Green Arrow Megaband 1

Lang, lang ists her, der DC-Neustart unter dem Label „New52“ und dennoch schaffen es einige Titel erst nach und nach zu einer deutschen Veröffentlichung. Dazu gehören auch die Abenteuer rund um den grünen Bogenschützen Oliver „Green Arrow“ Queen die bei Panini in vier Megabänden ihr zuhause finden sollen.

Viele Köche … eilen herbei!

Den Anfang macht dabei, natürlich, der Status quo. Dieser hält sich bekannt, simpel und gradlinig, bei Green Arrow handelt es sich weiterhin um Milliardär und Playboy Oliver Queen, der nach einem unfreiwilligen Aufenthalt auf einer einsamen Insel, dass Bogenschießen perfektioniert – Volleyball Wilson wäre für ihn also nicht nur Gesprächspartner sondern auch Zielscheibe. Von all dem sehen wir aber erstmal nichts, das Insel-Leben wird vorerst komplett ausgespart, stattdessen begegnet uns Queen als junger Trust-Fund Partylöwe, den es nach einer explosiven Party auf einer Bohrinsel in die tropische Einsamkeit verschlägt. Zurückgekehrt und neben seinem Bogen mit einem riesigen Vermögen bewaffnet, nutzt Queen die Technologie-Abteilung seiner Firma für allerlei technischen Schnickschnack, der helfen sollen das Verbrechen in Seattle zu bekämpfen. Zur Seite stehen ihm dabei der pazifistische Erfinder Jax und die Hackerin Naomi Singh, problematisch wird’s mit dem Freund seines Vaters und Firmenleiter Walter Emerson, der natürlich nichts von Queens Doppelleben ahnt und ihn „nur“ zu einem vernünftigen Erben und Firmenmogul erziehen möchte. In den hier enthaltenen ersten 16 Ausgaben ist dabei schon mit ordentlich Abwechslung zu rechnen, alleine weil hier gleich mehrere Kreativteams die Serie beackern. Den Anfang macht dabei J.T. Krull, der schon bei „Green Arrow – Brightest Day“ ran durfte, mit dem Zeichner Dan Jurgens an seiner Seite, der kurz drauf auch selber mal Autor spielen darf, ebenso wie Keith Giffen („Justice League International“) Den Endspurt nach Staffelstabübergabe darf dann Ann Nocenti mit wechselndem Zeichenstab hinlegen. Das Line-Up verspricht also Vielfalt, aber bedeutet Vielfalt erfrischende Abwechslung oder chaotisches Durcheinander ohne Zusammenhang?

Green Arrow New 52 - Bild für Beitrag
Der Cringe – eine Comic-Geschichte

Was schnell feststehen dürfte: Kohärenz und eine übergeordnete Story-Struktur für mehrere Ausgaben sucht man als Leser vergeblich – was aber immer noch, für sich, nichts Schlechtes bedeuten sollte. Nicht jeder Held braucht einen Neustart wie Snyders „Court of Owls“. Eine Ansammlung von einzelnen Abenteuern kann genauso gut unterhalten, zu gerne erinnern wir uns an den großartigen Auftritt von Queens Waffenbruder aus dem Hause Marvel. Zu Beginn halten Krull, Jurgens und Giffen es simpel, wenn auch aktuell. So stechen Arrows erste Widersacher durch ihre große Social Media-Tauglichkeit hervor, locken sie Queen doch nicht nur über Schandtaten per Livestream aus seinem Versteck, sondern wollen auch seinen Niedergang massenwirksam fürs Netz inszenieren. Dabei pfeffert Queen seinen bunten Gegnern wie „Dynamix“, „Lime“ und „Rush“ mindestens so viele Sprüche wie Pfeile um die Ohren. Und auch wenn nicht jeder One-Liner sitzt, passt doch der angestrebte, lockere Ton gut zu einem Comic-Neuanfang. Allerdings, das große Allerdings, etabliert sich hier schon eine Tendenz des ganzen Bandes, dass (fast) alle Autoren ihr Thema immer nur halb-ernst nehmen und weder weiterentwickeln noch wirklich etwas darüber sagen wollen. Klar, nicht jeder monatliche Mainstream-Comic muss „Watchmen“ oder „All-Star Superman“ sein wollen, diese Halbherzigkeit schadet aber ganz direkt der Figur Arrows und damit indirekt dem Vergnügen des Lesers. Wenn Arrow nach gewonnen Kampf böse in die Kameras und damit die Weiten des Internets starrt um eine langweilige „ihr medialen Aasgeier zuhause an den Bildschirmen seid Mitschuld“-Ansprache zu halten, zieht das nur wenig und sagt noch weniger über die Figur aus. Und diese Schlampigkeit zieht sich durch fast alle Geschichten, egal ob Nocentis kulturelle Sensibilität einer Kreissäge für ihre Geschichte um Arrows Trip nach China oder eine viel zu simple „Cyborg, der sich für menschlich hält“-Story. Wenn man schon keine überspannenden Arcs erzählen möchte (wohl auch aufgrund der häufigen Wechsel) dann sollte man die Themen vielleicht noch simpler, dafür aber das Tempo höher und die Dialoge knackiger halten. Oder ein Gebiet eben nur anschneiden, wenn man Green Arrow New 52 - Bild für Beitrag 2auch das Gefühl hat, selbst in der Kürze einer einzigen Ausgabe, zumindest an einem Kern kratzen zu können. Stattdessen präsentiert uns diese Kurzsichtigkeit dann sogar richtige Momente der Fremdscham. Da kommentiert Naomi, die mediale Selbstbeweihräucherung der Schurken auch mal mit: „Menschen verbringen Stunden am Tag damit, andere Menschen in Videospielen umzubringen. Warum sollten sie das nicht in der Realität tun? So ist unsere Zeit.“ – ein Satz, der für sich gesprochen schon äußerst dämlich anmutet, aber komplett an Glaubwürdigkeit verliert, wenn er aus dem Mund der edgy Hackerin statt dem des verknatterten CSU-Politikers kommt. Und auch Oliver Queen ist dank Autoren-Unfähigkeit vor einigen Momenten fiesester kognitiver Dissonanz nicht gefeit; wenn er vor seinem Trip auf die Insel als überheblicher Narzisst die Explosion seiner gesamten Partygesellschaft zu verschulden hat, weil der Playboy unbedingt Held spielen wollte, klingt das zuerst nach spannendem Heldenwachstum. Wenn wir ihn aber kurze Zeit später, mit den typischen Heldenphrasen auf den Lippen („Ich kann nicht rumsitzen, während Leute sterben. Das hab ich das letzte Mal gemacht und …“) präsentiert bekommen, kann man als Leser schon das Gefühl bekommen hier die Lektoren-Rolle erfüllen zu müssen – oder wie passt das zusammen, wenn gerade WEIL Queen unbedingt eingreifen musste, statt die fähigen Leute den Job machen zu lassen, erst alles zur Hölle ging? Diese Augenblicke der absoluten Fremdscham machen eine Identifikation mit der Figur so gut wie unmöglich, lassen wenig Interesse an Queens Entwicklung aufkommen und lassen ihn mit den Großteil seiner „coolen“ Sprüche dann eher wie den nervigen Klassenclown statt „friendly Archer from the neighbourhood“ rüberkommen.

Die Lichtblicke. Bevor die Dunkelheit wieder Einzug erhält.

Hier scheint Branchen-Veteran Keith Giffen sich einfach dem Spiel zu verweigern und bedient sich für seinen kurzen Abstecher absolut klassischer Motive wie tragischer Liebe und simpler Rache. Sein Bösewicht „Midas“, ein wandelndes Giftmüll-Monster, schleicht dabei mit einer herrlich „comicschen“ Origin-Story durch die Geschichte und hat mehr Motivation für sein Handeln als Queen über viele Teile des gesamten Bandes. So sichert sich Giffen mit seiner kurzen Midas-Mär einfach mal aus dem Nichts den besten Part des gesamten Bandes. Auch zeichnerisch sieht „Green Arrow“, über die größte Strecke, gut aus. Dan Jurgens liefert gute Arbeit, getragen von poppigen Farben und Freddie E. Williams II zaubert mit den Koloristen Tanya und Richard Horie für Queens Abenteuer in Fernost einige farbliche Knaller rund um rot, Masken und Statuen aufs Papier. Eine absolut geschmackliche Eigenart ist aber der Strich des Philippinen Harvey Tolibao. Persönlich finde ich seine Zeichnungen wirklich hässlich, sein Design lässt die Charaktere aufgedunsen und ihre Gesichter viel zu breit wirken, gleichzeitig sehen diese in Nahaufnahmen alle auch noch gleich verschroben aus – kein Kompliment in einer Geschichte wo Queen sich gleich mit Drillings-Schwestern anlegt, die in jeder Nahe den gleichen glasigen Ausdruck in den Augen haben wie unser „Held“. Und oh Gott ja, die Drillinge …

Rettung in letzter Sekunde

Es dürfte wohl viele freuen, dass nach der Letzten hier enthaltenen Ausgabe und damit im kommenden Megaband, Jeff Lemire sich fortan als Autor verantwortlich zeichnet. Was a) endlich für Konsistenz sorgen dürfte („Spoiler“: Ja, tut es, ich habe in Lemires Arrow bereitsGreeen Arrow Megaband - Cover einmal reingelesen) und b) nach Ann Nocentis Abstecher ein gewaltiges Maß an fähiger Schreibarbeit nötig sein dürfte – denn Nocenti gelingt es fast im Alleingang, die gesamte Serie im letzten Drittel zu killen. Die Autorin verliert sich in kompletter Wirre, ihr Arc „Tripl3 Tre3at“ ist stellenweise überhaupt nicht einzuordnen, ob es noch irgendwo auf dieser Welt in einer vergessenen Western-Stadt oder in einer ganz anderen Dimension spielen soll. Dazu kommt eine ungelenke Liebesstory, deren Phantasie man sonst nur lüsternen Geeks in der Pubertät nachsagen würde und eine absolute Unfähigkeit auch nur eine Hand voll Erzählstränge zu etwas sinnvollem zu verstricken. Und als ob sie auch dem letzten beweisen möchte, wie sehr sie ins Klo gegriffen hat, liest sich ihre „Green Arrow reist nach China“ wie das allerletzte Paradoxon, ein politisches Kindermärchen. Nocenti scheint ein Bild von sich einhämmern zu wollen, dass ihr Interesse für chinesische Kultur und Politik nicht über die ersten zwei Zeilen bei Wikipedia hinausgereicht hat, dass verbindet sie mit romantischen Vereinfachungen von kulturellen Unterschieden, die mindestens so lächerlich wie naiv daherkommen. Und dabei hat das Ganze nicht mal unfreiwilliges Potenzial zur Komik, wie ein Chuck Norris-Film aus den 80ern, sondern begräbt jede innere Logik der Geschichte unter Kopfschmerz verursachenden Dialogen. Ich habe von Ann Nocenti sonst noch nie, wissentlich, etwas gelesen und gebe ihr auch gerne nochmal eine Chance – bei ihrem „Green Arrow“-Abstecher fragt man sich aber schon wie es dieser durch jedwede Qualitätskontrolle bei DC geschafft haben kann.

Fazit:

Der häufige Wechsel am Autoren- und Zeichentisch macht einer Serie gerne mal Probleme. Dieser uneinige Eindruck kann in einer Megaband-Veröffentlichung nochmal auffälliger sein, schließlich finden sich hier oft Veröffentlichungen mehr als eines Jahres komprimiert in einem dicken Einband. Doch selbst wer von diesem Haus aus etwaige Stimmungs- und Stilwechsel innerhalb eines Bandes gewohnt ist, muss für „Green Arrow“ einiges an gutem Willen mitbringen. Denn das Gute ist zwischen all zu viel dröger Mittelmäßigkeit und einem fast schon peinlich schlechten „Abschluss“ zu gut versteckt. Wer auf Oliver Queen partout nicht verzichten will, könnte einen Blick wagen und sich an Giffens Ausflug in klassische Comic-Abenteuer und den immer wieder eingestreuten, zeichnerischen Glanzpunkten erfreuen. Auf die massigen 340 Seiten gesehen ist das allerdings dünn, sehr dünn und wer von dem Band nicht lassen will, sollte sich aber trotz der etwaigen Enttäuschung bewusst sein: Mit Lemires Übernahme im kommenden Band wird alles anders, nichts perfekt, aber vieles besser!

„Green Arrow Megaband 1“ erscheint bei Panini Comics im Softcover, 340 Seiten, 28,00€. Autoren: Judd Winick, Dan Jurgens, Ann Nocenti und Keith Giffen Zeichner: Dan Jurgens, Steve Kurth
Simon Traschinsky

Author: Simon Traschinsky

Seit ich denken kann eigentlich Zocker, Brettspieler und passionierter Filmliebhaber, erwachte mein Interesse für das Medium Comic unglaublich spät – aber auch mit zwanzig Lenzen aufem Buckel war Nolans "The Dark Knight" so faszinierend, dass er mir die Tür zur Welt der Bildergeschichten öffnete – und ich nach dem hindurchschreiten meinen Augen nicht trauen konnte. Jahre später bin ich verloren, hole Klassiker nach, genieße Aktuelles, entdecke für mich immer noch neues, unbekanntes Terrain. Ob Gail Simones "Secret Six", Robinsons "Starman" oder Brubakers "Captain America": Von Ermüdung keine Spur, Autoren und Alben ringen wieder und wieder um den ersten Platz in meinem Fan-Herzen – und das mit Erfolg.

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