Green Arrow Megaband 4: Wolfsblut

In der letzten Megaband-Sammlung vor DCs „Rebirth“ nimmt noch einmal ein neues Team die Zügel um Seattles Scharfschützen in die Hand. Und lässt Oliver Queen gegen Werwölfe, Totenkulte und einen der größten Assassinen des DC-Universums antreten.

Eine (Genre)Finger-Übung zum Schluss

Für die abschließenden Kapitel „Green Arrows“ hält es Autor Benjamin Percy bei kleinen, abgeschlossenen Storylines statt noch große Fässer aufmachen zu wollen – neue Entwicklungen für Queen und Co. sucht man vergeblich, green-arrow-wolfsblut-bild-fuer-beitrag-2selbst die neu zum Cast gestoßene Emiko bleibt klare Nebenspielerin aus deren Charakterzügen nur wenig herausgearbeitet wird. Percy dagegen nutzt die Freiheiten der letzten Ausgaben, um sich in ihm bekannten Gewässern zu bewegen. Schließlich verrät der Untertitel „Wolfsblut“ bereits, dass es hier wohl animalisch zur Sache gehen wird (Und Percy selbst, eigentlich mehr Roman- statt Comic-Autor, hat mit „Red Moon“ bereits eine Werwolfsaga in seinem Repertoire). Percy belässt es aber nicht bei einer Begegnung der tierischen Art, sondern suhlt sich auch sonst in allerlei Horror- und Gruselfantasien, wenn sich Oliver Queen nicht nur mit Werwölfen, sondern auch mexikanischen Totenkulten und unheimlichen Angreifern aus der Luft anlegen muss. In diesen Momenten sind die gesammelten Geschichten des Megabands dann auch am stärksten; das Mysterium um wer oder was sich da nachts scheinbar wahllos Menschen greift ist ebenso verführerisch, wie Queens Zusammenstoß mit den südamerikanischen Knochenpriestern. Gerade bei Letzteren findet Zeichner Zircher gelungene, schaurig, schöne Bilder – sei es nun das Design des Kults und seiner Anhänger selbst oder eine Parade zum „Tag der Toten“, bei der man sich an die einleitenden Minuten des letzten James Bond erinnert. Hier ist weniger auch absolut mehr, dadurch, dass weder Hauptfigur noch Leser alles bis ins letzte Detail erklärt gekommen, bleiben die Gefahren angenehm unverständlich statt übererklärt und durchschaubar.

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Kein Green Arrow. Aber was dann?

Verrückterweise bleibt bei all dem Grusel, Horror und Mystery aber einer auf der Strecke: Green Arrow selbst. Denn Percy ist sehr wenig an Queen selbst interessiert, er „löst“ die Figur stellenweise sogar auf, um sie seinen Geschichtchen unterzuordnen. Das mag einem alteingesessenen Fan des grünen Pfeils wahrscheinlich stinken, auf der anderen Seite dürfte es allerdings bei kaum einer DC-Figur so einfach sein, Gewohntes zu ignorieren ohne absolut alle Brücken hinter sich abzubrennen. Denn wo ein Batman, Superman oder Hal Jordan sicher auf Jahre der einheitlichen Charakterisierung zurückgreifen können, die auch bei dutzenden Autorenwechseln gehegt und gepflegt wurde, war Green Arrow schön öfter eine dem Autor unterworfene Figur. Ich konnte mich zum Beispiel immer für den radikalen Obrigkeitsbekämpfer und Frauenhelden Oliver Queen aus der „Justice League“-Zeichentrickserie begeistern, hatte aber schnell festgestellt, dass dieser in seinen Comic-Vorlagen oft andere Wurzeln schlägt. Percy scheint also von all dem unbeeindruckt einfach seine Märchen erzählen zu wolle und bringt bei diesem Ansatz so viel Mehrwert mit, dass die meisten Leser ihm locker verzeihen dürften, dass der Impact der Hauptfigur selbst so marginal bleibt, dass man sie vielleicht sogar gegen jeden anderen Comic-Helden tauschen könnte, ohne dass sich viel ändern würde. Normalerweise hieße es in so einem Falle, zurück an den Schreibtisch, hier aber … green-arrow-wolfsblut-covervielleicht liegt es eben an der stimmigen Atmosphäre, den einnehmenden Bildern und der simplen Frische dieses Ansatzes?

Übertragbarkeit statt Allegorie

Diese Idee stammt von einem der Väter der Fantasy selbst, J.R.R. Tolkin, der Erzählungen bevorzugte, die sich auf verschiedene Situationen übertragen ließen, statt klar als Symbol für etwas zu fungieren. Oder kürzer, in einem Satz: Ja, der eine Ring könnte als das Äquivalent zur Atombombe Mittelerdes verstanden werden, allerdings wollte Tolkien diese symbolische Aufladung nie forcieren, sondern eine Welt erschaffen, die in ihren Konflikten auf unsere übertragbar ist. Wieso nun also dieser kleine Exkurs? Weil Benjamin Percy bei seinen Monstergeschichtchen doch überraschend oft politisch wird und gesellschaftliche Kurse der USA beackert, dabei aber immer die Waage zu halten weiß. Ohne zu spoilern: Wenn sich im späteren Verlauf herausstellt, dass es sich bei den Angriffen der „Nachtvögel“ aus der Luft um ein mehr menschengemachtes Problem handelt, glauben sich die Einwohner Seattles mithilfe eines Kapuzenpullis vor Beobachtung schützen zu können. Unübersehbare Parallelen also in Zeiten wo der „Hoodie“ für Teile der US-Bevölkerung vom Kleidungsstück zum Ausdruck von Demonstration und Unzufriedenheit geworden ist. Und auch in den anderen Storys schwingt die aktuelle Lage immer etwas mit, ohne unangenehm auffällig und predigend zu werden: Ob nun selbsternannte Bürgerwehren, die mit Präsidenten-Masken Jagd auf die Werwolf- „Seuche“ machen oder die Angst und der Umgang mit der Ebola-Epidemie in Teilen Afrikas; Percy scheut keines dieser Themen, dass seine Mitamerikaner zu bewegen scheint. Doch ganz wie nach Tolkiens Devise verwehrt er sich hier einer allzu offensichtlichen Zuordnung, der Verzicht auf den Zeigefinger rettet dabei sämtliche Geschichten davor zur simplen Moralfabel zu verkommen und ermöglicht es Percy so perfekt seine Mischung aus Tagesgeschehen und „Geschichten aus der Gruft“ zu verkaufen.

Fazit:

„Wolfsblut“ ist ein attraktiver Zugriff, vorausgesetzt man gehört zum passenden Publikum – und das sind paradoxerweise wohl weniger die jahrelangen Green Arrow-Fans und mehr die Außenseiter und Serien-Abstinenzler. Denn Benjamin Percy liefert statt Superhelden-Action lieber Monstermär und Gesellschaftskritik, in stimmigen unheimlichen Bildern, irgendwo zwischen Knochen, Voodoo und verrückten Wissenschaftlern. Dabei gehen Hauptfigur und Nebencharaktere auch gerne mal unter, verschwinden fast völlig, was dem ein oder anderen wahrscheinlich gar nicht passen dürfte, hier aber überraschend verschmerzbar scheint. „Wolfsblut“ ist mit Sicherheit eins, „anders“, anders genug um Interessierte unterhalten zu dürfen und auch anders genug um meine Vorfreude auf Percys Arbeit bei „Green Arrow – Rebirth“ zu wecken. Wer sich vorstellen kann, eine Geschichte um Oliver Queen zu lesen, der sich mit Vampiren, Werwölfen und Krankheiten im „Geschichten aus der Gruft“-Kostüm anlegt, der dürfte mit diesem Megaband seine helle Freude haben.

„Green Arrow Megaband 4 – Wolfsblut“, geschrieben von Benjamin Percy, gezeichnet von Patrick Zircher, Szymon Kudranski und Federico Dallocchio. Erscheint bei Panini Comics im Softcover, 324 Seiten, 28,00€
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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