwillig erhielt ich die Auskunft, dass mehr Batman Comics im nächsten Stock sind. „Was? Ein zweiter Stock, ich bin im Himmel, das ist Berlin.“ Ich kletterte also den zweiten Stock hinauf und betrat ein Paradies. Kisten über Kisten mit Comics. Alles US-Hefte und meine Englischkenntnisse reichten zum Hallo sagen. Das war mir aber so egal. Ich wollte diese Hefte und ich brauchte dringend eine Taschengelderhöhung.

Tiberius Tarante im Interview mit Beetlebum

Die Taschengelderhöhung wurde von meinen hausbauenden Eltern schnell abgewiegelt und alternativ ein Zeitungsausträgerjob besorgt. Finanziell aufgepolstert fuhr ich von nun an allein mit dem Zug nach Berlin-Kreuzberg in die Zossener Straße zum Groben Unfug. Ich deckte mich dort mit Batman und Star Trek Heften ein. Die Grenze war nur mein Budget. Mein Leseverständnis der englischen Sprache wurde allmählich besser, die Schulnote in Englisch hingegen nicht, warum auch immer. Nach dem Abitur kam ich auf die wahnwitzige Idee sofort ausziehen zu müssen und mein Ausbildungsgehalt reichte zur Finanzierung der Wohnung, jedoch nicht für Comics. Es folgten drei oder gar vier Jahre Abstinenz.

Ich habe diese Selbstkasteiung überlebt. Es geht auch ohne Comics, doch will man das wirklich? Kurz nach der Ausbildung musste eine bessere Wohnung her. Meine erste Wohnung war zwar recht günstig und noch günstiger gelegen, hatte aber einen gewissen Nachteil. Im Winter konnte man meine Außenwandheizung vor dem Fenster flimmern sehen, während innerhalb der Wohnung der eigene Atem sichtbar wurde. Es hieß also umziehen und dabei fielen mir meine Schätze wieder in die Hand. Da war er wieder, der dunkle Ritter. Er war zurückgekehrt und statt Kisten zu packen versank ich in meinen Heften. Berlin war immer noch recht weit weg, die Bahntickets inzwischen dreimal so teuer und mit meinem spritfressenden, anfälligen Käfer jede längere Fahrt in finanzielles Desaster. Trotzdem nah ich in regelmäßigen Abständen die Fahrt auf mich und musste feststellen, dass es die Galerie nicht mehr gab, dafür aber eine zweite für mich recht günstige gelegene Filiale in der Nähe des Alexanderplatzes.

Ehemalige Filiale in der Weinmeisterstrasse

In der Weinmeisterstraße angekommen stand ich wieder vor einem kleinen dunklen Laden und im Café daneben saßen so eine Mischung aus Hipsters und Snobs. Mit einem etwas unwohlen Gefühl betrat ich die unbekannten Gefilde und kämpfte mich bis zur hinteren Nische vor. Dort angekommen kam ein Verkäufer auf mich zu und wollte mir seine ach so tollen Superman-Hefte andrehen. Als ich ihn darauf hinwies, dass ich Superman nicht mag und gerne Batman lese war das Gespräch abrupt beendet. Ich glaube die Beziehung zu Mike leidet heute noch darunter. Ich fuhr also so einmal im Quartal nach Berlin und deckte mich mit Comics ein, immer mit der Absicht den Verkäufern aus dem Weg zu gehen. Irgendwie war mir das alles unheimlich, wobei die Kundschaft teilweise die Krone aufsetzte. Oft fragte ich mich, ob die anderen dort überhaupt etwas kauften oder gleich die Comics im Laden lasen und wieder zurücklegten. Sie standen mir nur in den Heften versunken im Weg.

Einige Jahre als unbemerkter „Stammkunde“ entdeckte ich The Walking Dead für mich und daraus entstand das erste Gespräch mit Christoph. Ich wollte unwissend über deren Wert die ersten Ausgaben käuflich erwerben und bohrte somit in einer noch nicht verheilten offenen Wunde des Verkäufers, der seine Hefte ebenfalls unwissend über deren Wert verramscht hatte. In den folgenden Besuchen blieb es bei einzeiligen Frage-Antwort-Spielchen bis zur Ankündigung des Umzugs von der Weinmeisterstraße in die Torstraße. Für mich auf dem ersten Blick schlechter erreichbar entschloss ich mich zu einem Abofach, welches seinem ursprünglichen gedachten Zweck entgegenwirkte. Ich kam nicht seltener sondern öfter in den Groben Unfug. Inzwischen wohne ich in Berlin und bin nahezu wöchentlich dort, mit Inhabern und Verkäufern auf einer Wellenlänge und glücklicher Kunde. Inzwischen sind 16 Jahre ins Land gezogen und egal was noch passieren wird, der Grobe Unfug wird immer Mein Comicladen bleiben.

Wo ist der Comicshop Grober Unfug?

Internationaler Comicladen
Torstrasse 75
10119 Berlin-Mitte
Nähe U8 Rosenthaler Platz

Filiale Kreuzberg
Zossener Str. 33
10961 Berlin-Kreuzberg
Nahe U7 Gneisenaustrasse

Im Internet sei euch der Blog und der Twitteraccount ans Herz gelegt. Wenn Ihr euren Comicladen vorstellen wollt, dann meldet euch unter info@micomics.de und es winken Comics als Belohnung. Was sonst!

Tarante

Author: Tarante

Tiberius Tarante ist der Berliner mit der abgöttischen Liebe zum Medium Comic. Vom Mainstream bis zum Independent Comic verschlingt er alles und als Nerd 2.0 ist er sich bewusst, dass es noch einige Stufen bis zur Allwissenheit zu erklimmen gilt.

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2 Kommentare

    • Tarante

      Also der Unfug führt keine Uniformen. Hier findest du aber immer eine tolle Auswahl an T-Shits und insbesondere Comics die dein Herz begehrt…auch wenn dein Kopf noch nicht davon wusste!

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